Kein Heilpraktiker macht Hausbesuche für 15 Euro

Zu den Spitzenverdienern unter den Freiberuflern zählt das Bundesgesundheitsministerium die Ärzte. Die Realität sieht bei Hausärzten anders aus. Es bröckelt immer mehr ab, das vertragsärztliche Honorargefüge. DMP-Bürokratie gibt es zum Billigtarif. Ersatzlos gestrichen wurden die Quartalspauschale und die Strukturpauschale für elektronische

Von Bernd W. Alles Veröffentlicht:
Viel Aufwand für DMP für wenig Geld: In der KV Hessen wird die Frage gestellt, ob man den Kassen den Gefallen noch tun soll.

Viel Aufwand für DMP für wenig Geld: In der KV Hessen wird die Frage gestellt, ob man den Kassen den Gefallen noch tun soll.

© Foto: ami

Es bröckelt immer mehr ab, das vertragsärztliche Honorargefüge. DMP-Bürokratie gibt es zum Billigtarif. Ersatzlos gestrichen wurden die Quartalspauschale (fünf Euro) und die Strukturpauschale für elektronische Dokumentation (3,75 Euro). Die "Handelsware" Labor wurde einfach weggenommen, mit mehr als fragwürdiger Kompensationsmöglichkeit durch die Erhöhung des Wirtschaftlichkeitsbonus um acht Punkte pro Fall. Die Pauschalen für die Hausarztmodelle sind auf breiter Front weggefallen. Und als Krönung gibt es seit Jahresbeginn die mickrigen Regelleistungsvolumina - mit einem Orientierungspunktwert von 3,5001 Cent statt 5,11 Cent!

Zum Vergleich: Die häusliche Krankenpflege berechnet 8,89 Euro für Medikamentengabe. Der gleiche Betrag wird jeweils fällig für medizinische Einreibungen, Augentropfengabe, Blutdruckmessung, Blutzuckermessung, An- und Ausziehen von Kompressionsstrümpfen (Grad 2) und vieles andere mehr. Eine i.m.-Injektion schlägt mit 11,33 Euro zu Buche. Ebenso eine Medikamentengabe durch Blasenkatheter.

Locker kann in der Krankenpflege mit einem einzelnen Besuch abgerechnet werden, wofür etwa ein Hausarzt in Hessen ein ganzes Quartal stramm steht (RLV-Fallwert der Hausärzte in Hessen I/09: 38,18 Euro, mit sinkender Tendenz für II/09). Nachzulesen sind die Tarife der Krankenpflege beispielsweise unter www.diakonie-kreis-re.de/gup/preise/ambulante_behandlungspflegen.php.

Nicht weniger informativ ist das Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker (www.freieheilpraktiker.com/PatientenInfo/Gebührenverzeichnis/Einzelleistung): Sie verdienen für einen Hausbesuch einschließlich Beratung bei Tag 21,50 bis 29,50 Euro. Für das gleiche bekommen Ärzte nach EBM 2009 (Ziffer 01410) 15,40 Euro - falls das RLV nicht überschritten wird.

Für eine Blutzuckerbestimmung kann der Heilpraktiker bis zu acht Euro berechnen. Zum Vergleich: Für EBM-Ziffer 32057 (Glucose, 0,25 Euro) und gegebenenfalls für die 32089 (0,80 Euro) bekommen Ärzte maximal 1,05 Euro. Sogar unsere GOÄ sieht für eine Glucose-Bestimmung (Faktor 1,15) nur 2,68 Euro vor.

Aber auch Physiotherapeuten sind amüsiert über die Bewertung der vertragsärztlichen Leistungen. Beispiel: Reizstrombehandlung (EBM-Ziffer 02511: 1,05 Euro). Denn sie können dafür 4,06 Euro berechnen.

Schwester Agnes darf nur halbe Stunde im Einsatz sein

Kommt da Neid auf? Nein, nur Unverständnis über die Preisverhandlungen unserer Standesvertretungen mit den Krankenkassen. Jüngstes Beispiel sind die "Schwester Agnes-Kostenpauschalen" 40870 (17 Euro) und 40872 (12,50 Euro). Weiß man denn nicht bei der KBV, dass die Personalkosten für eine qualifizierte Arzthelferin pro Arbeitsstunde bei rund 17 Euro liegen? Kennt man auch nicht den Unterschied, den der Beschäftigungsgrad (Anteil der Arbeitszeit, die zu Umsatz führt) bei der Preisgestaltung spielt? In meiner Praxis liegt dieser Anteil, dank des Pauschal-EBM, unter 50 Prozent. So dass - und da ist weder ein Risikozuschlag noch ein Gewinn vorgesehen - die Arbeitsstunde kalkulatorisch mindestens mit rund 34 Euro angesetzt werden muss.

