Anlage-Kolumne

Auch eine Zäsur in der globalen Ernährungsstrategie

Alle reden vom Gas. Doch der Krieg im Osten zwingt auch dazu, neue Prioritäten in der Nahrungsmittelproduktion zu setzen.

Von Richard Haimann Veröffentlicht:

Der Ukrainekrieg hat eine Zäsur geschaffen. In Politik, Geostrategie und Wirtschaft. Die EU, Großbritannien und die USA sind wieder zusammengerückt. Bislang neutrale Staaten wie Finnland und Schweden erwägen den Beitritt in die NATO. Die mit der russischen Invasion rasant gestiegenen Öl- und Gaspreise verhelfen zwar kurzfristig Förderkonzernen zu hohen Sondergewinnen. Langfristig beschleunigt Putins Eroberungssucht den Ausbau alternativer Energien und treibt die Elektromobilität voran.

Die Börsenkurse von Brennstoffzellen-Produzenten wie Ballard-Power sind in den ersten drei Wochen nach Kriegsbeginn um über 20 Prozent gestiegen, der E-Auto-Hersteller Tesla hat gut zehn Prozent zugelegt. Hingegen haben Aktien von Konzernen, die noch überwiegend Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren fertigen, in dieser Zeit deutlich verloren. VW hat 14 Prozent eingebüßt, BMW gar 20 Prozent.

Der Krieg stellt aber noch in einem weiteren Punkt eine Zäsur dar: in der globalen Ernährungsstrategie. Die Ukraine und Russland sind bislang die Kornkammern der Welt. Zusammen exportieren sie Getreide im Wert von 11,25 Milliarden Dollar nach Nord- und Zentralafrika, in den Nahen Osten und nach Asien. Dort, so warnt die UN, drohen nun Hungersnöte, die 13 Millionen Menschen das Leben kosten könnte. Putin hat Getreideexporte aus Russland gestoppt. In der Ukraine kann die Saat für die diesjährige Ernte nicht ausgebracht werden.

Importnationen wie Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Nigeria und Tunesien wollen deshalb den Weizenanbau in ihren Ländern mit Finanzhilfen der Weltbank vorantreiben. Die EU reaktiviert stillgelegte Agrarflächen – allein in Deutschland eine Million Hektar. Die neue Agrarpolitik dürfte dauerhaft sein. Keine Nation wird künftig noch massiv von Nahrungsmitteln aus anderen Ländern abhängig sein wollen. Schon gar nicht aus Russland. Doch dazu wird künftig deutlich mehr Kunstdünger benötigt. Agrarchemie-Anbietern wie BASF, Bayer und Corteva verspricht das steigende Umsätze und Gewinne.

Zugleich dürfte die Ernährungskrise auch zu einer Verringerung der Nutztierhaltung führen, weil weltweit viele Agrarflächen bislang zur Futtermittelproduktion genutzt werden. Fleischlose Ernährung wird noch mehr Anhänger gewinnen – wovon Anbieter von Fleischersatzprodukten wie Beyond Meat profitieren werden.

Richard Haimann ist freier Wirtschaftsjournalist in Hamburg. Er schreibt über Finanzthemen für in- und ausländische Publikationen.

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