Berufspolitik

Wie Senioren die Medizin verändern

Ein langes Leben hat seinen Preis: Dank des Fortschritts werden wir immer älter - und kränker. Für die Hausärzte wird sich deswegen einiges ändern müssen.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Pillen zählen ist für multimorbide Patienten Alltag. Häufig tippen sie daneben. Der Hausarzt bekommt davon selten etwas mit.

Pillen zählen ist für multimorbide Patienten Alltag. Häufig tippen sie daneben. Der Hausarzt bekommt davon selten etwas mit.

© Scott Griessel / Photos.com

BERLIN. Die Lektüre alter Gesundheitsberichte lässt an der Treffsicherheit von Prognosen zweifeln.

So schwärmte der Gesundheitsbericht der rot-gelben Koalition unter Willy Brand (SPD) davon, dass jenseits der Jahrtausendwende die Prävention absolut gleichwertig neben der Kuration und der Rehabilitation stehen werde.

Transplantationen seien dann für jeden selbstverständlich. Erkältungen ließe sich einfach per Schluckimpfung vorbeugen.

Jeder weiß, dass es anders gekommen ist. Schlechter ist es allerdings nicht geworden.

Ablesen lässt sich das an der durchschnittlichen Lebenserwartung in Deutschland, die seit der Kanzlerschaft Willy Brandts um fast zehn Jahre gestiegen ist, wie unter anderem Zeitreihen der Weltbank belegen.

Mehr Prävention soll Morbidität ausbremsen

Das Gesundheitssystem muss auf die Alterung der Gesellschaft reagieren. "Die Demografie verlangt, Einfluss auf die Morbiditätsentwicklung zu nehmen", sagte Professor Bärbel-Maria Kurth vom Robert Koch-Institut (RKI) beim Medizinkongress der Barmer GEK und des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen.

Das heiße, die Primärprävention solle die Krankheitslast dämpfen, die sonst in 20 oder 30 Jahren die Kapazitäten der Gesellschaft und insbesondere des Gesundheitswesens heraus- oder sogar überfordern könnte.

Dieser Prozess sei bereits in Gang. Deshalb rechnet Kurth nicht damit, dass der Alterungsprozess zu einem von heute aus hochgerechneten proportionalen Anstieg der Krankheits- und Behinderungslast führen wird.

Die vorbeugende, aber auch die sich ständig verbessernde kurative Medizin haben großen Anteil an der steigenden Lebenserwartung.

Der Tod durch Herzinfarkt oder Rauchen ist auf dem Rückzug. Eine verbesserte akutmedizinische Versorgung und Anti-Tabak-Kampagnen haben dazu beigetragen.

Mehr Auswertungen braucht das Land

Die mit dem Fortschritt älter werdenden Menschen werden öfter krank sein, sagte Kurth voraus. Viele würden mindestens eine chronische Krankheit entwickeln, Multimorbidität nehme zu.

Um besser abschätzen zu können, was die Morbiditätsveränderungen tatsächlich mit sich brächten, sollten Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes mit Daten der Krebsregister, der Kassen, der Krankenhausdiagnosestatistik oder der Gesundheitssurveys gemeinsam ausgewertet werden.

Auch regionalspezifische Prognosen seien nützlich. Mit dem morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich lasse sich zum Beispiel feststellen, dass die ländlichen Gebiete der neuen Bundesländer künftig von einer älteren und kränkeren Bevölkerung bewohnt werden würden als die Zentren und der Westen.

Gesundheitsvorsorge der Zukunft entwickelt sich zu einer Querschnittsaufgabe der Politik. Bildung und die soziale Lage spielten eine Rolle bei der Verteilung von Morbidität, bestätigte Kurth.

Schlecht ausgebildte Menschen und Arbeitslose seien oft kränker als andere. Auf diese Faktoren aber habe das Gesundheitssystem keinen Einfluss.

Profil der Hausarztpraxen steht vor Veränderungen

Diese Veränderungen werden in der Hausarztpraxis ankommen, war sich Professor Ferdinand Gerlach vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt sicher.

Um ihnen zu begegnen, empfahl er die Abkehr von der "Dominanz des Dringlichen" und eine Hinwendung zur Langzeitbetreuung von Patienten mit Mehrfacherkrankungen.

Die meisten Ärzte wüssten nicht, welche Medikamentenmixturen ihre Patienten tatsächlich einnähmen. Untersuchungen hätten ergeben, dass keine sechs Prozent der Patienten die Empfehlungen der Ärzte so umsetzten wie verordnet.

Gerlach schlägt Hausärzten daher vor, Formen nachhaltiger Betreuung multimorbider Patienten zu entwickeln. Dies werde künftig das Profil der Allgemeinmedizin bestimmen.

Auch die Behandlung von Menschen mit KHK oder Bluthochdruck sei mangelhaft, sagte Gerlach. Selbst unter den Patienten mit bekannter KHK hätten mehr als die Hälfte einen erhöhten Blutdruck.

Bevölkerungsweit gelinge eine adäquate Blutdruckkontrolle nur bei sieben Prozent der hypertonen Männer und 13 Prozent der Frauen.

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