Ärzte Zeitung, 20.12.2005

Anamnese ist wichtiger als Gerinnungstests

Präoperative Diagnostik / Verlängerte aktivierte partielle Thromboplastinzeit ist klinisch meist nicht bedeutsam

BREMEN (grue). Gezielte anamnestische Fragen sind für die Erkennung von Gerinnungsstörungen wichtiger als Laborteste. Denn das Risiko für postoperative Nachblutungen läßt sich mit dem PTT-Wert nur schlecht abschätzen.

Vor der geplanten Tonsillektomie bespricht ein Kollege die Op mit Mutter und Kind. Auch über Blutungsrisiken wird dabei gesprochen. Foto: imago

Und auch der Quick-Wert liefert dafür nur ungenügende Anhaltspunkte, sagte Dr. Christoph Bidlingmaier von der Universität München auf einer von ZLB Behring unterstützten Veranstaltung in Bremen. Über 90 Prozent aller präoperativ auffälligen Gerinnungswerte betreffen die aPTT (aktivierte partielle Thromboplastinzeit), die aber außer bei Hämophilie kaum mit der Schwere der Gerinnungsstörung korreliert.

Verlängerter aPTT-Wert bei infektanfälligen Kindern

Ein verlängerter aPTT-Wert ist klinisch meist nicht von Bedeutung, sagte Bidlingmaier. Außerdem sei die aPTT auch bei infektanfälligen Kindern verlängert, und damit ausgerechnet bei einer Gruppe von Patienten, die oft wegen der Entfernung der Gaumen- oder Rachenmandeln eine Operation brauchen.

Nach Tonsillektomien und Adenotomien kommt es bei bis zu vier Prozent der operierten Kinder zu verstärkten Blutungen, die bei einer von 20 000 Gaumenmandel-Operationen tödlich ausgeht. Eine präoperative Gerinnungsdiagnostik sei deshalb zwingend erforderlich, so Bidlingmaier. Sie dürfe sich aber nicht auf Labormarker beschränken.

"Denn auch normale aPTT-Werte schließen eine Blutungsneigung nicht aus, können also falsch negativ sein". So haben die wenigsten Kinder mit verstärkter Blutung eine nachweisbare Koagulopathie, und selbst bei Kindern mit von-Willebrand-Syndrom ist der aPTT-Wert zu mehr als 50 Prozent unauffällig.

"Weil die Laborwerte so wenig hergeben, ist die Anamnese umso wichtiger", sagte Bidlingmaier. Bei der Eigenanamnese sollte immer auch nach Voroperationen, ASS-Einnahme sowie gehäuftem Nasen- und Zahnfleischbluten gefragt werden. Bei Kindern mindestens so wichtig ist aber die Familienanamnese, so Bidlingmaier.

Standardisierte Befragung der Patienten empfohlen

Haben Familienmitglieder Hämatome an ungewöhnlichen Stellen? Gab es Blutungskomplikationen bei der Geburt der Kinder? Haben die Frauen verlängerte oder verstärkte Menstruationen? "Alles das wird am besten nach einem standardisierten Schema erfragt", empfahl der Kinderarzt aus München.

In mehreren Studien war der prädiktive Wert einer sorgfältigen Anamnese größer als der gängiger Laborwerte. Dennoch möchte auch Bidlingmaier nicht ganz auf die aPTT verzichten. Sie könne immerhin Hinweise auf eine gestörte Hämostase liefern.

Deshalb gilt: Eine einmalig verlängerte aPTT sollte nach vier bis acht Wochen, möglichst in einer infekt- und impffreien Zeit, nochmals gemessen werden. Ist sie weiterhin verlängert, sollte sich ein Labor-Komplettprogramm mit Bestimmung der aPTT-relevanten Einzelfaktoren anschließen.

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