Ernährung, 06.11.2008

Wunderknolle auf Wanderschaft

Kluges, Kurioses und Kultiges rund um die weltweit verbreitete Knollenfrucht schildert die Wanderausstellung "Kartoffelwelt - Karriere einer Knolle". Die Infos zu Anbau und Genuss sind dabei mit amüsanten Details gewürzt.

Von Angela Mißlbeck

Die Ausstellung zeigt viele in Europa unbekannte Kartoffelsorten.

Foto: ami

Exotisch und exklusiv: Diese Eigenschaften würde heute wohl keiner mehr der Kartoffel zuschreiben, ist sie doch viele Tage im Jahr auf vielen Tellern der Welt zu finden. Doch nach ihrer Ankunft in Europa im 16. Jahrhundert wuchs die Kartoffel lange Zeit nur in botanischen und Gärten von Fürstenhöfen. Beliebt war sie wegen ihrer Blüte, die vielfach mit Orchideenblüten verglichen wurde. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Knollenfrucht in Europa das Grundnahrungsmittel, das sie bis heute in vielen Teilen der Welt ist. Als "Arme-Leute-Essen" verbreitete sie sich während der Industrialisierung zügig. 1884 war Deutschland das wichtigste Land in der Kartoffelerzeugung.

Von der Kirche als Aphrodisiakum verteufelt

Auch ein Hauch Revolutionäres hängt ihr an. Denn die ersten Kartoffelbauern, die um 1650 auf deutschem Gebiet mit dem Anbau begannen, führten keine Zehnt-Steuer auf ihre Erträge ab. Die Kartoffel war wegen ihrer Unbekanntheit in den Zehntregistern nicht verzeichnet. Sogar als Teufelszeug war die Knolle verschrien. Man schrieb ihr im 18. Jahrhundert eine aphrodisierende Wirkung zu. Das gefiel den Geistlichen gar nicht.

All diesen Widrigkeiten zum Trotz hat sich die Kartoffel nicht nur auf deutschen Tischen durchgesetzt. Sie ist nach Reis, Weizen und Mais heute das viertwichtigste Nahrungsmittel weltweit. 50 Kilogramm werden pro Kopf und Jahr verbraucht. Während der Konsum in den Industriestaaten rückläufig ist, steigt er in den Entwicklungsländern. Neben der Nahrungsgrundlage gibt die Kartoffel inzwischen aber auch den Rohstoff für weitere Produkte ab. So zeigt die Ausstellung unter anderem Essbesteck und Einkaufsbeutel auf Kartoffelbasis. Kaum zu glauben, wo die Knolle überall drinsteckt: Antibiotika und Zahnpasta, Tapetenkleister und Papier, Kleb- und Kunststoffe sind nur einige Beispiele.

Ihre Stärke steckt auch in Antibiotika und Kleister

Das Geheimnis der Kartoffel ist ihre Stärke. Die Kartoffelstärke macht nicht nur satt. Sie taugt auch zur Produktion zahlreicher Materialien. Mit einem Anteil von 15 Prozent am Gewicht der Knolle ist sie der wichtigste Inhaltsstoff. Erstaunlich: Die harte Erdfrucht besteht zu 80 Prozent aus Wasser. Der Rest sind Eiweiß, Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und etwas Zucker und Fett. Die Ausstellung informiert auch über diese inneren Werte. "Mit einer 200-Gramm-Portion Pellkartoffeln können wir fast die Hälfte unseres täglichen Kalium- und Vitamin-C-Bedarfs decken", heißt es auf einer der bebilderten Informationstafeln.

Es müssen aber nicht immer Pellkartoffeln sein. Kartoffelsalate, Gnocchi, Püree, Klöße oder Kartoffelbrot gibt es in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen frisch oder vorbereitet. Und bei der Verdauung des reichhaltigen Knollenmahls hilft ein Kartoffelschnaps. Wem all diese Zubereitungs-Varianten schon zu bekannt sind, dem bleiben noch viele verschiedene Sorten zu entdecken, die den europäischen Markt erst langsam erobern.

In ihrer Heimat in den südamerikanischen Anden hat die Knolle viele Formen und Farben. Mal ist sie kugelrund und wohlgeformt, mal langgezogen, mal verzweigt. Ihre Formen standen Pate für Kultgefäße der Indios, die die Ausstellung zeigt. Von hellem Gelbgrün über Orange und leuchtendem Rot bis zu lilafarbenem Fruchtfleisch und schwarzer Schale bildet die Kartoffel das komplette Farbspektrum ab. Durchgefärbte Knollenfrüchte enthalten Anthocyane, sekundäre Pflanzenstoffe, die auch in Preiselbeeren oder Rotkohl vorkommen und als gesundheitsfördernd gelten. Und die Süßkartoffel ist gar keine Kartoffel.

Diese und weitere interessante und informative Geschichten rund um die Kartoffel erzählt die Wanderausstellung auf zahlreichen, unterhaltsamen Schautafeln und mit einigen Anschauungsobjekten in Schaukästen.

Informationen

Die Ausstellung tourt 2008 und 2009 weiter durch Deutschland (Infos: www.gtz.de/de/themen/laendliche-entwicklung/22224.htm). Außerdem sind im Internet der Katalog und Informationen rund um die Kartoffel verfügbar.

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