Equal Pay Day

Unverändert großes Loch auf dem Lohnzettel der Frauen

In Deutschland verdienen Frauen bei gleicher Tätigkeit weiterhin viel weniger als Männer. Der allgemeine Verdienstunterschied – also der unbereinigte Gender Pay Gap – blieb 2018 im Vergleich zum Vorjahr unverändert. Weitere Knackpunkte sind Teilzeitarbeit und der hohe Frauenanteil in schlecht bezahlten sozialen Berufen. Wie sieht es in der Medizin aus?

Veröffentlicht: 18.03.2019, 13:30 Uhr
Unverändert großes Loch auf dem Lohnzettel der Frauen

In der Bezahlung von Männern und Frauen gibt es in Deutschland große Unterschiede.

© m.schuckart / stock.adobe.com

DÜSSSELDORF/BERLIN. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) anlässlich des Equal Pay Day am 18. März mitteilt, verdienten im vergangenen Jahr hierzulande Frauen 21 % weniger als Männer. Ihr durchschnittlicher Bruttostundenverdienst betrug 17,09 Euro, der von Männern 21,60 Euro.

Deutschland liegt damit im EU-Vergleich auf einem unrühmlichen dritten Platz bei der ungleichen Bezahlung – hinter Estland und der Tschechischen Republik. Die Zahlen ergeben sich anhand fortgeschriebener Ergebnisse der Verdienststrukturerhebung (aktuell bis zum Jahr 2016).

Seit 2006 ist damit der Wert von 23 % Differenz zwischen den Geschlechtern auf nunmehr 21 leicht gesunken: im Westen fiel er von 24 % auf 22 %, im Osten stieg er gar von 6 % auf 7%.

Auf Stundenbasis betrachtet verdienten Arbeitnehmerinnen im Durchschnitt auch unter der Voraussetzung vergleichbarer Tätigkeit und äquivalenter Qualifikation im Jahr 2014 pro Stunde 6 % weniger als Männer.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch eine Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instiuts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung sowie eine von der Bertelsmann Stiftung geförderte aktuelle Langzeitstudie.

Große Unterschiede in Süddeutschland

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Entgelt variieren demnach auch innerhalb Deutschlands stark. Besonders groß ist der Gehaltsrückstand laut WSI von Frauen gegenüber Männern in Süddeutschland: So verdienen Frauen in Baden-Württemberg durchschnittlich 22,7 % weniger als Männer, während der Abstand in Brandenburg „nur“ 14,9 Prozent beträgt.

Für Gesamtdeutschland betrage der Gender Pay Gap unverändert 21 %, wie auch von Destatis angegeben, berichtet das Online-Portal Lohnspiegel.de der Hans-Böckler-Stiftung. Basis sind Angaben von über 300.000 Beschäftigten.

Die Gehaltslücke lässt sich sowohl mit Gehaltsabständen zwischen einzelnen Berufen als auch mit einer Gehaltslücke zu Lasten von Frauen innerhalb der einzelnen Berufe erklären, heißt es in der Mitteilung.

So arbeiteten Frauen überdurchschnittlich häufig in vergleichsweise schlecht bezahlten Berufen, etwa als Verkäuferin im Einzelhandel (Durchschnittsgehalt der Frauen: 1.991 Euro, Frauenanteil unter den Befragten: 66 %), als Physiotherapeutin (2.296 €, 67 % Frauen) oder Erzieherin (2.701 €, 75 %).

„Bei den Löhnen hinken die sozialen Berufe, in denen Frauen deutlich überrepräsentiert sind, oft hinterher“, wird Dr. Malte Lübker, Experte für Tarif- und Einkommensanalysen am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zitiert.

Unter Versicherungskaufleuten verdienen Frauen nach den Zahlen des Lohnspiegels 21 % weniger, bei Bauingenieurinnen beträgt der Rückstand zu männlichen Kollegen 16 % und bei Informatikerinnen 7 % (siehe nachfolgende Grafik). Als Grund werden u.a. die kürzeren Arbeitszeiten und Erwerbsunterbrechungen von Frauen genannt.

Viele Frauen arbeiten in Teilzeit

Auch die Destatis-Zahlen zeigen: Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen Erwerbstätigen lag 2018 bei 27 %. Allerdings war fast jede zweite erwerbstätige Frau (47 %) in Teilzeit tätig. Unter den Männern betrug dieser Anteil nur 9 %.

Der überwiegende Teil der teilzeitarbeitenden Frauen gab danach als Hauptgrund die Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen (31 %) beziehungsweise andere familiäre oder persönliche Verpflichtungen (18 %) an. Ein großer Teil der Männer nannte hingegen als Hauptgrund für die Teilzeitbeschäftigung eine parallel laufende Ausbildung oder berufliche Fortbildung (25 %).

Einen etwas anderen Blick hat die Langzeitstudie auf die Arbeitswelten von Männern und Frauen geworfen – mit am Ende ähnlichem Resultat.

So ist eines der zentralen Ergebnisse der Langzeitstudie: Frauen gehören zwar zu den Aufsteigern der letzten 40 Jahre. Sie sind besser ausgebildet, arbeiten mehr, sichern zunehmend das Haushaltseinkommen ab und verfügen über deutlich höhere Einkommen als noch in den 1970er Jahren.

