Skandinavien

Seltener zum Arzt - und dann mehr Zeit

Deutschlands Kliniken sind international nicht gerade Musterknaben, was die Verweildauer von Patienten angeht. Und auch bei den ambulanten Arztkontakten hat die Republik die Nase vorne. Skandinavien zeigt, wie es auch anders gehen kann.

Veröffentlicht: 14.03.2013, 09:16 Uhr

Uwe K. Preusker

Die Verweildauer in deutschen Akut-Krankenhäusern gilt international immer noch als hoch, auch wenn sie in Folge der Einführung des DRG-Systems bereits deutlich gesunken ist. 2010 betrug sie nach den neuesten OECD-Daten 7,3 Tage. 2003 waren es noch 8,3 Tage.

In Finnland dagegen lag die Akut-Verweildauer 2010 bei 5,4 Tagen und in Schweden bei 4,6 Tagen. In beiden Ländern wurde das DRG-System viele Jahre früher eingeführt, ist aber nicht verpflichtend wie in Deutschland.

Jedoch gibt es seit vielen Jahren eine Politik, die den Schwerpunkt der Versorgung von stationären auf ambulante Versorgungsformen verschiebt, unter anderem durch die systematische Förderung ambulanter Operationen.

Und zumindest für Finnland gilt: Ein Tag im Krankenhaus wird für den Patienten richtig teuer - er kostet aktuell 32,60 Euro Selbstbeteiligung.

Doch wie sieht es in der ambulanten Versorgung aus? Da liegt Deutschland mit der durchschnittlichen Zeit, die der niedergelassene Vertragsarzt für einen Patienten aufwendet, mit acht Minuten weit unter den Zeiten, die in Nordeuropa zur Verfügung stehen.

Auch hier wieder das Beispiel Finnland: Die Arzttermine werden standardmäßig im Halbstunden-Takt vergeben. Genau das ist auch die Zeit, die dann in den meisten Fällen für Untersuchungen und das Gespräch mit dem Patienten sowie die Dokumentation etc. zur Verfügung steht!

Paradiesische Zustände, werden nun viele deutsche Vertragsärzte sich denken - bei 60, 70 oder mehr Patienten pro Sprechstunden-Tag sind solche Zeiten eine Illusion!

Doch dafür sieht der deutsche Vertragsarzt seinen Patienten auch viel häufiger, wie auch hier die OECD-Daten zeigen: 8,9 Arztkonsultationen weist Deutschland 2010 pro Kopf der Bevölkerung auf, Finnland dagegen nur 4,3 und Schweden sogar nur 2,9!

Viele Arztbesuche durch die Vergütung begünstigt

Zwischenfazit: Kurze stationäre Verweildauern, seltene Arztbesuche - aber wenn man einen Termin beim Arzt hat, dann hat dieser auch viel Zeit für den Patienten. Das ist die aktuelle Wirklichkeit der Versorgung in den nordeuropäischen Ländern.

In Deutschland ist es in all diesen Fällen exakt umgekehrt: Die stationäre Verweildauer ist immer noch recht hoch, wenn auch tendenziell abnehmend. Gleichzeitig ist die Frequenz der Arzt-Patienten-Kontakte groß, wobei der einzelne Kontakt nur von kurzer Dauer ist.

Wie sind diese Unterschiede zu erklären? Da gibt es einmal historische und kulturelle Unterschiede: In Nordeuropa waren und sind Ärzte immer schon ein "knappes Gut". Dementsprechend hat man den Zugang zu diesem "knappen Gut" eher schwierig gestaltet.

Die Bürger reagieren darauf unter anderem mit einem relativ hohen Maß an Eigenverantwortung bei kleineren Gesundheitsstörungen. In Deutschland dagegen scheint der Arztbesuch so etwas wie ein Grundrecht zu sein. Und niemand traut sich, dieses "Grundrecht" zu beschneiden!

Doch das Vergütungssystem hat über die Jahrzehnte in Deutschland auch viele Arztbesuche begünstigt - in Nordeuropa ist das Gegenteil der Fall!

Ein Fazit ganz eigener Art zog bei der Diskussion über diese Unterschiede vor einigen Wochen ein schweizerischer MBA-Student in meiner Vorlesung über die nordeuropäischen Gesundheitssysteme: Es mag sein, dass die Patienten länger warten müssen. Aber wenn der Patient dann einmal beim Arzt ist, hat der auch richtig Zeit für ihn!

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Kommentare
Dr. Klaus Günterberg

Wir sollten nicht beklagen, worauf wir eigentlich stolz sein können.Mehr Gesundheit ist mit Aufwand verbunden, bspw. auch mit mehr Arztbesuchen.

