Kongress, 14.06.2012

Bundesweiter Durchbruch für Hausarztverträge?

Mit Spannung werden beim Hauptstadtkongress die Ergebnisse der Evaluation des AOK-Hausarztvertrags in Baden-Württemberg erwartet. Die Auswertung hat das Potenzial, der festgefahrenen Debatte über Hausarztverträge neuen Schub zu geben.

Von Florian Staeck

Evaluation: Mehr Qualität erhofft

Kein Spar-, sondern ein Erfolgsmodell? Die Evaluation des Hausarztvertrags wird die Antwort geben.

© [M] ill/Klaro

BERLIN. Es soll eine späte Genugtuung werden: Am 15. Juni (11:30 bis 13 Uhr) werden im Rahmen des Deutschen Ärzteforums die Ergebnisse der Evaluation zum AOK-Hausarztvertrag in Baden-Württemberg vorgestellt.

Die Initiatoren - AOK Baden-Württemberg, Hausärzteverband und Medi Baden-Württemberg - erhoffen sich von den Ergebnissen einen bundesweiten Durchbruch für Hausarztverträge.

Gegen massiven Widerstand aus KBV, anderen Krankenkassen, Softwareindustrie und zunächst auch der Landes-KV haben die Vertragspartner den Vertrag etabliert. Mittlerweile sind mehr als eine Million Versicherte eingeschrieben, über 3500 Hausärzte stellen die flächendeckende Versorgung sicher.

Aufräumen soll die Evaluation, so hoffen die Vertragspartner, mit dem von vielen Kassenmanagern gepflegten Vorurteil, Hausarztverträge erhöhten die Kosten, nicht aber die Qualität.

Mehrere Millionen Routinedaten ausgewertet

Landeshausärzte-Chef Dr. Bertold Dietsche hat sich im Vorfeld überzeugt gezeigt, dass die Evaluation überaus wichtig sei für die bundesweite Entwicklung der Hausarztverträge. Dies gilt - aus der Perspektive der niedergelassenen Fachärzte - auch für Medi-Chef Dr. Werner Baumgärtner.

Er betont die Ankerfunktion von funktionierenden Hausarztverträgen, um Facharztmodule an den 73b-Vertrag docken zu können.

Mit dem AOK-Vertrag sind mittlerweile drei weitere Verträge verknüpft worden: für Kardiologen, Gastroenterologen und neuerdings auch für Psychotherapeuten.

Vorstellen werden die Ergebnisse die beiden Leiter des Forschungsteams, Professor Joachim Szecsenyi (Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg) und Professor Ferdinand Gerlach (Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt).

Die AOK Baden-Württemberg hat den Wissenschaftlern, so Vorstandschef Dr. Christopher Hermann, mehrere Millionen Routinedaten zum Versichertenkollektiv im Hausarztvertrag und zur Vergleichsgruppe zur Verfügung gestellt.

Untersucht haben die Forscher vor allem diese vier Punkte: Ein- und Überweisungen von Patienten im Vertrag oder die Zahl der Krankenhaustage, die Arbeitszufriedenheit von Ärzten und Praxisteams, die Auswirkungen des Einsatzes der landesweit mehr als 1000 Versorgungsassistentinnen (VERAH) und der Umfang, in dem die DEGAM-Leitlinie Herzinsuffizienz im Hausarztvertrag umgesetzt worden ist.

"Kein Spar-, sondern ein Qualitätsmodell"

Ernten wollen die Vertragspartner im Zuge der Evaluation auch die Früchte der bundesweit einzigartigen Fortbildungsstruktur, die mit dem Hausarztvertrag aufgebaut wurde. An den landesweit mittlerweile mehr als 400 Qualitätszirkeln haben zuletzt mehr als 3300 Hausärzte teilgenommen.

Hinzu kommen über 7000 Medizinische Fachangestellte, die ebenfalls speziell geschult wurden. Der Hausarztvertrag, so folgert Hausarzt-Verbandschef Dietsche, ist "kein Spar-, sondern ein Qualitätsmodell".

Die Vertragspartner haben die Chance, beim Hauptstadtkongress ihre Botschaft direkt an die gesundheitspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von Union und SPD weiterzutragen: Jens Spahn und Professor Karl Lauterbach werden die Ergebnisse unmittelbar auf dem Podium kommentieren.

Zur Debatte steht beispielsweise die von Schwarz-Gelb 2010 eingeführte "Sparklausel" für Hausarztverträge, nach der der Fallwert in 73b-Verträgen nicht höher sein darf als in der Regelversorgung.

Erfüllen sich die Hoffnungen der Vertragspartner, so steht die Frage zur Debatte: Warum darf höhere Qualität nicht besser bezahlt werden?

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