Digitale Revolution

Internisten wollen mitmischen

Gesundheitsapps, E-Card und Dr. Google: E-Health revolutioniert das Gesundheitswesen. Ärzte müssen sich an dem Umbruch beteiligen, fordert die DGIM zum Auftakt ihres Kongresses.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Die digitale Revolution lässt sich nicht aufhalten - auch dann nicht, wenn Ärzte die Entwicklung zu blockieren versuchten. Die deutschen Internisten wollen deshalb mitmachen und dabei Qualitätsstandards setzen.

Die digitale Revolution lässt sich nicht aufhalten - auch dann nicht, wenn Ärzte die Entwicklung zu blockieren versuchten. Die deutschen Internisten wollen deshalb mitmachen und dabei Qualitätsstandards setzen.

© red150770 / fotolia.com

MANNHEIM. Jeder kennt sie: alte Bahnhofsgebäude - solide, in die Jahre gekommen, nicht mehr wirklich funktional. Der Putz bröckelt, doch der Denkmalschutz macht es schwer, bauliche Veränderungen durchzusetzen. Regionalzüge halten noch, der ICE rauscht längst vorbei.

So ähnlich verhält es sich, wenn im deutschen Gesundheitswesen über moderne Informations- und Kommunikationstechnologien gesprochen wird. Die Geduld hat nun ein Ende.

Den Eindruck hat man jedenfalls, wenn man Vorstandsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) kurz vor Beginn des Internistenkongresses, der vom 9. bis 12. April in Mannheim stattfindet, zuhört: "Geradezu überrollt" werde man von "der dramatischen Entwicklung" der Informationstechnologie, erklärt Kongresspräsident Professor Gerd Hasenfuß aus Göttingen gegenüber der "Ärzte Zeitung".

Springt die Ärzteschaft auf einen Zug auf, der nicht mehr aufzuhalten ist? "Nein", sagt Hasenfuß, "es ist die Erkenntnis, dass eine Revolution stattfindet, an der wir Ärzte uns beteiligen müssen." Doch die Informationssysteme in Krankenhäusern befänden auf dem Stand der 1990er-Jahre, so Hasenfuß.

Professor Ulrich Fölsch, DGIM-Generalsekretär, kritisiert die ewige Diskussion um die elektronische Gesundheitskarte. Millionen Euro seien "aus vorgeschobenen Datenschutzgründen" verbrannt worden. In puncto digitaler Medizin sei die DGIM, so Fölsch, nun "gedanklich darauf vorbereitet" eine Schrittmacherfunktion zu übernehmen.

Leuchttürme telemedizinischer Anwendungen

Mehr vom DGIM-Kongress

Berichte vom Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Mannheim finden Sie hier: aerztezeitung.de/dgim2016

Der Kontrast ist scharf zwischen dem, was das Netz bietet, zwischen der Verbreitung digitaler Medien im privaten Alltag und der Nutzung solcher Technologien für medizinische Zwecke. Natürlich gibt es Leuchttürme telemedizinischer Anwendungen, etwa in der Kardiologie oder Diabetologie.

Und natürlich gibt es auch in Deutschland Krankenhäuser, in denen Ärzte mit dem Tabletcomputer zur Visite gehen.

Den medizinischen Alltag bestimmen solche Anwendungen jedoch längst nicht. Millionen Menschen suchen im Internet nach Informationen und Rat zu Krankheiten, Gesundheit und Vorsorge. Apps und Online-Portale bieten eine Qualität, die in der Masse so erschreckend ist, dass eher von einem gesundheitlichen Risiko gesprochen werden muss, glaubt man den Ergebnissen von Studien.

Da werden Symptome interpretiert und Diagnosen gestellt, die noch nicht Mal eine Fifty-Fifty-Chance auf die zuverlässige Deutung von Beschwerden zuließen, so Fölsch.

Zugleich investieren Giganten wie Apple und Google hohe Beträge, um den Gesundheitsmarkt für sich zu erobern.

Deshalb und vor allem, weil die digitalen Technologien große Chancen für neue Formen der Diagnostik und Therapie sowie der Versorgung von Patienten bieten, wollen sich die Internisten nun stärker einbringen. Hasenfuß: "Wir müssen Risiken erkennen, benennen, und wir müssen Qualitätsstandards setzen."

"Datenschutz kann Patienten auch schaden"

Und von anderen lernen, was den Datenschutz angeht. Erstaunlich offen machen die Vertreter des DGIM-Vorstands klar, dass ihrer Ansicht nach die Deutschen in diesem Punkt bisweilen zu weit gehen. Datenschutz könne Patienten auch schaden, meint Hasenfuß.

 Anderswo würden Bürger proaktiv ihre Daten der Medizin zur Verfügung stellen. Und Fölsch weist darauf hin, dass Smartphone-Besitzer sich diesbezüglich wenig Gedanken machten, solange sie das Gefühl hätten, es diene ihrer Gesundheit.

Sicher: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Erst mal! Wenn jedoch selbst Rechtsexperten nicht einschätzen können, was sich vor, bei und nach der Verarbeitung von Daten durch Medizin-Apps auf Smartphones und anderen Geräten tatsächlich alles abspielt, macht das nachdenklich.

Es ist bekannt, dass die Entwickler von Facebook & Co Algorithmen in ihre diversen Anwendungen integrieren, aus denen sich komplette Persönlichkeitsprofile erstellen lassen - Versicherer gieren nach mehr Informationen über ihre Kunden.

Und natürlich macht Technik auch abhängig. Zunehmend sind Berichte zu lesen, wie Verschlüsselungstrojaner den Betrieb von Krankenhäusern lahm legen - nicht nur im fernen Amerika, auch in Nordrhein-Westfalen.

Anfang März musste die Notaufnahme des Marienhospitals in Aachen wegen eines Computervirus schließen und seine EDV-Systeme vom Netz trennen, Mitte März war das Lukaskrankenhaus in Neuss betroffen.

IT-Spezialisten sprechen von einer Angriffswelle auf deutsche Institutionen. Der Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm, erklärte angesichts der Sicherheitsprobleme in Krankenhäusern, man möchte doch bitte "geeignete Maßnahmen der Prävention, Detektion und Reaktion" ergreifen. Das BSI stellt dazu Hinweise zur Verfügung.

Zwischen Chancen und Risiken

Die Diskussion zu Mobile Health und digitaler Medizin wird sich also weiter im Spannungsfeld zwischen Chancen und Risiken bewegen. Es ist gut, dass diesen Themen bei einem der größten Medizinkongresse in Deutschland in mehreren Sitzungen Raum gegeben wird.

 Gute alte Bahnhöfe für künftige Anforderungen umzugestalten, braucht Zeit, braucht neues Denken zum Denkmalschutz. Vor allem jedoch braucht es kompetente Hinweise der professionellen Nutzer.

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