Hausarzt rechnet nach

Honorarschwund seit 2008

Der Hausarzt Dr. Gerhard Heinsch aus Haan in Nordrhein-Westfalen führt genau Buch: Statt der versprochenen Kalkulationssicherheit sind seine Honorare seit 2008 stetig gesunken. Auch vom geplanten Hausarzt-EBM erwartet er nicht viel.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Abrechnungsdaten abgehorcht: Hausarzt Dr. Heinsch hat die Zahlen seiner Praxis untersucht: Mehr Patienten bedeuten bei ihm nicht mehr Honorar.

Abrechnungsdaten abgehorcht: Hausarzt Dr. Heinsch hat die Zahlen seiner Praxis untersucht: Mehr Patienten bedeuten bei ihm nicht mehr Honorar.

© Schick / imago

KÖLN. Wenn die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNo) ihren Mitgliedern Kalkulationssicherheit verspricht, bedeutet das in den Augen von Dr. Gerhard Heinsch vor allem eines: die Sicherheit, dass Hausärzte immer weniger Honorar bekommen. Anders könne er die Entwicklung seit dem Jahr 2008 nicht interpretieren, sagt Heinsch.

Gemeinsam mit einem Kollegen betreibt der Internist eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis im rheinischen Haan. Seit 2008 führt er eine genaue Statistik über das Geschehen in der Praxis.

Die Zahlen zeigen, dass die Zahl der Patienten stetig steigt, um bis zu 250 Patienten im Quartal. Das Honorar geht aber genauso stetig zurück.

Heinsch hat wenig Hoffnung, dass sich die Situation im Jahr 2013 ändert. Der vorläufige Honorarbescheid der KVNo für das erste Quartal 2013 beschere den Hausärzten erneut ein Minus.

Die KV habe ihm auch wenig Hoffnung gemacht, dass sich die Situation nach dem Abschluss der Honorarverhandlungen bessern werde, berichtet er der "Ärzte Zeitung".

Gleichzeitig bestehe in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass die niedergelassenen Ärzte im laufenden Jahr einen deutlichen Honorarzuwachs erhalten. Zumindest für die Hausärzte in Nordrhein treffe das Gegenteil zu, sagt er.

"Nordrhein wird nach wie vor benachteiligt." Die Kollegen in Bayern erhielten im Schnitt bei gleicher Arbeit 15.000 Euro mehr im Quartal. Die Gründe dafür seien nicht nachzuvollziehen.

"Ich bin der Meinung, dass das Honorarsystem für Hausärzte dringend der Überarbeitung bedarf", sagt Heinsch. Er ist allerdings skeptisch, ob der geplante Hausarzt-EBM das richtige Mittel ist, um die Fehlsteuerungen der vergangenen Jahre auszugleichen.

Für notwendig hält der Hausarzt eine öffentliche Debatte darüber, wie die ärztliche Leistung bewertet ist und wie viel Geld im Gesundheitswesen dafür zur Verfügung stehen soll.

"Ist es nicht auch Leistung, dass ich die Infrastruktur einer Arztpraxis vorhalte, um es Patienten zu ermöglichen, sich hier qualifiziert behandeln zu lassen und auch um sich ,nur' ein Rezept ausstellen zu lassen?"

Die Vertreter der niedergelassenen Ärzte müssten dafür sorgen, dass die Einzelleistung wieder mehr in den Fokus rückt, fordert Heinsch. Grundsätzlich müsse die Frage der Priorisierung der vorhandenen Mittel geklärt werden.

"Bislang wird das ausschließlich auf dem Rücken der Ärzte ausgetragen, die Politik hält sich bedeckt", sagt er.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dipl.-Psych. Rainer Weber-Thammasut

Die wirklich Benachteiligten sind die Psychotherapeuten!

Ich lese: Die Kollegen in Bayern erhielten im Schnitt bei gleicher Arbeit 15.000 Euro mehr im Quartal. Die Gründe dafür seien nicht nachzuvollziehen.
Kann sein, daß die verschiedenen Ärztegruppen und die verschiedenen KVen sich gegenseitig bescheißen, anders lassen sich wohl die Honorarunterschiede nicht erklären. Am Fleiß der KollegInnen wirds wohl am wenigsten liegen.
Mein Fleiß wird durch die erbärmliche Honorierung mit Füßen getreten.
1997 gab es für eine Sitzung(50 Min. netto, 70 Min brutto) 145,- DM (= 72,50 €). Heute, 15 Jahre später, gibt es 81,- €, ein Plus von 11,7% in 15 Jahren oder 0,8%/Jahr.
Die Psychotherapeuten bekommen € pro Sitzung, quasi ein Stundenlohnsystem, die Anzahl der Sitzungen sind quartalsweise gedeckelt, mein Sitzungshonorar wurde sogar um ca. 1 € gekürzt (KVWL), als die bundesweite einheitliche Vergütung für Psychotherapeuten beschlossen wurde.
Keine Möglichkeiten, irgendwo die Leistungsmenge auszuweiten, keine delegierbare Leistungen, an denen ich mitverdiene, eine vergleichsweise einförmige Arbeit, die nur wenige KollegInnen bis zur Vollauslastung schaffen.
Offensichtlich besteht kein Interesse daran, für Ärzte einen "Stundenlohn" auszurechnen (Überschuß geteilt durch Arbeitsstunden) und den dann auf die Psychotherapeuten zu übertragen. Ich schätze, daß die Vergütung irgendwo zwischen 120 und 160 € pro Sitzung liegen würde. Dann könnte ich mir auch eine angemessene Altersvorsorge leisten.
Die jetzige Vergütung der Psychotherapeuten ist systematischer Betrug!
Und die erbärmlich niedrige Vergütung mußte in etlichen gerichtlichen Verfahren erstritten werden, und dann wurden die BSG-Urteile sogar noch unterlaufen. Ich nenne das Rechtsbeugung!
Ich fordere die Bundesregierung auf, eine facharztvergleichbare Vergütung für Psychotherapeuten gesetzlich festzuschreiben, inklusive einer Rückwirkungsklausel mit Nachschußpflicht für die letzten 10 Jahre.
Das Geld ist da! Die Kassen sitzen drauf! Und ich werde um meinen wohlverdienten Lohn betrogen!


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