Langzeitpflege und Corona

Fast eine halbe Million Pflegekräfte gibt den Job auf

Der Europäische Gewerkschaftsverband für den Öffentlichen Dienst prangert die teils prekären Arbeitsbedingungen von Pflegekräften an und fordert von der EU-Kommission eine Resilienzstrategie.

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht:
Pflegekräfte wurden in der Corona-Pandemie im Job stark strapaziert. Mehr als 400.000 haben der Branche den Rücken gekehrt.

Pflegekräfte wurden in der Corona-Pandemie im Job stark strapaziert. Mehr als 400.000 haben der Branche den Rücken gekehrt.

© Jeffrey Groeneweg/ANP/picture alliance

Brüssel. Während der Corona-Pandemie haben in den 27 EU-Mitgliedstaaten bereits knapp 421.000 Beschäftigte in der Pflege ihren Job an den Nagel gehängt und die Branche verlassen. Das geht aus einem nun veröffentlichten Bericht des EGÖD – Europäischen Gewerkschaftsverband für den Öffentlichen Dienst (European Federation of Public Service Unions/EPSU) – hervor.

Für EPSU-Generalsekretär Jan Willem Goudriaan stellt der Massenexodus aus der Pflegebranche während der Pandemie aber nur die Spitze des Eisberges dar. „Der Ausbruch von COVID-19 hat viele Probleme in der Langzeitpflege verschärft, die die EPSU bereits seit Jahren identifiziert – wie fehlende Finanzierung, Arbeitskräftemangel, zunehmende psychosoziale Risiken für Pflegekräfte und beschleunigte Privatisierung von Dienstleistungen. Das muss aufhören. Wir müssen den Trend umkehren“, so Goudriaan.

Konkret sei die potenzielle Krisenreaktionskraft der Einrichtungen der Langzeitpflege über ein Jahrzehnt lang auch durch niedrige Löhne und prekäre Arbeitsbedingungen stark untergraben worden. Das Versäumnis der Regierungen, angemessen auf die Pandemie zu reagieren, habe somit die bereits bestehenden strukturellen Schwächen der europäischen Lang- zeitpflegedienste, denen die EPSU seit langem kritisch gegenübersteht, noch verschlimmert und offengelegt.

Anerkennung der Sozialpartner auf EU-Ebene angestrebt

Die Beteiligung der Gewerkschaften und ein angemessener sozialer Dialog sind für den Gewerkschaftsverband unerlässlich, um sicherzustellen, dass sich der Langzeitpflegesektor bei seinem weiteren Wachstum in solch einer Weise entwickelt, die sowohl für die Pflegekräfte als auch für die Empfänger von Pflegedienstleistungen gerecht ist.

Aus diesem Grund habe die EPSU gemeinsam mit dem Verband der sozialen Arbeitgeber bei der EU-Kommission einen Antrag auf Einrichtung eines sektoralen Ausschusses für den sozialen Dialog im Bereich der sozialen Dienstleistungen und auf Anerkennung als Sozialpartner auf EU-Ebene gestellt. Es sei entscheidend, als Gewerkschaften und Arbeitgeber von der Kommission angehört zu werden. Eine Antwort werde im Frühjahr 2022 erwartet.

EU soll Daumenschrauben anziehen

Die EPSU fordert des Weiteren eine drastische Kursänderung der EU im Umgang mit öffentlichen Ausschreibungen und Vergaben im Langzeitpflegesektor. So sollten Unternehmen davon ausgeschlossen werden, die Steuern vermeiden. Die Vergabe sollte vielmehr an positive Auswirkungen auf die Beschäftigten geknüpft werden, heißt es etwas schwammig. Anbieter, die die Qualitätsmaßstäbe nicht erfüllen können, sollten notfalls sogar verstaatlicht werden, lautet eine weitere Empfehlung für die Zukunft.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte im Rahmen ihrer Rede zur Lage der Union Mitte September für 2022 eine europäische Pflegestrategie angekündigt, die Mittel unter anderem aus der Mindestbesteuerung von Unternehmen in der EU generieren solle.

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