Bertelsmann-Stiftung

Bessere Versorgung nur mit weniger Kliniken möglich

Nur noch 600 Kliniken – und nahezu alle Probleme in der deutschen Krankenhauslandschaft wären gelöst? Eine Bertelsmann-Studie sorgt für erheblichen Wirbel.

Christiane BadenbergVon Christiane Badenberg Veröffentlicht:
Laut IGES-Studie ließen sich durch die Konzentration auf deutlich unter 600 Kliniken viele Komplikationen und Todesfälle vermeiden.

Laut IGES-Studie ließen sich durch die Konzentration auf deutlich unter 600 Kliniken viele Komplikationen und Todesfälle vermeiden.

© VILevi / stock.adobe.com

GÜTERSLOH. Eine bessere Versorgung ist nur mit weniger Kliniken möglich. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellte IGES-Studie.

Viele Krankenhäuser in Deutschland seien zu klein und verfügten nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt angemessen behandeln zu können, heißt es dort.

Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Konzentration auf deutlich unter 600 statt der heute knapp 1500 Plankrankenhäuser vermeiden, so die Experten. Denn eine Konzentration von Standorten würde zu einer besseren Ausstattung der Krankenhäuser sowie zu einer höheren Spezialisierung und einer besseren Versorgung durch Fachärzte und Pflegekräfte führen, zeigen sich die Experten überzeugt.

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Großraum Köln/Leverkusen hielt als Simulationsobjekt her

Für die Studie ist das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) der Frage nachgegangen, wie eine Versorgung durch Kliniken aussehen würde, wenn es nicht in erster Linie um die schnelle Erreichbarkeit, sondern um Qualitätskriterien gehen würde.

Dazu zählen zum Beispiel eine gesicherte Notfallversorgung, eine ständige Facharztbereitschaft, erfahrenes Personal sowie eine angemessene technische Ausstattung. Zunächst haben führende deutsche Krankenhausexperten wie Professor Boris Augurzky vom RWI, Professor Reinhard Busse von der TU Berlin oder Professor Max Geraedts von der Uni Marburg ein Zielbild entwickelt, das sich an den genannten Kriterien orientiert.

Danach berechnete das IGES in einer Simulation, wie sich diese Vorgaben auf die Kliniklandschaft auf den Großraum Köln/Leverkusen auswirken würde. Diese Region ist städtisch und ländlich geprägt.

Das Ergebnis: Mit 14 statt den derzeit 38 Akut-Krankenhäusern wäre die Versorgung besser, ohne dass die Patienten wesentlich längere Fahrzeiten in Kauf nehmen müssten. Die Bündelung von medizinischem Gerät und Personal würde die Versorgungsqualität in den verbleibenden Häusern verbessern, heißt es. Vor allem in der Notfallversorgung und bei planbaren Operationen.

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„Realitätsfern“ oder „längst überfällig“

Die Reaktionen auf die Bertelsmann-Krankenhaus-Studie sind mehrheitlich negativ, aber es gibt auch einige positive Stimmen.

Die von der Bundesregierung eingesetzte ‚Kommission gleichwertige Lebensverhältnisse‘ hat gerade erst die Bedeutung der Daseinsvorsorge und Sicherung einer gut erreichbaren, wohnortnahen Gesundheitsinfrastruktur herausgestellt und das Bundesgesundheitsministerium die Förderung von 120 kleineren Kliniken bundesweit beschlossen. Da ist es schon mehr als befremdlich, wenn die Bertelsmann-Stiftung jetzt pauschal von die Schließung von 800 Krankenhäusern fordert“, kommentiert der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, die Studie.

„Hinter der Zentralisierung, die die Bertelsmann-Stiftung vorschlägt, steht die Einschätzung, dass die medizinische Versorgungsqualität nur in Großkrankenhäusern gut beziehungsweise besser werden könnte. Das ist eine absolut unbelegte Einschätzung“, sagt Dr. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), zur Studie.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Nordwest hält die Diskussion über die Zahl der Pflegeberufe für lange überfällig. Die Patientensicherheit leide derzeit an einer über die verfügbaren Personalressourcen hinweg aufgeblähten Krankenhauslandschaft.

Es sei auch Teil der Wahrheit, dass die Qualität der medizinischen Versorgung nicht gehalten werden könne, wenn das Fachpersonal nicht zur Verfügung stehe, heißt es in einer Mitteilung des Verbandes.

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Personal bei Spezialisierung benötigt

Bestätigt in seiner Politik sieht sich laut Medienberichten der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne). Krankenhäuser müssten die notwendige Spezialisierung und die Breite des medizinischen Spektrums mit ausreichend Personal abbilden können.

Das seien nun einmal vor allem größere und besonders leistungsfähige Häuser, so Lucha. Im Südwesten gebe es zahlreiche Beispiele, wie aus vielen kleinen Kliniken große leistungsfähigere Häuser entstehen würden.

Der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) fehlt dagegen bei der Studie der Realitätsbezug. „Für die im Gutachten vorgeschlagene Reduzierung der Anzahl der Krankenhäuser in der Region Köln/Leverkusen von 45 auf 12 oder 14 Standorte sind erhebliche Investitionen notwendig, die an keiner Stelle erwähnt oder beziffert werden. Allein für diese grundlegende Umstrukturierung wären nach unseren überschlägigen Berechnungen Mittel in Höhe von bis zu 3,3 Milliarden Euro erforderlich“, kritisiert KGNW-Präsident Jochen Brink.

Das Geld müsse vom Land kommen, aber bereits jetzt fehlten den 344 Krankenhäusern in NRW jährlich rund eine Milliarde Euro an Fördermitteln von der Landesregierung. Auch würden kartellrechtliche Gründe, die Zusammenschlüssen im Weg stünden, völlig außer acht gelassen.

Wir haben den Beitrag aktualisiert und verlängert am 15.07.2019 um 16:01 Uhr.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Weniger ist mehr

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