Welche Chancen hat personalisierte Medizin?

Die Therapie- und Diagnosemöglichkeiten werden sich durch die personalisierte Medizin stark verändern, darin sind sich viele Experten einig. Nicht einig sind sie sich bei der Frage, ob dadurch Kosten für das Gesundheitswesen sinken. Auch muss die Wirtschaftlichkeit der neuen Therapien überprüft werden.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Labortests für die personalisierte Medizin: Welche Arzneien können einem Patienten helfen?

Labortests für die personalisierte Medizin: Welche Arzneien können einem Patienten helfen?

© NiDerLander / fotolia.com

KÖLN. Egal wie groß die Hoffnungen auf die Möglichkeiten der personalisierten Medizin sind - auch die neuen individualisierten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten müssen vor einer breiten Anwendung ihre Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit unter Beweis stellen.

"Jede Technologie muss sich der Wirtschaftlichkeitsfrage stellen. Das gilt für die personalisierte Medizin genauso wie für jede andere Medizin", sagte der Pharmakoökonom Professor Oliver Schöffski auf dem Kongress "PerMediCon" in Köln.

Der Lehrstuhlinhaber für Gesundheitsmanagement der Universität Erlangen-Nürnberg erwartet nicht, dass durch eine breite Einführung der personalisierten Medizin die Kosten im Gesundheitswesen sinken.

"Die gezielte Behandlung des einzelnen ist eine teure Medizin", sagte er. Durch die Verkleinerung des Patientenkreises werde das einzelne Produkt teurer. Ein Einsparpotenzial sieht Schöffski im Bereich der Studien.

Durch den Einsatz der neuen Methoden sinke die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns einer Studie, sagte er.

Der Gemeinsame Bundesausschuss habe bislang zu den typischen Anwendungen der personalisierten Medizin noch keine Entscheidungen treffen müssen, sagte der Abteilungsleiter Fachberatung Medizin Dr. Mathias Perleth.

Klar sei aber, dass der Nutzen und der Zusatznutzen als zentrale Bewertungsdimensionen auch in diesem Bereich eingefordert werden müssen.

Perleth verwies auf eine entscheidende Frage: "Schlägt sich der Anspruch, den Erkrankungsbeginn mit Hilfe von Biomarkern früher zu erkennen, auch in einem Nutzen, etwa einem längeren Überleben der Patienten, nieder?"

Der Molekularbiologe Professor Theo Dingermann setzt große Hoffnungen in die personalisierte Medizin. Er sieht die molekulare Diagnostik als Schlüsseltechnologie der modernen Medizin. "Die molekulare Diagnostik wird das Gesundheitssystem aus der Misere holen."

Durch die neuen Verfahren werde es nicht nur möglich, zwischen gesunden, gefährdeten und kranken Menschen zu unterscheiden. Die Wissenschaftler könnten auch feststellen, ob ein Medikament bei einem Patienten wirksam, partiell wirksam oder unwirksam ist, und ob es verträglich, problematisch oder unverträglich ist.

"Wir können uns davon entfernen, dass jeder aufgrund von Statistiken behandelt wird", sagte Dingermann.

Der Wunsch, Patienten möglichst individuell zu behandeln, sei nicht das eigentlich Neue an der personalisierten Medizin, sagte der Pharmakogenetiker Professor Ivar Roots. Das sei immer schon das Bestreben von Ärzten gewesen.

Neu sei die Möglichkeit, recht präzise Informationen über den einzelnen Patienten zu erhalten. "Jeder trägt Eigenschaften in sich, die ihn in einer bestimmten Situation deutlich unterscheiden von anderen Patienten."

Patienten werden zukünftig einfordern können, dass ihre spezifische Situation berücksichtigt wird, prognostizierte Roots. "Darauf muss der Arzt sich einstellen und das vielleicht auch anderen Patienten anbieten." Das zeige, dass die personalisierte Medizin durchaus Kosten verursachen könne.

Bei der personalisierten Medizin gehe es nicht um Einsparungen, sondern um die sinnvolle Mittelverwendung, betonte Professor Günter Huhle, Geschäftsführer der Janssen-Cilag GmbH. "Wir werden in Zukunft nicht weniger Euro ausgeben, aber wir werden sie zielgerichteter ausgeben."

Angesichts der gesellschaftlichen Debatte über die Mittelverteilung im Gesundheitswesen müssten die Unternehmen, die in diesem Bereich aktiv sind, den Dialog mit den Betroffenen und der Politik suchen. "Es ist wichtig, dass wir validierte Parameter zur Verfügung haben, die wir in die Diskussion einbringen können", sagte Huhle.

90 Prozent der Medikamente wirkten bei 60 Prozent der Patienten kaum, sagte der Vorstandsvorsitzende des niederländischen Diagnostikunternehmens Qiagen Peer Schatz.

"Das sind 400 Milliarden Euro Umsatz, die man als Fehlerkosten bezeichnen könnte." Die personalisierte Medizin erlaube es, Informationen besser zu verwerten und die Therapie auszuwählen. "Personalisierte Medizin ist keine vage Vision mehr, sie ist absolute Realität", so Schatz.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Landessozialgericht Berlin-Brandenburg

Anspruch auf Kassenleistung geht nicht nach Glaubensfreiheit

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Digitale Integration: In der elektronischen Patientenakte sollen sämtliche Befunde, Verordnungen und Behandlungsstationen eines Patienten gespeichert werden. Den mündigen Umgang damit, müssen viele erst noch lernen.

© Andrea Gaitanides / stock.adobe.com

Datenschutz im Praxisalltag

ePA 2026: Schutzlücken bleiben – wie sie im Alltag umschifft werden können