Bericht des Rechnungshofs

Österreich schaut sich erstmals seine kompletten Pflegekosten an

Österreichs Rechnungshof hat erstmals dokumentiert, was Pflege in der Alpenrepublik kostet – und zwar für 2016. Er mahnt in Zukunft mehr Dokumentation an, um den Überblick nicht zu verlieren.

Veröffentlicht: 05.07.2020, 12:03 Uhr

Wien. Österreich ist auf die demografischen Veränderungen in Bezug auf die Pflege nicht ausreichend vorbereitet. Dieses Fazit zieht der Rechnungshof Österreich (RH) in seinem Bericht mit dem Titel „Pflege in Österreich“ – der nach eigenen Angaben ersten österreichweit vollständigen Analyse zu den Pflegekosten in der Alpenrepublik. Darin beurteilt der RH Zweckmäßigkeit, Angebot und Kosten der Pflegedienstleistungen.

7,9 Milliarden Euro Gesamtpflegekosten hat der RH für das Jahr 2016 für die 452.688 Pflegebedürftigen nun ermittelt. Davon seien rund 2,9 Milliarden Euro vom Bund und rund 2,1 Milliarden Euro von den Ländern sowie Gemeinden gekommen, 2,9 Milliarden Euro seien privat abgedeckt worden. Dazu zählten Eigenbeiträge, aber auch die mit Geld bewerteten privaten Pflegedienstleistungen, etwa durch Angehörige.

Der größte Anteil dieser 7,9 Milliarden Euro ist laut Rechnungshof mit 3,4 Milliarden Euro den Pflegeheimen zuzurechnen, gefolgt von der Pflege durch Angehörige (3,1 Milliarden Euro). Für ambulante Pflegedienste seien 700 Millionen Euro angefallen und 600 Millionen Euro für Dienstleistungen im Rahmen der 24-Stunden-Betreuung.

Der Rechnungshof kritisiert, dass die Kosten sowie Herkunft und Verwendung der Mittel nicht systematisch erfasst worden seien. Er empfiehlt daher dem Sozialministerium und den Ländern, sicherzustellen, dass alle relevanten Daten erfasst werden.

Erweitertes Pflegeangebot ratsam

Wie aus den oben dargelegten Zahlen ersichtlich ist, wird derzeit ein gutes Drittel der Pflege privat erbracht – laut RH meistens durch Angehörige im Alter von 50 bis 64 Jahren. Im Jahr 2020 liege das Verhältnis von Personen dieser Altersgruppe zu Personen ab 80 Jahren bei vier zu eins – somit könne eine Person über 80 potenziell auf vier pflegende Angehörige zählen. Bis zum Jahr 2060 wird sich, warnt der RH, dieses Verhältnis drastisch verändern. Eine Person über 80 Jahre werde dann nur mehr auf rund 1,6 potenziell Pflegende kommen. Zusätzlich könnten gesellschaftliche Entwicklungen, wie etwa eine höhere Frauenerwerbsquote, Auswirkungen auf die private Pflege haben.

Deshalb, so die Mahnung des Rechnungshofes, müsse das Pflegeangebot deutlich erweitert werden. „Dazu wäre eine bundesweit abgestimmte Bedarfsprognose nötig. Eine solche zu erstellen, empfiehlt der Rechnungshof Österreich dem Sozialministerium, dem Finanzministerium und den Ländern. Abschließend wäre eine Gesamtstrategie zur Weiterentwicklung der Pflegedienstleistungen zu erarbeiten“, heißt es in der Präsentation der Analyseergebnisse.

3,5 Milliarden Euro Mehrkosten 2030

Im Rechnungshofbericht werden außerdem die Unterschiede bei der Pflegeversorgung in Österreich deutlich. Während etwa im Bezirk Graz-Umgebung ein Pflegeheimplatz auf rund drei Personen ab 80 Jahren komme, gebe es im Bezirk Krems- Land für rund 17 Personen dieser Altersgruppe nur einen Pflegeheimplatz.

Eine große Bandbreite zeige sich auch bei den Kosten: So seien 2016 in Kärnten pro Tag für die stationäre Pflege 91 Euro verrechnet worden, in Wien hingegen 161 Euro. Ein Ausbau der Pflegeeinrichtungen auf Basis der Maximalwerte – Heimdichte je Bezirk und Kosten je Verrechnungstag – würde im Vergleich zu den Minimalwerten im Jahr 2030 zu Mehrkosten in der Höhe von 3,5 Milliarden Euro führen, so der RH. (maw)
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