Berufspolitik

Sind Jungs gut, wenn sie sich wie Mädchen verhalten?

Kinder- und Jugendarzt Tilman Kaethner ist sicher: Zu viele Jungen werden therapiert, weil sie falsche Rollenerwartungen nicht erfüllen.

Von Christian Beneker Veröffentlicht: 29.07.2009, 05:00 Uhr
Sind Jungs gut, wenn sie sich wie Mädchen verhalten?

Gemeinsam die Welt entdecken: An Jungs werden oft Ansprüche gestellt, die sie nur schwer erfüllen können.

© Foto: imago

HANNOVER.Jungs müssen toben. Laut Tilman Kaethner, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen, werden überdurchschnittlich oft Heilmittel, sowie Sprach- und Ergotherapie bei Jungen verordnet. Eine teure Fehlversorgung, wie Kaethner meint.

Der Arzt und Vater von sechs Jungen kritisiert die Grundhaltung vieler Eltern und Erzieherinnen: "Ein guter Junge ist ein Junge, der sich wie ein Mädchen verhält". Die Jungs, die viel lieber Rabauken wären, sollen wie die Mädchen "im Kreis still sitzen, malen und erzählen." Wenn das nicht klappt, wird therapiert. Denn im Vergleich zu den Mädchen erschienen Jungen irrtümlich in ihrer Entwicklung verzögert.

Ein immer größer werdender Teil der Jungen werde den Ansprüchen der Betreuenden nicht gerecht, sagt Kaethner. Er räumt allerdings ein, dass es durchaus auch Jungen gebe, die einer heilpädagogischen Förderung bedürfen.

Niedersachsen lag im Jahr 2007 im Ländervergleich mit den Kosten für Heilmittel und hier im Speziellen für Ergotherapie und Sprachtherapie mit 65,04 Euro je Versicherten über dem Bundesdurchschnitt von 57,77 Euro, hieß es. Von der AOK Niedersachsen vorgelegte Zahlen zeigen, dass doppelt so viele Jungen wie Mädchen in Niedersachsen eine Sprachtherapie erhalten. In Alter von sechs Jahren erhält fast jeder fünfte Junge eine Therapie. Ähnlich bei der Ergotherapie: Mit 132 von 1000 Jungen sind nahezu dreimal so viel Jungen in Behandlung wie Mädchen.

So würden immer mehr Mütter auf Anraten der Erzieherinnen und Lehrerinnen mit ihrem Sohn zum Arzt geschickt, um dem Kind Ergotherapie verschreiben zu lassen. Kaethner will stattdessen, dass Ärzte die Eltern auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede der Kinder hinweisen.

Auch im Hinblick auf Kostenersparnisse meint Kaethner: "Unter engmaschiger Beobachtung dieser Jungen sind dann therapeutische Maßnahmen nur noch in weitaus geringerem Umfang oder gar nicht mehr notwendig. Dies hilft den Kindern, den Eltern und zu guter Letzt auch uns Ärzten im Verhältnis zu den Eltern."

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