Interview

"Angestellte Ärzte: Diese Entwicklung stellt KVen in Frage"

Die KV Rheinland-Pfalz nimmt die angestellten Ärzte in den Blick. Der Bundesverband der Medizinischen Versorgungszentren (BMVZ) hält das für überfällig. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" fordert BMVZ-Chef Dr. Bernd Köppl neue Strukturen in der ärztlichen Selbstverwaltung.

Angela MisslbeckVon Angela Misslbeck Veröffentlicht:
"Angestellte Ärzte: Diese Entwicklung stellt KVen in Frage"

© BMVZ

Dr. Bernd Köppl

» geboren 1948, Facharzt für Anästhesie.

» bis 2001 Mitglied des Abgeordnetenhauses in Berlin (Bündnis 90/Die Grünen), seit 2009 Vorsitzender des Bundesverbands MVZ. Sein Amt als Verbandsvorsitzender des BMVZ übergibt er am 19. September an Nachfolger Dr. Peter Velling.

Ärzte Zeitung: In fünf Jahren sind mehr als die Hälfte der ambulant tätigen Ärzte angestellt, prognostiziert die KV Rheinland-Pfalz. Teilen Sie diese Einschätzung?

Dr. Bernd Köppl: Wir halten diese Zahlen für sehr hoch gegriffen. Der BMVZ geht davon aus, dass in fünf Jahren etwa 30 bis 40 Prozent der KV-Ärzte angestellt sein werden. Aber auch das ist eine Größenordnung, an der das KV-System nicht mehr vorbeikommt. Die KVen schrecken jetzt auf. Einige KV-Funktionäre sehen jetzt, dass diese Entwicklung die KVen insgesamt in Frage stellt. Denn man kann keine Institution verteidigen, in der knapp die Hälfte der Mitglieder nicht mehr repräsentiert ist und die andere Hälfte der Niedergelassenen sie als interne Fremdkörper ansieht. Das untergräbt die Legitimation der KVen. Dass die KVen darüber nachdenken ist positiv, aber es kommt sehr, sehr spät.

Angestellte Ärzte finden sich kaum in den Selbstverwaltungsgremien der KVen, kritisiert der BMVZ.

Wir haben das erhoben: Von 681 Mandaten, die in den KVen zum Jahresbeginn bundesweit vergeben wurden, gingen weniger als zwei Prozent an angestellte Ärzte. Sie machen aber jetzt schon einen Anteil von 27 Prozent aller ambulant tätigen Ärzte aus.

Ist diese geringe Repräsentanz ein Systemfehler oder liegt es am mangelnden Engagement der Kollegen?

Das ist in erster Linie ein Systemfehler. Das KV-System ist ein System der Selbstständigen. Da passen angestellte Ärzte nicht gut hinein. Viele Niedergelassene in der Selbstverwaltung betrachten angestellte Ärzte immer noch als Ärzte zweiter Wahl. Aber natürlich gibt es auch Motivationsprobleme bei angestellten Ärzte. Sie sind ja deshalb angestellt, weil sie einen Teil der Verantwortung an den Arbeitgeber abgeben wollen. Dazu gehört auch das komplizierte Verhältnis zur KV. Für viele angestellte Ärzte ist die KV noch nicht "ihre Selbstverwaltung".

Welche Rolle kommt den MVZ als Arbeitgebern dabei zu?

Die Arbeitgeber in den MVZ sollten angestellte Ärzte mehr ermutigen, sich um KV-Angelegenheiten zu kümmern. Wenn MVZ-Träger selbst niedergelassene Ärzte sind, ist das unkompliziert. Doch viele Krankenhaus-MVZ sehen keinen Nutzen darin, wenn sich MVZ Ärzte in der KV engagieren wollen.

Was müsste passieren, damit angestellte Ärzte im KV-System angemessen repräsentiert sind?

Wir bewerten es als wichtigen Durchbruch, dass nun immerhin alle KVen einen Ausschuss für angestellte Ärzte eingerichtet haben. Damit gibt es eine Institution innerhalb der Selbstverwaltung, die diese Interessen berücksichtigt. Das ist ein Anfang. Der BMVZ hatte auch überlegt, für angestellte Ärzte – wie für Psychotherapeuten – einen eigenen Wahlkörper einzurichten. Der sollte sich jeweils und KV-spezifisch am Anteil der Angestellten an der Versorgung bemessen. Bei 27 Prozent angestellten Ärzten in der Versorgung würden also auch 27 Prozent der Sitze in der Vertreterversammlung von Angestellten besetzt werden. In der KBV könnte die dritte Vorstandsposition – neben den Fach- und Hausärzten - mit einem angestellten Kollegen besetzt werden. Das wäre ein deutliches Zeichen.

Die KV Rheinland Pfalz zeigt sich überrascht über das hohe Durchschnittsalter der angestellten Ärzte. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Der Anteil älterer Ärzte, die angestellt tätig sind, wird völlig unterschätzt. Wenn MVZ Praxen übernehmen, bieten sie den abgebenden, älteren Kollegen in aller Regel Teilzeitmodelle an, die diese oft auch lange über den gesetzlich geforderten Zeitraum weiterführen. Bei Neueinstellungen überwiegen natürlich jüngere Kollegen.

Wie bewerten Sie die Entwicklung in Rheinland-Pfalz, dass Hausärzte mehr noch als Fachärzte zur Anstellung tendieren? Ist diese Tendenz mit Blick auf eine wohnortnahe, dezentrale Versorgung nicht auch kritisch zu sehen?

Wir sehen diese Tendenz nicht überall. Vor allem in Städten ist die Angestelltenentwicklung sehr fachärztlich geprägt. Aber viele Hausärzte auf dem Land finden keine Nachfolger. Sie retten sich oft in MVZ. Für die wohnortnahe Versorgung spielt das meist keine Rolle, da Hausarzt-MVZ auf dem Land immer häufiger dezentral in Zweigpraxen und Netzstrukturen organisiert sind.

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