Berufspolitik

Wenn KV-Mitarbeiter den Praxisalltag schnuppern

DÜSSELDORF. Morgens um acht Uhr den ersten Patienten begrüßt, zwölf Stunden später ist immer noch nicht aller Papierkram erledigt - 50 Mitarbeiter der KV Nordrhein (KVNo) konnten am eigenen Leib spüren, wie der Arbeitsalltag in den Praxen vieler niedergelassener Ärzte aussieht. Sie haben in den ersten Wochen dieses Jahres jeweils einen Tag in der Praxis zweier Ärzte verbracht.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:
"Man merkt, wie groß die Belastung durch Vorgaben und Anfreagen von Kassen und KV ist."
Bernhard Brautmeier KVNo-Hauptgeschäftsführer

"Man merkt, wie groß die Belastung durch Vorgaben und Anfreagen von Kassen und KV ist." Bernhard Brautmeier KVNo-Hauptgeschäftsführer

© Foto: KV No

"Wir wollten, dass sie ein Gefühl dafür entwickeln, was eigentlich in den Arztpraxen passiert", berichtet KVNo-Hauptgeschäftsführer Bernhard Brautmeier. Teilgenommen an der Hospitation haben leitende Mitarbeiter, vom Abteilungsleiter aufwärts. Brautmeier selbst hospitierte bei einem Allgemeinmediziner und einem Augenarzt. "Das war eine tolle Erfahrung", sagt er.

Es ging um neue Erfahrungen, nicht um Kontrolle

Es sei klar gewesen, dass es bei dem ungewöhnlichen Besuch nicht um Kontrolle ging. "Die Ärzte haben jeweils entschieden, in welchen Bereichen wir dabei sein durften und in welchen nicht." Er selbst hat viele unterschiedliche Abläufe und Stationen kennengelernt, vom Empfang über die Blutabnahme zum Belastungs-EKG.

"Ich fand es am Empfang am spannendsten", sagt er. Brautmeier ist immer noch beeindruckt, wie gut die medizinischen Fachangestellten ihre Arbeit organisiert haben und wie kompetent sie auf die Anforderungen reagieren. "Auch wenn ein Patient nach dem anderen am Tresen stand, haben sie sich nicht aus der Ruhe bringen lassen."

Bei Arzt-Patienten-Gesprächen war Brautmeier nicht dabei. Andere wurden aber auch dort einbezogen, wenn die Patienten einverstanden waren. "Einmal hat mich der Hausarzt extra ins Behandlungszimmer gerufen, damit ich miterleben konnte, wie er einem Patienten die Rabattverträge erklärt hat", berichtet KVNo-Sprecherin Ruth Bahners.

Auch wenn das Problem der Bürokratisierung den KV-Mitarbeitern bekannt war - das hautnahe Miterleben in der Praxis habe ein ganz anderes Gefühl dafür vermittelt, sagt sie. "Man merkt, wie groß die Belastung durch Vorgaben und Anfragen von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen ist." Oft hätten gerade die Helferinnen Bahners offensiv auf Probleme hingewiesen, beispielsweise bei der Dokumentation in Disease-Management-Programmen.

Die Hospitanz habe den KV-Angestellten vor Augen geführt, welche wichtige Rolle die medizinischen Fachangestellten in den Praxen spielen, sagt Brautmeier. "Die Praxen leben durch gut eingespielte Teams."

Der Ausflug in den Praxisalltag sollte den KV-Mitarbeitern auch Ideen bringen, mit welchen Dienstleistungen die KV den Niedergelassenen das Leben erleichtern kann, so der Hauptgeschäftsführer. Sinnvoll wären nach den Erfahrungen mehr Unterstützungsangebote für die medizinischen Fachangestellten. Er denkt etwa an Kommunikations- oder Telefontraining oder Schulungen für den Umgang mit den DMP.

Gefordert sieht Brautmeier die KV auch dabei, die Ärzte stärker in der Handhabung der unterschiedlichen Sonderverträge zu unterstützen. Gerade dieses Thema brenne den Ärzten auf den Nägeln. "Wir haben uns vorgenommen, hier schnell eine klare Übersicht zu schaffen."

Bei den Niedergelassenen sei die Idee der Hospitation von KV-Mitarbeitern auf große Resonanz gestoßen. Nur wenige wollten nicht mitmachen. "Die Ärzte haben uns die Tür in dem Bewusstsein aufgemacht: Wir haben etwas vorzuzeigen", sagt Brautmeier.

Allgemeinarzt begrüßt den Blick hinter die Praxis-Kulisse

Es sei positiv, dass die KV diesen neuen Weg einmal ausprobiert hat, sagt Dr. Michael Weyer, Allgemeinmediziner in Dinslaken, der sich an dem Projekt beteiligt hat. "So können sich die Mitarbeiter besser vorstellen, was bei uns in den Praxen so abläuft." Sie hätten einen Einblick in Dinge bekommen, die Arbeit und Probleme machen, ohne dass es sonst nach außen sichtbar wird. Allerdings sei der Hospitant immer ein Fremdkörper geblieben, auch die Patienten hätten ihn als jemanden wahrgenommen, der nicht in die Praxis gehört, berichtet er.

Selbst wenn sich beide Seiten große Mühe geben - mehr als einen kleinen Einblick könne so ein Aufenthalt in der Praxis nicht bieten, sagt Weyer. "Ich weiß nicht, ob wir unsere Sorgen und Nöte auf diese Weise wirklich rüberbringen können."

STICHWORT

Hospitanz in Arztpraxen

50 leitende Mitarbeiter der KV Nordrhein haben in den Praxen niedergelassener Ärzte hospitiert. Sie wollten sich einen Eindruck über den Arbeitsalltag der KV-Mitglieder verschaffen und gleichzeitig Ideen sammeln, wie die KV die Ärzte besser unterstützen kann. Die Mitarbeiter haben die Erfahrungen anonymisiert dokumentiert. Die KVNo wird die Auswertung allen Teilnehmern zur Verfügung stellen. Sie erwägt, künftig alle leitenden Mitarbeiter einmal im Jahr für einen Tag in eine Praxis zu schicken. (iss)

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