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Viele Wege aus dem Hamsterrad

Auf mehr als 900 Seiten macht der Sachverständigenrat Vorschläge zur Zukunft der hausärztlichen Versorgung. Eine nützliche Lektüre auch für Praktiker.

Helmut LaschetVon Helmut Laschet Veröffentlicht:
Arbeit ohne Ende: Volle Wartezimmer in einer Landarztpraxis im brandenburgischen Briesen.

Arbeit ohne Ende: Volle Wartezimmer in einer Landarztpraxis im brandenburgischen Briesen.

© Foto: dpa

Mehr als 18 Stunden am Tag würde ein Hausarzt benötigen, wollte er seine Patienten bei der derzeit üblichen Organisation evidenzgerecht versorgen. Das ist nicht zu schaffen, konstatiert der Gesundheits-Sachverständigenrat in seinem am Dienstag in Berlin vorgestellten Gutachten.

Trotz aller Abstriche, die Ärzte mitunter schweren Herzens machen: nirgendwo in Europa arbeiten niedergelassene Mediziner, Hausärzte insbesondere, so hart wie in Deutschland, erläutert Professor Ferdinand Gerlach, Allgemeinarzt und Ratsmitglied, der "Ärzte Zeitung". 17,9mal konsultiert der Bundesbürger jährlich einen Arzt. Jeden Montag finden sich fast acht Prozent der Bevölkerung in Arztpraxen ein. Der Spitzenwert von 11,8 Prozent - das sind 9,6 Millionen Patienten an einem Tag - wurde Anfang Oktober 2007 gezählt. Pro Arzt 74 Patienten.

Das ist krank.

Patienten sehen sich am Fließband abgefertigt, Ärzte leiden unter Frustration und Burn out. Der Nachwuchs wird abgeschreckt.

So verschwenderisch kann nicht weiter mit Ärzten umgegangen werden, konstatiert der Sachverständigenrat. In seinem neuesten Gutachten hat er sich eingehend mit dem Gesamt-Lebenszyklus von Ärzten - von der Berufsentscheidung, der Gestaltung des Studiums und der Weiterbildung, der praktischen Tätigkeit und ihrer Organisation bis hin zur Übergabe an Praxisnachfolger auseinandergesetzt.

Das vor dem Hintergrund, dass angesichts von Multimorbidität, wachsender Bedeutung chronischer Krankheiten und mehr Pflegebedürftigkeit Gesundheitsvorsorgung noch komplexer wird und Patienten kompetente Organisationsleistung brauchen. Und vor dem Hintergrund, dass heute etwa 70 Prozent Frauen in den Arztberuf streben. Sie werden künftig weniger Wochenstunden leisten als heutige Praxisinhaber, erst recht werden sie die Arbeitsfülle einer Landarztpraxis nicht als Einzelkämpfer bewältigen können und wollen.

Neue Organisationsformen sind nötig und möglich. Aber neuer Gesetze bedarf es nicht unbedingt. Der Sachverständigenrat macht hierzu viele praktische Vorschläge:

Delegation und Aufgabenteilung im Team: Der Arzt wird zum Koordinator und Moderator mit Letztverantwortung. Voraussetzungen: hinreichende Praxisgröße, Honorierung von Teamleistungen und nicht nur der persönlichen Leistungserbringung. Bei medizinischer Prävention (Patientenschulungen, Impfungen, Recall-Systeme) und bei Langzeitbetreuung chronisch Kranker können MFAs wichtige Aufgaben, etwa Monitoring und Dokumentation, übernehmen. Der Arzt wird entlastet und kann sich auf komplexe medizinische Probleme konzentrieren.

Persönliche Arzt-Patienten-Beziehung: Für Patienten ist dies essenziell, sie fürchten die Anonymität größerer Organisationen. Empfehlenswert seien daher Kleinteams mit einem Hausarzt an der Spitze innerhalb einer größeren Primärversorgungspraxis.

Dezentrale Versorgung auf dem Land: In Gemeinden ohne Hausarzt werden Räume vorgehalten, in denen verschiedene Hausärzte aus der Umgebung zeitweilig praktizieren. Flankierend können Kommunen die Niederlassung von Landärzten durch Beihilfen für Investitionen fördern, KVen können Anreize setzen: 25 Prozent Honorarzuschlag, Starthilfen, Regressbefreiung.

Zentrale Hausarztversorgung: Sie ist in Mittelzentren angesiedelt, für Patienten stehen Fahrdienste zur Verfügung, die gleichzeitig von Praxismitarbeitern und deren Familien und Kindern genutzt werden können.

In welcher Rechtsform und welcher Trägerschaft das organisiert wird, soll individuell in der jeweiligen Region entschieden werden. Eine Überlegenheit einer bestimmten Organisationsform sei gegenwärtig nicht zu erkennen. Aber auch kein Risiko, dass MVZ in Klinikträgerschaft die ambulante Versorgung überrollen.

"SCHAAZ" - wie gewinne ich Nachwuchs?

Das Problem: In Teilen des südhessischen Kreises Darmstadt-Dieburg herrscht seit 2006 Unterversorgung, drei Viertel der Praxisinhaber wollen in Rente, finden aber keine Nachfolger.

Konzept: Eine Gruppe von Hausärzten initiiert das "Schaafheimer Arzt- und Apothekerzentrum Schafheim, SCHAAZ". Sechs Hausärzte aus drei Praxen schließen sich in einem Neubau zusammen und binden Zahnärzte, Physiotherapie, Apotheke und regionales Krankenhaus in ihre Kooperation ein. Gynäkologin und HNO-Ärztin bekommen Sprechstunden bei Hausärzten. Shuttlebus-Service für Patienten. Optimierung chronisch Kranker durch VERAH.

Effekt: Bereits in der Planungsphase bekamen die Initiatoren nach Bekanntwerden etliche Anfragen interessierter Nachwuchsmediziner. (HL)

Lesen Sie dazu auch: Massive Nachhilfe für eine neue Hausarzt-Generation

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