Beeilung also, liebe Schwester Agnes. Mehr als 30 Minuten einschließlich Fahrzeit (wobei Fahrtkosten auch schon in den 17 Euro Honorar enthalten sind) und gegebenenfalls Parkplatzsuche sind für den zuwendungsintensiven Hausbesuch nicht drin. Um überhaupt das Umsatzziel von 17 Euro pro Besuch realisieren zu können, sind dann auch noch eine Menge Bedingungen an die Abrechenbarkeit geknüpft. Zum Beispiel die Fortbildungspflicht für die Helferin, die je nach Dauer der Berufstätigkeit zwischen 190 und 270 Stunden beträgt.

Pauschalen für DMP sind "lächerlich"

Und da halten alle still? Nein, nicht alle. Ein Mitglied des Vorstandes der KV Hessen schreibt zum Preisverfall bei den DMP: "Die Frage ist, ob wir den Kassen in Hessen noch den Gefallen tun sollen, DMP durchzuführen. Immerhin haben sie uns zunächst die Elektronikpauschale und dann auch noch die Quartalspauschale gestrichen. Seit dem 1.1.2009 gibt es damit für DMP nur noch die lächerliche Doku-Pauschale von 25 Euro für die Ersteinschreibung und 15 Euro für die Folge-Doku. Mehr war einfach nicht drin, da es sich hier um eine freiwillige Sonderleistung der Kassen handelt und deshalb keine Schiedsamtentscheidung herbeigeführt werden konnte. Das wurde von den Kassen brutal ausgenutzt!"

Doch nicht nur die DMP-Honorare gehören diskutiert. Nein, das gesamte Honorargefüge ist zu hinterfragen. Jetzt fehlt nur noch der Mut zum Handeln.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Geldtipp-Podcast Pferdchen trifft Fuchs

Wie Benchmarks Erfolg messen

Geldtipp-Podcast Pferdchen trifft Fuchs

Welche Anlageklassen sich 2026 lohnen

Das könnte Sie auch interessieren
Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

© KVNO

Schnell und sicher

Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

Anzeige | Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Mehr als ein oberflächlicher Eingriff: Die Krankenhausreform verändert auch an der Schnittstelle ambulant-stationär eine ganze Menge.

© Tobilander / stock.adobe.com

Folgen der Krankenhausreform für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte

Die Klinikreform bringt Bewegung an der Schnittstelle zwischen Praxen und Krankenhäusern

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztbank (apoBank)
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums v.l.n.r.: Professor Karl Broich (BfArM), Dr. Jürgen Malzahn (AOK-Bundesverband), Dr. Christine Mundlos (ACHSE e.V.), Hauke Gerlof (Ärzte Zeitung), Dr. Johanna Callhoff (DRFZ), Professor Christoph Schöbel (Ruhrlandklinik, Universitätsmedizin Essen), Privatdozent Dr. Christoph Kowalski (Deutsche Krebsgesellschaft), Dr. Peter Kaskel (Idorsia)

© Thomas Kierok

ICD-11: Die Zeit ist reif für die Implementierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Idorsia Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Bei erfolgreich therapierter Sialorrhö ist Teilhabe wieder leichter möglich

© Olesia Bilkei / stock.adobe.com [Symbolbild]

Glycopyrroniumbromid bei schwerer Sialorrhö

Wirtschaftliche Verordnung durch bundesweite Praxisbesonderheit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Proveca GmbH, Düsseldorf
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Die Ärzte Zeitung ist jetzt auch auf Instagram aktiv.

© prima91 / stock.adobe.com

Social Media

Folgen Sie der Ärzte Zeitung auf Instagram

Modell eines Körpers, in dem der Darm zu sehen ist.

© J.G Studio / Stock.adobe.com / Generated with AI

Akute Enteropathie und Enteritis

Radiotherapie bei Krebs: Diese Maßnahmen schützen den Darm