Ärzte Zeitung, 05.09.2005

Die heldenhaften Ärzte von New Orleans

Beatmung manuell aufrechterhalten / Krisenhospital im Flughafen-Terminal / Gefährliche Leptospiren im Wasser

Von Ronald D. Gerste

Im Chaos und der Anarchie von New Orleans haben die Ärzte und das Personal des Charity Hospitals ein Beispiel von Humanität gegeben, das in den USA mit Bewunderung verfolgt wird.

Alle Krankenhäuser von New Orleans werden evakuiert: Hier warten 29 Patienten vom Veterans Administration Hospital auf den Transport nach Houston. Um sie kümmert sich das Personal der Notfallabteilung des Krankenhauses. Fotos: dpa

Seit am Montag die Stromversorgung ausfiel, arbeiteten die Ärzte und Krankenpfleger im Charity Hospital an der Tulane Avenue im Kerzenlicht. Notwendige Operationen wurden mit Hilfe von Dieselgeneratoren durchgezogen, die Beatmung von Intensivpatienten wurde teilweise manuell vorgenommen.

Ärzte, Pfleger und andere freiwillige Helfer werden in Charlotte registriert.
Er war zusammengebrochen: Curtis Green, 78, am EKG-Monitor.
Im Krisenhospital am Flughafen: Rotkreuz-Helfer kümmern sich um Opfer.

Besonders belastend: Da die Leichenhalle im Keller überflutet war, mußten die seit Beginn der Krise gestorbenen Patienten im Treppenhaus gelagert werden. Das Krankenhaus, eines der ältesten von New Orleans, versorgt vor allem jene Klientel, die von der Flutkatastrophe besonders betroffen ist: die Armen und die Alten, viele von ihnen ohne Krankenversicherung.

Klinik-Evakuierungen wegen Schüssen unterbrochen

Während andere Krankenhäuser evakuiert wurden, ging im Charity die Betreuung der Patienten weiter. Diese Arbeit mußte immer wieder unterbrochen werden, da im Dunkeln Schüsse in der Umgebung des Krankenhauses fielen. Die Neugeborenen und die pädiatrischen Patienten konnten dennoch als erste evakuiert werden; alle waren sorgfältig mit Namensschildern versehen, um eine spätere Zusammenführung mit ihren Familien zu gewährleisten.

Am Samstag wurde nach Eintreffen weiterer Einheiten der Nationalgarde mit der Evakuierung der letzten 220 Patienten begonnen. Wie auch die Patienten des anderen Großkrankenhauses, des Tulane University Hospital, wurden sie zum Flughafen geflogen, dessen Terminal zu einem Krisenhospital umfunktioniert wurde.

Die Zustände dort waren am Samstag noch weithin inadäquat, für die mehr als 3000 Patienten gab es nicht genügend Personal. Das häufigste Gesundheitsproblem schien die Dehydratation zu sein. Schwerkranke wurden mit Transportflugzeugen der Luftwaffe nach Atlanta geflogen. Die Kliniken in Houston und Dallas sind durch den Zustrom kranker Flüchtlinge inzwischen an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen.

Über die Ärzte und Pfleger des Charity Hospitals hat der Chef des Louisiana State University Hospital Systems, Don Smithburg, voll Hochachtung gesagt: "Viele der Mitarbeiter haben tagelang nichts gegessen und getrunken, um das zur Verfügung Stehende den Patienten zukommen zu lassen. Immer wieder haben sie Menschen zu den Hubschraubern getragen. Es war der reine Heroismus."

Bis zum Wochenende gab es noch keine Hinweise darauf, daß die befürchteten Seuchen in der Stadt ausgebrochen sind. Ob auch mit Cholera gerechnet werden muß, die fast immer im Zusammenhang mit Naturkatastrophen dieser Größenordnung genannt wird, ist fraglich. Diese klassische Seuche suchte New Orleans im Jahre 1832 heim und forderte dabei 4340 Menschenleben.

Der Mikrobiologe Professor Walter Däubener von der Universität Düsseldorf hält es für wahrscheinlich, daß Träger von Vibrionen in der Region leben. Die Cholera existiert auf dem Kontinent vor allem in Südamerika; Menschen aus dortigen Ländern, die im demographischen Schmelztiegel New Orleans leben, können klinisch wenig auffällig sein (die Seuche kann sich als fast normale Durchfallerkrankung manifestieren) und jetzt ein Reservoir für die Vermehrung und die Ausbreitung von Vibrionen sein.

Tausende von Hurrikan-Opfer in New Orleans warten noch auf Rettung durch die Nationalgarde und andere Helfer.

Eine größere Gefahr können nach Däubeners Ansicht Leptospiren sein. Diese Keime werden von Nagetieren (deren es in Louisiana und Mississippi reichlich gibt) über die Nieren ausgeschieden und kontaminieren das Wasser. Die Leptospirose äußert sich in Fieberattacken, Blut im Urin und Leber- sowie Nierenversagen.

Viele Pharma-Unternehmen haben Hilfstransporte gesandt

Die Kritik am schleppenden staatlichen Krisenmanagement in den USA wächst. Der freie Markt dagegen hat schnell und mit Blick auf dringliche Notwendigkeiten reagiert. Verschiedene Unternehmen sandten Hilfstransporte zu den Menschen in New Orleans, darunter auch viel medizinisch dringend benötigtes Material.

So hat zum Beispiel der Arzneimittel-Hersteller Eli Lilly 40 000 Ampullen mit tiefgefrorenem Insulin auf den Weg zu den Kranken der Stadt geschickt (Blues-Legende B.B. King aus dem von Katrina heimgesuchten Staat Mississippi ist einer der bekanntesten Diabetiker der USA), der Konzern Bristol-Myers Squibb hat Babynahrung geliefert.

Andere Pharma-Unternehmen wie Abbott, Pfizer und Bayer haben Sach- wie Geldspenden in Höhe von mehreren Millionen Dollar angekündigt. Zur Verhinderung von Epidemien ist sauberes Trinkwasser unbedingt erforderlich. 2,5 Millionen Flaschen pro Woche wird ein Unternehmen liefern, das umfangreiche Erfahrungen mit der Notwendigkeit regelmäßigen Trinkens hat: Anheuser-Busch.

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