Lebensversicherung

Krise oder nicht - das ist hier die Frage

Anleger sind verunsichert, ob Lebensversicherungen noch in ihr Portfolio passen. Dabei entpuppt sich nicht jede Police gleich als Renditevernichter.

Von Herbert Fromme Veröffentlicht:
Hohe Zinsen, das garantieren nur noch Alt-Policen.

Hohe Zinsen, das garantieren nur noch Alt-Policen.

© Jens Büttner / dpa

KÖLN. Die Signale sind verwirrend. Die klassische Lebensversicherung stehe solide da, sagt Peter Schwark aus der Hauptgeschäftsleitung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Sie habe auch langfristig keine Existenzprobleme, wenn der Gesetzgeber bestimmte Anpassungen vornehme.

"Die Lebensversicherung muss sich verändern", argumentiert dagegen Manfred Knof, Deutschlandchef des Marktführers Allianz. Nur mit einem anderen Geschäftsmodell könne man nachhaltig Erfolg haben. Kopf: "Weiterzumachen wie bisher ist keine Alternative."

Krise oder keine Krise? Die Frage beschäftigt viele. Denn kaum eine Sparform ist so beliebt wie die Lebensversicherung. 94 Millionen Verträge sind in Kraft, mehr als die Bundesrepublik Einwohner hat. Die Beitragseinnahmen beliefen sich 2014 auf satte 94 Milliarden Euro, 3,1 Prozent mehr als im Vorjahr.

Problematische Zinsgarantie

Nicht alle Verträge machen Probleme. Reine Risikopolicen, Restschuldversicherungen und fondsgebundene Verträge laufen ohne Schwierigkeiten. Anders die rund 65 Millionen klassischen Verträge mit Zinsgarantie.

Vor 17 Jahren war die Welt noch in Ordnung. Die Lebensversicherer waren im scharfen Wettbewerb mit Banken und Investmentfonds um die Spargroschen der Deutschen.

Die Versicherer waren wegen ihrer hohen Kosten teuer, hatten aber ein schlagendes Verkaufsargument: Nur sie versprachen ihren Kunden einen garantierten Zins für die gesamte Laufzeit des Vertrages. Damals waren es vier Prozent. "Sie werden keine Bank finden, die Ihnen vier Prozent über 27 Jahre garantiert", sagte 1998 Edgar Jannott, Vorstandschef der Ergo.

2015 wünschen sich die Vorstände vieler Versicherer, dass ihre Vorgänger den Mund nicht so voll genommen hätten. Denn die Zinsgarantie von vier Prozent schmerzt die Unternehmen heute heftig. Für neu gekaufte zehnjährige Bundesanleihen erhalten sie 0,6 Prozent Zins. Und die alten, höher verzinsten Papiere im Anlagebestand laufen nach und nach aus - während die Zinsverpflichtungen der Versicherer gegenüber den Kunden bis zum Ablauf der Verträge gelten.

Neue Aufsichtsregeln auf EU-Ebene

Dazu kommt, dass ab 2016 neue Aufsichtsregeln auf EU-Ebene in Kraft treten. Für die klassischen Verträge mit Zinsgarantie brauchen die Anbieter viel Eigenkapital, weil sie das Anlagerisiko tragen.

Die klassische Lebensversicherung mit Garantiezins ist in der Krise, auch wenn die Versicherer für heute abgeschlossene Verträge nur 1,25 Prozent garantieren. Bei den meisten Konzernen wollen die Vorstände nur noch eins - raus aus den klassischen Garantieprodukten. "Warum soll ich als Lebensversicherer Produkte anbieten, von denen ich heute schon weiß, dass sie unprofitabel sind?", fragt Ergo-Vorstand Clemens Muth.

Auch Generali, Talanx, Gothaer und andere geben die klassischen Verträge weitgehend auf. Die Allianz hat sie noch zu mehr als 50 Prozent im Neugeschäft, will diesen Anteil aber binnen dreier Jahre auf 20 Prozent bis 30 Prozent senken. Alle Versicherer bieten stattdessen "kapitalmarktnähere Produkte" an, bei denen höchstens der eingezahlte Beitrag garantiert ist, der Kunde aber das Risiko von Kursschwankungen selbst trägt.

Da passt das Vorhaben der Bundesregierung, die amtliche Festlegung für den höchstens erlaubten Garantiezins abzuschaffen, wunderbar ins Bild. Dieser "Höchstrechnungszins" spielte in den Verkaufsgesprächen eifriger Versicherungsvermittler stets eine große Rolle.

Assekuranzen leiden an Altlasten

Staatlich garantiert war der Garantiezins nie. Die Regierung legt alljährlich nur fest, mit welchem Zins die Versicherer höchstens rechnen dürfen. Verboten sind Garantien auch künftig nicht - aber es gibt keine Höchstgrenze mehr.

Im Neugeschäft wird die klassische Lebensversicherung trotzdem schon bald nur noch eine Nebenrolle spielen. Aber die Altlasten der Versicherer, die Millionen von Verträgen mit vier Prozent und 3,5 Prozent Zinsgarantie, werden sie noch Jahre quälen.

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