Doch im Vergleich zu Männern zeigt sich: Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und sind in Jobs tätig, für die sie formal überqualifiziert sind.

Darüber hinaus haben sie über alle Bildungsstufen hinweg – damals wie heute – häufig weniger als die Hälfte der Einkommen der Männer zur Verfügung, heißt es in einer Mitteilung der Bertelsmann Stiftung.

Kundgebung in Berlin

Am bundesweiten „Equal Pay Day“ für gleiche Bezahlung von Frauen und Männern hat daher auch der Deutsche Gewerkschaftsbund zu einer Kundgebung in Berlin aufgerufen.

Die Gewerkschafter haben am Montag unter dem Motto „Recht auf mehr“ vor dem Brandenburger Tor protestiert. Dort äußerte sich auch Bundesfrauenministerin Franziska Giffey.

 Giffey forderte unter anderem schnellere Verbesserungen bei Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen. Dazu gehörten auch Flächentarife für soziale Berufe, in denen Frauen mit 80 Prozent die Mehrzahl der Angestellten ausmachten. Um die Lohnlücke zwischen Männer und Frauen von 21 Prozent zu schließen, brauche es zudem eine Ausweitung des Entgelttransparenzgesetzes auf alle Betriebe, sagte Giffey.

Das Gesetz ist seit 2018 in Kraft und gibt Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Unternehmen mit über 200 Beschäftigten unter bestimmten Voraussetzungen das Recht Auskunft über die Höhe der Gehälter im Betrieb zu erhalten. Das Gesetz solle im Sommer ausgewertet werden, sagte Giffey.

Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann stellte fest: „Die Lohnlücke stagniert, weil die Gesetze ins Leere laufen, die Frauen eigentlich bessere Chancen am Arbeitsmarkt bringen sollten.“ Als Beispiel nannte er das Entgelttransparenzgesetz mit seinem Auskunftsanspruch, der nur in Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten gilt.

Edda Schliepack aus dem Präsidium des Sozialverbands Deutschland erinnerte daran, dass jahrelange Minijobs für Millionen Frauen Mini-Renten bedeuteten. „Das Problem ist längst bekannt und vielfach erwiesen. Und trotzdem befasst sich die Bundesregierung an keiner Stelle des Koalitionsvertrages mit dieser zentralen sozialen Frage.“

Mit vergünstigten Fahrkarten sorgten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zum „Equal Pay Day“ für Aufsehen: 21 Prozent weniger und damit 5,50 statt 7 Euro kosteten Tageskarten am Montag – aber nur für Frauen.

Selbst internationale Medien wie die „New York Times“ und der britische „Guardian“ berichteten über die Aktion. Neben den günstigeren Tagestickets gab es für Frauen auch billigere Monats- und Jahreskarten – die wurden jedoch nur an einem Automaten am Alexanderplatz verkauft, für bis zu 160 Euro weniger.

Rühmliche Ausnahme Medizin?

Eine generell ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern lässt sich in der Medizin allerdings nicht nachweisen. Der Grund: Bei niedergelassenen Ärzten wird nach EBM oder GOÄ abgerechnet, bei angestellten Ärzten meist nach Tarif bezahlt. Diese Einkommensstrukturen sind transparent und neutral.

Die Vermutung, dass es zum Beispiel vor allem bei Chefarztverträgen noch zu großen Unterschieden kommen könnte, weil Ärztinnen sich womöglich unter Wert verkaufen, bestätigt der Marburger Bund nicht. „Chefarztverträge werden oft von unseren Juristen in den Landesverbänden arbeitsrechtlich geprüft. Diese haben einen guten Überblick, wie viel wo gezahlt wird und welche Einkommen in den jeweiligen Positionen üblich sind“, so ein MB-Sprecher.

Krasse Ausreißer sollte es da nicht geben, heißt es. Außerdem sei der Mangel an Ärzten so groß, dass es zur Zeit immer eine gute Verhandlungsbasis gebe, für Männer und Frauen. Dass Ärztinnen im Schnitt vielleicht ein geringeres Einkommen erzielen, liegt weniger an einer ungleichen Bezahlung, sondern an unterschiedlichen Neigungen, Lebensläufen und Karrierechancen. So arbeiten Frauen öfter in Teilzeit.

Lediglich zehn Prozent der Chefarztposten sind mit Frauen besetzt und auch bei den Medizinprofessuren sind sie deutlich unterrepräsentiert. Niedergelassene Ärztinnen sind häufiger in der sprechenden Medizin tätig – also in den Fachrichtungen Psychotherapie, Psychiatrie, Kinderheilkunde und Allgemeinmedizin, die schlechter honoriert werden als operative Fächer oder technische Fachrichtungen wie Radiologie oder Labormedizin.

 Ähnliches gilt generell für soziale Berufe wie Kranken- und Altenpflege oder Physiotherapie. Hier liegen die Gehälter meist deutlich unter denen für Facharbeiter in der Chemie- oder Autoindustrie. (run/chb)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Equal Pay Day: Frauen, worauf warten wir?!

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