Regress

Hausarzt bläst zum Gegenangriff

Erneut geht ein Hausarzt mit seinem Fall an die Öffentlichkeit: Stefanus Paas sieht sich Regressen von 34.000 Euro gegenüber. Bleiben die Forderungen bestehen, will der Hausarzt seine Praxis im Frühjahr 2015 schließen.

Von Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht: 22.10.2014, 05:03 Uhr
Urteil unumstößlich? Hausarzt Stefanus Paas ärgert sich über den Beschwerdeausschuss, der über seinen Widerspruch verhandelt hat und die Argumente des Arztes kaum habe zählen lassen.

Urteil unumstößlich? Hausarzt Stefanus Paas ärgert sich über den Beschwerdeausschuss, der über seinen Widerspruch verhandelt hat und die Argumente des Arztes kaum habe zählen lassen.

© apops / fotolia.com

KÖLN. Stefanus Paas ist kurz davor, die Brocken hinzuschmeißen. Der Allgemeinmediziner aus dem rheinischen Bergneustadt will lieber die Reißleine ziehen, als sich durch Prüfverfahren und Regressforderungen weiter zermürben zu lassen.

"Das System macht mich so krank, dass ich mit fast 48 Jahren überlege, etwas ganz Anderes zu machen", sagt Paas der "Ärzte Zeitung".

Für das Jahr 2011 wurde der Hausarzt mit Arzneimittel-Regressforderungen in Höhe von 16.000 Euro konfrontiert, im Verfahren vor der Prüfungsstelle konnte er sie auf 6300 Euro reduzieren. Für 2012 soll Paas 28.000 Euro zurückzahlen.

Praxisbesonderheit nicht anerkannt

Was den Arzt fertigmacht, ist neben der starken nervlichen und zeitlichen Belastung die seiner Meinung nach unangemessene Behandlung durch den Beschwerdeausschuss, der über seinen Widerspruch gegen den Regress für das Jahr 2011 verhandelt hat.

Er habe vor dem Gremium ausführlich begründet, warum er seine Richtgrößen überschritten hat, berichtet Paas. So versorge er in seiner Praxis mit 1200 Patienten mehr chronisch Kranke als der Durchschnitt und viele Palliativpatienten. Das habe er auch belegen können.

Gefruchtet hat es nichts. Besonders frustriert hat Paas die Haltung des Ausschussvorsitzenden Dr. Peter Backes. Nach seinen Angaben gebe es überhaupt keine fachgruppentypischen Praxisbesonderheiten mehr. "Er hat wörtlich gesagt: ‚Nur noch das Hühnerauge beim Augenarzt ist eine Praxisbesonderheit‘", empört sich der Allgemeinmediziner. "Jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich überhaupt noch argumentieren soll", sagt er.

Brief an die Kanzlerin

Paas hat den KVNo-Vorsitzenden Dr. Peter Potthoff in einem Brief aufgefordert, sich aktiv in den Fall einzuschalten. Der Hausarzt kündigt in dem Schreiben zudem an, dass er bei einem Aufrechterhalten der Regressforderungen im Frühjahr 2015 seine Zulassung zurückgeben will.

"Dann wäre ich durchaus bereit, mich mit Ihnen gemeinsam für einen Pressetermin zum symbolischen Verkauf meiner Praxis für einen Euro ablichten zu lassen", lässt er Potthoff wissen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Johannes Gauck und verschiedene andere Politiker hat Paas angeschrieben und ihnen seinen Fall und die Regress-Problematik geschildert. "Die Politik muss dieses völlig intransparente System abschaffen", fordert er.

Unattraktiver Hausarzt-Beruf?

Wenn sich an der Systematik von Prüfverfahren und Regressandrohungen nichts ändert, werde der Beruf des Hausarztes dauerhaft unattraktiv, warnt Paas. Sein eigenes Beispiel oder das des Hausarztes Dr. Jörg Blettenberg aus Lindlar und weiterer Kollegen schreckten den Nachwuchs ab. Blettenberg unterstützt ebenso wie der regionale Hausärzteverband die Aktivitäten von Paas.

Auch von seinen Patienten bekommt er nach eigenen Angaben viel Rückhalt. Er hat sie in einem Aushang darüber informiert, dass die aktuelle Situation auch für sie negative Folgen haben wird. So überweist der Allgemeinmediziner die Patienten für die Verordnung bestimmter Medikamente jetzt zum Facharzt.

"Immobile Altenheimpatienten werde ich mit dem Krankentransportwagen zum Kardiologen transportieren lassen, damit sie sich dort das Rezept für Simvastatin oder orale Antikoagulanzien abholen können." Das habe er auch den Krankenkassenvertretern im Beschwerdeausschuss mitgeteilt, sagt Paas.

Der Fall schaffte es ins Fernsehen

Weder die KVNo noch der Beschwerdeausschuss wollten sich auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" zu seinen Vorwürfen äußern. Die KVNo ist allerdings in die Offensive gegangen, nachdem über den Fall im WDR-Fernsehen berichtet wurde und dort auch der SPD-Politiker Professor Karl Lauterbach zu Wort kam. Lauterbach schilderte die geplanten gesetzlichen Änderungen bei Regressen, warf aber gleichzeitig der KVNo vor, Paas keine Hand gereicht zu haben.

Das wies KVNo-Chef Potthoff zurück. Paas führe seine Auseinandersetzung nicht mit der KVNo, sondern mit dem Beschwerdeausschuss. Lauterbach wisse, dass die Abläufe im Sozialgesetzbuch geregelt seien. "Wir haben keinerlei Grund, an der Korrektheit der Verfahren in den Prüfgremien zu zweifeln", betont Potthoff. Selbstverständlich würden alle Argumente und Sachverhalte zu Entlastung betroffener Kollegen einbezogen.

Nur wenige Ärzte seien in Nordrhein in den vergangenen Jahren von Arzneimittelregressen betroffen gewesen, sagt Potthoff. Für sie sei das aber mit erheblichen Belastungen verbunden. Deshalb fordere die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein seit Langem die Abschaffung der Regresse.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Reine Prinzipienfrage

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