Tele-Emotionen

Mama-Matte für Frühchen

An zehn Geburtskliniken wird bei 200 Frühgeborenen die pneumatische "Mama-Matratze" Babybe getestet. Das System erlaubt es der Mutter, Herztöne, Atembewegungen und die eigene Stimme mithilfe eines Gelkissens und eines Smartphones an eine Gelmatratze im Inkubator zu übertragen.

Von Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht: 22.06.2018, 16:04 Uhr
Mama-Matte für Frühchen

Dem Baby soll auch im Inkubator das Gefühl mütterlicher Nähe oder eine Illusion von Gebärmutter vermittelt werden.

© Techniker Krankenkasse

BERLIN. An zehn deutschen Geburtskliniken können Mütter von Frühchen künftig mit ihrem Kind im Inkubator Kontakt aufnehmen. Das Frühchen soll Mama (oder Papa) auch dann hören und fühlen können, wenn gerade kein Känguruhing möglich ist.

Bei dem System Babybe liegt das Frühchen im Inkubator auf einer Gelmatte, die über einen Luftschlauch mit einer Steuerungseinheit außerhalb des Inkubators verbunden ist. Diese Steuerungseinheit wiederum kommuniziert mit einer zweiten, kleineren Gelmatte in Form einer Schildkröte, die die Mutter sich auf Bauch und Brust legen kann.

Die "Schildkröte" zeichnet die Atembewegungen und den Herzschlag der Mutter auf. Beides kann an die Steuerungseinheit übertragen werden, sodass sich am Ende die Gelmatratze im Inkubator im Rhythmus der mütterlichen Atmung leicht hebt und senkt.

Grundidee ist, die Gebärmutter zu imitieren

Außerdem hört das Kind, das im Inkubator oft mit einem Ohr auf der Matratze liegt, durch die Matratze den Herzschlag der Mutter.

Schließlich kann die Mutter auch noch ihr Handy an die "Schildkröte" andocken und so dem Kind vorlesen oder vorsingen – bei Bedarf auch zeitversetzt. Grundidee sei, die Gebärmutter zu imitieren, sagte Babybe-Gründer Raphael Lange.

Der Schall wird deswegen als "Körperschall" pneumatisch über den Luftschlauch an die Gelmatratze übertragen. Im Inkubator selbst ist kein Lautsprecher.

22.06.2018 Video

Dass ein enger Kontakt zwischen Mutter und Säugling auch und gerade bei Frühgeborenen Sinn macht, weiß die Neonatologie seit den 80er Jahren.

Damals wurde das ursprünglich aus Südamerika stammende Känguruhing auch in Europa eingeführt: Die Mutter legt sich das Frühchen so oft wie möglich auf die Brust, um Körperkontakt herzustellen und Kommunikation zu ermöglichen.

Die kommunikative Gelmatratze soll diesen engen Kontakt jetzt auch dann ermöglichen, wenn ein "echtes" Känguruhing nicht möglich ist.

"Wir glauben, dass ein System, das den Kindern das Gefühl vermittelt, nahe bei der Mutter zu sein, für die Kinder gut ist", sagte die Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am St. Joseph Krankenhaus Tempelhof in Berlin, Dr. Beatrix Schmidt.

"Menschliche Bindung wird durch Digitalisierung gestärkt"

Dass das "echte" Känguruhing funktioniert, dazu gibt es klinische Studien. Für das Babybe-System soll jetzt unter Leitung der Universitätsmedizin Mannheim an zehn deutschen Geburtskliniken, darunter außer Mannheim und Berlin noch das Katholische Krankenhaus Wilhelmstift in Hamburg, das Städtische Klinikum Braunschweig und die Unikliniken in Frankfurt und Greifswald, eine klinische Studie mit insgesamt 200 Frühchen stattfinden.

Die beteiligten Krankenhäuser werden von der Techniker Krankenkasse finanziell unterstützt, die Studie ist aber für Frühchen aller Versicherungen offen.

Untersucht werde anhand von Kopfumfang und Körpergewicht, ob sich das digitale Känguruhing günstig auf die Entwicklung des Frühchens auswirke, sagte Studienleiter Professor Thomas Schaible von der Neonatologie in Mannheim. Zusätzlich wird gemessen, ob Hypoxiepisoden abnehmen und ob sich Auswirkungen auf das Mutter-Kind-Verhältnis nachweisen lassen.

"Der Digitalisierung wird ja oft unterstellt, dass sie ein Risiko für den ‚Human Touch‘ in der Versorgung sei. Bei diesem System wird die menschliche Verbindung im Gegenteil sogar gestärkt", sagte TK-Vorstand Thomas Ballast.

Wir haben diesen Artikel aktualisiert am 22.06.2018 um 16:04 Uhr. Die erste Version war wesentlich kürzer.

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