Werter Herr Preusker,

„Die Leute gehen zu oft zum Arzt.“ bspw. im Vergleich zu Skandinavien, wird vor allem von den Kostenträgern geklagt. Hier sucht man tatsächlich häufiger den Arzt auf. Aber ist das wirklich Grund zur Klage? Zu klagen hätten allenfalls die deutschen Vertragsärzte, die bei zunehmendem Ärztemangel, vor allem, um den medizinischen Fortschritt zum Wohle ihrer Patienten umzusetzen, ihre Budgets überschreiten und immer mehr Leistungen, trotz „leistungsbegrenzender Maßnahmen“, für die Krankenkassen dann unentgeltlich, erbringen! Hier stellt sich wirklich die Ressourcenfrage.

Natürlich geht mancher mit jedem Wehwehchen zum Arzt. Wem will man das verdenken? Aber wir kennen auch den anderen Fall: „Warum kommen Sie denn erst jetzt???“ Das gibt es aber in jedem Land. Die vielen Arztbesuche hierzulande haben aber auch andere Gründe:

Wir Deutschen werden immer älter. Und mit dem Alter mehren sich Krankheiten und Behandlungen. Früher z.B. sind die Leute nach Thrombose am Schlaganfall oder an der Embolie verstorben – heute bekommen sie Gerinnungshemmer und werden dadurch älter. Drohende Gefäßverkalkungen lassen sich heutzutage verhindern; man braucht dazu aber auch täglich Medikamente und die regelmäßige ärztliche Überwachung der Gerinnung.
Mit dem Alter und dem Verschleiß, mit den Beschwerden an Knochen, Rücken und Gelenken hat man sich früher abgefunden – heute brauchen wir CT, MRT und Mikrochirurgie, Knorpel-Reparatur und künstliche Gelenke; wenigstens wollen wir mobil und schmerzfrei sein.
Früher hat der Krebs das Schicksal stets besiegelt, heute nicht immer. Das Beispiel Brustkrebs zeigt das am besten: Diese Diagnose war früher ein Todesurteil; erst ging die Brust verloren, dann das Leben. Heute ist das die Ausnahme, meist bleibt die Brust erhalten, teure Medikamente, über Jahre gegeben, verhindern den Rückfall. Viele Menschen haben inzwischen sogar mehrere Krebserkrankungen überlebt. Aber die jahrelange Nachbehandlung erfordert auch regelmäßige Arztbesuche.
Für die HIV-Infektion, für Diabetes und andere Krankheiten gilt das Gleiche: Für eine bessere Behandlung muss man öfter zum Arzt. Müssen wir diese Entwicklung beklagen?
Wer heute schwanger ist, erwartet ein gesundes Kind; viele Erkrankungen lassen sich schon vor der Geburt erkennen, manche lassen sich verhindern. Wer keine Kinder bekommen kann, erwartet Hilfe. In der Kinderwunschbehandlung und der Schwangerenbetreuung leistet Deutschland Vorbildliches. Doch, wie soll das alles ohne Arztbesuche gehen?
Wir fördern prophylaktische Maßnahmen: Vorsorge-Untersuchungen der Neugeborenen und Kinder, Impfungen, allgemeine Früherkennungs-Untersuchungen Erwachsener, dann speziell für den Mann, für die Frau, gegen Brust-, Darm- und Hautkrebs, wir führen neue Impfungen ein. Zweimal jährlich sollte man vorsorglich zum Zahnarzt gehen; kleine Schäden bereiten nur kleine Kosten. Prophylaxe ohne Arztbesuch?

Gibt es wirklich Grund zur Klage? Wir kennen das Problem verkürzten Denkens auch aus der Impfpraxis: Über Krankheiten, die nicht mehr auftreten, spricht man nicht mehr. Wer hat denn noch ein durch Poliomyelitis gelähmtes Kind gesehen, wer weiß noch, dass der Tod an Diphtherie ein qualvolles Ersticken bedeutet? Wer weiß noch, dass die Masern zur schwersten Hirnschädigung führen kann? Die Leute fürchten nicht mehr die Krankheit, sie beklagen die Spritze. So beklagen die Krankenkassen schon lange die steigenden Kosten der Medikamente. Über bekämpfte Krankheiten und die Kosten der Impfstoffe sprechen sie nicht. Nun beklagt man auch die Arztbesuche.

Wir haben hier ein Beispiel verkürzten Denkens. Man spricht bei solchen Erscheinungen auch volkstümlich von dem „Prinzessin-auf-der-Erbse“-Syndrom oder auch von dem Prinzip „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“
Nun ist das Klagen schon dort angekommen, wo wir auf Erreich


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