Kommentar zur Ärztestatistik

Nicht nur Work-Life-Balance

Jedes Jahr gibt es mehr Ärzte, und doch verstummen die Warnungen vor dem Ärztemangel nicht. Die steigende Teilzeitquote ist nur eine Erklärung.

Hauke GerlofVon Hauke Gerlof Veröffentlicht:

Die Zahl ist frappierend: 1990, im Jahr der deutschen Einheit, waren bundesweit 92.289 Ärzte ambulant tätig. 30 Jahre später sind es 159.846 – ein Zuwachs um mehr als 70 Prozent. Und das liegt nicht etwa daran, dass diese Zunahme auf Kosten des stationären Sektors gegangen wäre, im Gegenteil: Die Anzahl der stationär tätigen Ärzte ist im selben Zeitraum von 118.087 auf 206.965 gestiegen, also sogar um 75 Prozent.

Die Steigerung der Arztzahlen hält bis heute an, selbst bei den Allgemeinmedizinern hat es laut aktueller Ärztestatistik 2019 einen Zuwachs um gut 500 Ärzte gegeben. Dennoch warnt die Bundesärztekammer Jahr für Jahr bei der Vorlage der Statistik nicht etwa vor einer Ärzteschwemme, wie noch in den 1990er-Jahren, sondern vor Nachwuchsmangel.

Sie tut das zu Recht, aus vielerlei Gründen: Dabei geht es nicht nur um die steigende Teilzeitquote bei Ärzten, die dazu führt, dass mittlerweile 115 Ärzte benötigt werden, um 100 Vollzeitstellen zu besetzen. Vor zwei Jahren waren es noch 108. Die Anzahl der verfügbaren Arztstunden steigt also nicht.

Der Seehofer-Bauch lässt grüßen

Ein weiterer Grund ist die Altersstruktur vor allem der niedergelassenen Ärzte – der sogenannte Seehofer-Bauch mit der Niederlassungswelle aus den frühen 1990ern lässt grüßen. Viele niedergelassene Ärzte werden damit in den kommenden Jahren in den Ruhestand wechseln. Der steigende Bedarf an Ärzten durch die zunehmend alternde Gesellschaft und nicht zuletzt die sich immer weiter auffächernden Spezialisierungsmöglichkeiten tun ein Übriges. Gesundheit ist zudem ein superiores Gut: Mit steigendem Wohlstand steigt die Nachfrage danach.

Die Bemühungen der Gesundheitspolitik, Abhilfe zu schaffen, sind in der aktuellen Statistik durchaus sichtbar. Die Zahl der Facharztanerkennungen steigt – in der Allgemeinmedizin und in anderen fachärztlichen Disziplinen.

Das Menetekel der Corona-Krise

Diese jungen Fachärzte in die Niederlassung zu locken, wird nach der Corona-Krise und Umsatzeinbrüchen in vielen Praxen nicht leichter werden. Die Krise wirft ein Schlaglicht darauf, dass es eben nicht ohne Risiko ist, sich niederzulassen. Viel hängt davon ab, wie schnell die Praxen in den kommenden Monaten wirtschaftlich wieder in die Spur kommen werden. Wenn die Bedingungen stimmen, wird es auch Ärzte geben, die in die ambulante Versorgung gehen – in Teilzeit oder in Vollzeit.

Schreiben Sie dem Autor: hauke.gerlof@springer.com

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