Thalidomid

Grünenthal-Gründerfamilie bittet Contergan-Opfer um Entschuldigung

Vor 60 Jahren wurde nach dem Skandal das Sedativum Contergan vom Markt genommen. Jetzt hat der ehemalige Geschäftsführer von Grünenthal um Entschuldigung gebeten.

Veröffentlicht:

Köln/Aachen. 60 Jahre nach dem Contergan-Aus hat der ehemalige Geschäftsführer von Grünenthal, Michael Wirtz, bei den Betroffenen um Entschuldigung gebeten. „Das tue ich hiermit in aller Offenheit und hochoffiziell unter Zeugen, dass ich mich für diese Thematiken, die sich bei Ihnen in all diesen Familien abgespielt haben, ausdrücklich entschuldige“, sagte der 82-Jährige laut Bundesverband Contergangeschädigter in einem Video, das zu Beginn einer Veranstaltung des Kölner Verbands gezeigt wurde.

Wirtz sprach demnach von einer „im Wesentlichen unbekannten Größe von betroffenen Menschen in Deutschland, aber auch in Europa“. Er entschuldige sich in Namen seiner ganzen Familie, der die Situation „am Herzen“ liege.

Michael Wirtz stammt aus einer Aachener Unternehmerfamilie, die unter anderem das Pharmaunternehmen Grünenthal gründete. Dessen Sedativum Contergan, das in den 1950er- und 1960er-Jahren verkauft wurde, hatte bei Schwangeren verheerende Folgen: Die Einnahme führte zu Totgeburten und bei etwa 5000 bis 10.000 Säuglingen zu Fehlbildungen. Am 27. November 1961 nahm Grünenthal das Präparat vom Markt – vier Jahre nach seiner Einführung.

Verband verlangt Schuldeingeständnis

Der Bundesverband Contergangeschädigter reagierte verhalten auf die Entschuldigung des früheren Unternehmenschefs. Grünenthal selbst habe sich 2012 bei den Betroffenen entschuldigt, jedoch kein Schuldeingeständnis formuliert. „Doch genau das wäre die moralische Verpflichtung, für die offensichtlichen Fehler, die ursächlich im Unternehmen liegen, einzustehen“, erklärte der Vorsitzende Udo Herterich.

Wie die Betroffenen mit der Entschuldigung umgingen, müsse sich zeigen. Die Biografien, Verletzungen, Einschränkungen und Erfahrungen jedes Einzelnen seien unterschiedlich.

Grünenthal: Wichtiger Punkt für den Dialog

„Vergebung setzt stets Gespräche zwischen Verursachenden und Betroffenen voraus, ohne die geht es nicht“, mahnte die Stiftung weiter. „Die Entschuldigung von Wirtz könnte den Weg für einen ersten Dialog frei machen.“ Das Unternehmen selbst sprach von einem „wichtigen Punkt auf dem eingeschlagenen Weg des Dialogs zwischen den Betroffenen, Grünenthal und der Eigentümerfamilie“.

Die weltweit noch rund 2500 Betroffenen, davon etwa 2230 aus Deutschland, sind heute um die 60 Jahre alt. Viele von ihnen leiden unter Schäden an Wirbelsäule, Gelenken und Muskulatur. Sie erhalten unter anderem Zahlungen aus der Conterganstiftung, deren Leistungen sich seit 1972 geschätzt auf rund 1,8 Milliarden Euro belaufen.

Kritiker bemängeln, Grünenthal habe sich nicht genug an diesen Zahlungen beteiligt. Das Unternehmen verweist auf eine eigene Stiftung, die es 2012 gegründet hatte. (KNA)

Mehr zum Thema

Anlage-Kolumne

Klassische Wert-Kriterien nicht vergessen

Telematikinfrastruktur

Konnektor in der Cloud als Praxis-Back-up

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Tendenz weiter nach oben: Mit bis zu 400.000 Infektionen durch Omikron pro Tag rechnen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und RKI-Präsident Lothar Wieler (l.).

© Wolfgang Kumm / dpa

Neue Testverordnung

PCR-Tests: Details zur Priorisierung kommen nächste Woche

Für Frauen gelten andere Impfregeln als für Männer, etwa beim Schutz gegen sexuell übertragbare Krankheiten. (Symbolbild mit Fotomodellen)

© Djomas / stock.adobe.com

Neue STIKO-Empfehlungen

Welchen Impfschutz junge Frauen brauchen

Erst lokale Modellprojekte zur Grippeimpfung, jetzt bundesweit mit COVID-Vakzinen am Start: Die Apotheker haben erfolgreich einen Fuß in die ambulante Versorgung gesetzt.

© David Inderlied/picture alliance

Impfkampagne

Apotheker ready für die Corona-Impfung to go