Ärzte Zeitung online, 08.06.2018

Nationale Strategie

Diabetesplan bis Jahresende möglich!

Die jahrelange Diskussion um eine nationale Diabetesstrategie hat durch den Koalitionsvertrag wieder Schwung bekommen. Der CDU-Gesundheitspolitiker Monstadt äußert die Hoffnung auf eine Verabschiedung bis Jahresende.

Von Christoph Barkewitz

Diabetesplan bis Jahresende möglich

Dr. Matthias Suermondt (Sanofi), Thomas Bodmer (DAK), Juliane Gericke (diabetesDE), Professor Dirk Müller-Wieland (DDG), Dietrich Monstadt (CDU) und Manuel Ickrath (DDG) auf dem Podium.

© Stephanie Pilick

BERLIN. Dietrich Monstadt greift seit langem zum Bild einer Naturgewalt, wenn er die Gefahr beschreiben will, die Deutschland durch diese Krankheit droht: "Es rollt ein Diabetes-Tsunami auf uns zu." Dies belegt der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern mit Zahlen.

Fast zehn Millionen Diabetiker gebe es in Deutschland – erkannte wie noch unerkannte –, Wissenschaftler erwarteten in den kommenden Jahren einen Anstieg auf 20 Millionen.

Die Metapher der Monsterwelle bemühte Monstadt auch am Donnerstag auf dem Hauptstadtkongress bei der Gesprächsrunde "Braucht Deutschland eine einheitliche nationale Diabetesstrategie?". Für den Politiker ist das keine Frage. "Mit Stolz sage ich, dass wir das ins Koalitionspapier eingebracht haben." Im aktuellen Koalitionsvertrag von Union und SPD wird die Bedeutung der nationalen Diabetesstrategie "betont".

Problem bei der Koordination

"Leichte Probleme" gebe es noch in der Abstimmung mit den Politikern aus den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung. Was an dem Gedanken einer Strategie liegt: Alle müssten an einem Strang ziehen. Die Ressorts Gesundheit, dazu die genannten Bereiche Agrar und Ernährung, nicht nur der Bund, sondern auch die Länder und die Kommunen, Kitas, Schulen und auch die Arbeitgeber, listet Monstadt auf.

Auch Dr. Matthias Suermondt von Sanofi-Aventis Deutschland wartet mit Zahlen auf. 1960 habe die Prävalenz für Diabetes in Deutschland bei einem Prozent gelegen, 2018 seien es bereits zehn Prozent. Der Vertreter der Pharmaindustrie weist ebenfalls darauf hin, dass zur Bekämpfung der Krankheit ein größeres Rad gedreht werden müsse. Beispiel Lebensmittel: "Zumindest eine Kennzeichnung der Zuckerwerte halte ich für notwendig."

Kritik übte der Bundestagsabgeordnete Monstadt dabei am Morbi-RSA und dem daraus resultierenden Verhalten der Krankenkassen. Das Konstrukt sei überholt, weil die Kassen belohnt würden, wenn Diabetes-Patienten kränker würden.

Die Kassen hätten kein Interesse die Strategie anzuschieben, denn wenn es einem Patienten besser gehe, falle er aus dem Disease Management Programm. Der Morbi-RSA belohne nicht die Heilung, sondern die Krankheit.

Manuel Ickrath von der Deutschen Diabetes Gesellschaft urteilte sogar, eine gute Diabetes-Versorgung gebe es in Deutschland nicht, 40.000 Amputationen von Zehen, Füßen, Beinen bei Diabetikern seien "ein Skandal". Seine Kritik: "Wir bezahlen Prozesse und nicht Qualität."

Mär der Kassen

Widerspruch dazu vom Vertreter der Krankenkassen in der Runde: "Dass wir kein Interesse haben, die Patienten gesund zu machen, stimmt nicht, die Mär, dass Kassen nicht gesund machen wollen, muss ich zurückweisen!", entgegnete Thomas Bodmer, Vorstandsmitglied der DAK Gesundheit.

Der gesunde, junge Patient spüle immer noch das meiste Geld in die Kassen. Bodmer verwies als Beispiel auf das DAK-Programm "Fit for Future", mit dem die Kasse zunächst 2000 Grundschulen erreichen will. Unter anderem, um gesunde Ernährung zu vermitteln. Denn angesichts sechs Prozent adipöser und 13 Prozent übergewichtiger Kinder "haben wir hier ein Riesenproblem".

Es bedürfe der nationalen Strategie, "weil damit verbunden ist, dass die Haushälter Gelder dafür bereit stellen", nannte CDU-Mann Monstadt einen weiteren Grund für das Vorhaben. Wie dringend der Finanzbedarf ist, machte Juliane Gericke, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes-Hilfe – Menschen mit Diabetes deutlich. "Wir haben keinen festen Plan, wie viel Geld wir bekommen", schilderte sie die Nöte in der Selbsthilfe-Arbeit.

Und wann kommt sie nun, die nationale Diabetesstrategie? "Ich hoffe bis Jahresende", sagt Monstadt.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Versorgung psychisch kranker Kinder ist ein Flickenteppich

Der Trend bei den psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen ist stabil. Eine einheitliche Versorgungslandschaft besteht in Deutschland aber nach wie vor nicht. mehr »

„Mütter sind die zentralen Ansprechpartner“

In dieser Woche werben Urologen für die HPV-Impfung. Vor allem bei Jungen besteht Nachholbedarf. Wie können sie für eine Impfung gewonnen werden? mehr »

Mama leckt den Schnuller ab – kein Tabu

Botschaft einer neuen US-Studie: Das Ablutschen kann Vorteile fürs Immunsystem der Kinder haben. mehr »