Ärzte Zeitung, 24.06.2004

Selbstvorsorge hilft, Frühgeburten zu vermeiden

Regelmäßige pH-Wert-Messungen am Scheideneingang decken Infektionen früh auf / Rasche Therapie wichtig

BERLIN (grue). Aufsteigende vaginale Infektionen sind eine häufige Ursache für Frühgeburten. Durch regelmäßige pH-Wert-Messungen am Scheideneingang lassen sich solche Infektionen bereits in Vor- oder Anfangsstadien erkennen, und es kann früh behandelt werden. Schwangere können sich leicht selbst untersuchen.

Ein Frühgeborenes: Jedes fünfte Kind, das bei der Geburt unter
1000 Gramm wiegt, ist später mittel- bis schwergradig behindert.
Foto: dpa

Für die Untersuchung gibt es spezielle Meßhandschuhe, die vaginale pH-Werte höher als 4,4 anzeigen. Solche Werte weisen auf eine gestörte Laktobazillen-Flora in der Scheide hin und markieren Vorstadien einer vaginalen Infektion. Frauenärzte messen den pH-Wert bei den Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere.

"Der Parameter eignet sich aber auch hervorragend für ein ausgeweitetes Screening-Programm, um mehr bakterielle Vaginosen in der Schwangerschaft zu erkennen", sagte Dr. Monika Schreiber vom Erich Saling-Institut für Perinatale Medizin beim Hauptstadtkongreß in Berlin. Bei zu hohen pH-Werten können die Frauen mit einem Lactobacillus-Präparat zur Regulierung des Scheiden-Milieus oder aber mit einem Antibiotikum bei bereits vorhandener Infektion behandelt werden.

Vaginosen und Harnwegsinfekte seien die häufigsten vermeidbaren Ursachen für Frühgeburten, so Schreiber. Bis zu acht Prozent der Neugeborenen in Deutschland kommen vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt. Kinder, die mehr als acht Wochen vor dem Termin geboren werden oder ein Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm haben, sind gesundheitlich besonders gefährdet.

Jedes fünfte Kind, das bei der Geburt unter 1000 Gramm wiegt, ist später mittel- bis schwergradig behindert. Das Perinatal-Institut in Berlin startete deshalb bereits Ende der 90er Jahre eine Selbstvorsorge-Aktion, an der über 1000 Schwangere teilnahmen, davon 18 Prozent mit einem Risiko für untergewichtige Kinder.

Die Frauen maßen zweimal wöchentlich den pH-Wert und achteten auch auf andere Infektzeichen. Durch die Selbstvorsorge ließ sich die Rate der Kinder mit weniger als 1500 Gramm Geburtsgewicht von 7,8 auf 1,3 Prozent senken.

Daraufhin wurde der Nutzen des Selbstvorsorge-Programms in einer Studie mit insgesamt über 16 000 Geburten geprüft. Durch das pH-Wert-Screening konnten der Anteil untergewichtiger Kinder (unter 1500 g) und die Zahl der sehr frühen Frühgeburten (vor der 32. Schwangerschaftswoche) signifikant gesenkt werden.

So betrug die Rate der untergewichtigen Kinder im Halbjahr vor der Aktion noch 1,29 Prozent und im Halbjahr nach Beginn des Selbstvorsorge-Programms nur noch 0,97 Prozent. Und: Im Halbjahr vor der Aktion betrug die Rate der frühen Frühgeburten noch 1,58 Prozent und nach Beginn der pH-Wert-Selbstmessungen nur noch 0,99 Prozent.

Wie Schreiber berichtet hat, haben nun vier Krankenkassen ein Modellprojekt in Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen gestartet, um das Screening zu validieren. Die Untersuchungshandschuhe werden an die Schwangeren kostenlos abgegeben. "Ohnehin sind die Kosten für ein solches Präventionsprogramm gering verglichen mit dem Aufwand für die intensivmedizinische Betreuung von Frühgeborenen", so Schreiber. Die Gynäkologin hofft, daß viele Schwangere das Angebot nutzen.

Weitere Infos zu Frühgeburten gibt es unter www.saling-institut.de

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