Ärzte Zeitung online, 01.05.2018

Verkehrsunfälle sind Todesursache Nr. 1

Immer weniger Kinder sterben in Europa

Mal eine gute Nachricht: Innerhalb von 26 Jahren ist die Sterberate von Kindern in Europa um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Allerdings bestehen immer noch drastische Unterschiede zwischen den Ländern im Westen Europas und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Von Thomas Müller

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Verkehrsunfälle als Haupttodesursache von Kindern werden der WHO-Studie zufolge vor allem in den westlichen Industrieländern seltener.

© misu / stock.adobe.com

SEATTLE. Bei der Kindersterblichkeit hat es seit 1990 große Fortschritte gegeben – und das nicht nur für Säuglinge und Kleinkinder, sondern auch für ältere Kinder und Jugendliche. Darauf weist die Studie "Global Burden of Disease" eindrucksvoll hin. Weltweit ist die Mortalität bei den unter fünfjährigen Kindern um 55 Prozent gesunken, in der WHO-Region Europa sogar um 70 Prozent.

Unter älteren Kindern ging die Zahl der Todesfälle jedoch nicht ganz so stark zurück – die Sterberate sank global innerhalb von 26 Jahren um 44 Prozent. Ein Forscherteam um Hmwe Kyu von der Universität in Seattle hat nun auch detaillierte Daten in der Altersgruppe 5 bis 14 Jahre zu Europa vorgelegt (Lancet Child Adolesc Health 2018; 2: 321–337). Sie deuten auf eine mehr als halbierte Sterblichkeit. Auch hier gab es also in Europa stärkere Fortschritte als in der übrigen Welt. Doch noch immer bestehen drastische Unterschiede zwischen den hochentwickelten Ländern im Westen Europas und Staaten wie Kasachstan oder Tadschikistan, die ebenfalls zu WHO-Region Europa zählen.

53 Länder unter der Lupe

Die Wissenschaftler haben anhand von offiziellen Registerdaten, Krebsregistern, Unfallstatistiken und Polizeiberichten über Unfälle und Tötungsdelikte versucht, Zahl und Ursachen von Todesfällen bei Kindern im Alter von 5 bis 14 Jahren möglichst genau für jedes der 53 WHO-Europaländer auszurechnen. Untersucht wurden dabei die Veränderungen zwischen 1990 und 2016.

Insgesamt berechneten die Forscher für die Gesamtregion im Jahr 2016 rund 10.700 Todesfälle bei Kindern im Alter von 5 bis 9 Jahren und 10.300 Todesfälle im Alter von 10 bis 14 Jahren. Für das Jahr 1990 kalkulierten die Forscher jeweils 30.000 und 24.100 Todesfälle. In absoluten Zahlen entspricht dies einem Rückgang von 64 Prozent bei den jüngeren und 57 Prozent bei den älteren Kindern. Die Sterberate ging in diesem Zeitraum um 58 Prozent bei den jüngeren und um 47 Prozent bei den älteren Kindern zurück. Unter den jüngeren Kindern war der Rückgang besonders stark in den Jahren 1990 bis 2000.

264 verschiedene Todesursachen

Die Wissenschaftler um Kyu schauten sich insgesamt 264 verschiedene Todesursachen an. Zusammengefasst blieben Unfälle die Haupttodesursache. Sie waren Grund für 39 Prozent der Todesfälle bei den jüngeren und 43 Prozent der Todesfälle bei den älteren Kindern. Die unfallbedingte Sterberate erwies sich bei Jungen zudem als doppelt so hoch wie bei Mädchen.

Unter den einzelnen Todesursachen belegten Verkehrsunfälle sowohl 1990 als auch 2016 den ersten Platz – trotz eines Rückgangs um drei Viertel bei den jüngeren und zwei Drittel bei den älteren Kindern. Unter den jüngeren Kindern rutschte Ertrinken von Platz zwei im Jahr 1990 auf Platz drei in 2016. An zweiter Stelle standen hier Infekte der unteren Atemwege. Platz vier, fünf und sechs belegten in beiden Jahren Fehlbildungen, Leukämien sowie Hirn- und Nervensystemtumoren.

Keine Änderungen bei den häufigsten Todesursachen gab es hingegen in der Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen: Hier folgen auf Verkehrsunfälle nach wie vor Ertrinken, Leukämie, Atemwegserkrankungen, Fehlbildungen und Suizide.

Die Mortalität sank mit Blick auf sämtliche Todesursachen. Tödliche Verletzungen gingen in beiden Altersgruppen um 67 und 55 Prozent zurück, die Sterberate durch nicht übertragbare Krankheiten sank um 43 und 35 Prozent, die durch übertragbare Krankheiten sowie maternale, neonatale und ernährungsbedingte Ursachen um 61 und 49 Prozent.

Ost-West-Unterschiede drastisch

Verkehrsunfälle als Haupttodesursache wurden vor allem in den westlichen Industrieländern seltener (minus 79 Prozent); nur um 57 Prozent sank hierfür die Mortalitätsrate in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Dort gibt es immer noch ein erhebliches Verbesserungspotenzial: So sterben in Kasachstan rechnerisch 6,1 von 100.000 Kindern zwischen 5 und 9 Jahren an Verkehrsunfällen, das sind sechsmal so viele wie in Deutschland.

Ähnliche große Unterschiede gibt es auch beim Ertrinken: Hier liegt die Inzidenz pro 100.000 Kinder in Tadschikistan noch 45-fach über der von Luxemburg (9,0 versus 0,2). Auch die Suizidinzidenz bei den älteren Kindern variiert stark – zwischen 0,2 in Griechenland und 4,0 in Kasachstan.

Die Ursachen für diese Differenzen liegen auf der Hand: Lasche Sicherheitsregeln im Straßenverkehr, Alkohol am Steuer und eine teilweise miserable Infrastruktur machen das Autofahren in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion nicht nur für die Fahrzeuginsassen zu einem Abenteuer, sondern auch für Fußgänger und spielende Kinder. Fehlender Schwimmunterricht, unbeaufsichtigte Kinder und nicht eingezäunte Bewässerungsanlagen tragen zum Tod durch Ertrinken bei, die oft fehlende psychiatrische Versorgung zum Suizid, erläutern die Wissenschaftler um Kyu.

Auch Fortschritte im Osten

Allerdings gibt es in östlichen Ländern auch Fortschritte: So wurde in Russland und der Ukraine ein deutlicher Rückgang der Leukämiesterblichkeit beobachtet. Grund hierfür ist eine bessere medizinische Versorgung.

Deutschland liegt bei den Mortalitätsraten auf dem Niveau der übrigen europäischen Industrieländer. Jüngere Kinder sterben primär an Hirn- und Nervensystemtumoren, gefolgt von kongenitalen Fehlbildungen und Verkehrsunfällen. Letztere belegen bei den älteren Kindern den ersten Platz.

Die Studienautoren um Kyu erinnern daran, dass noch immer die meisten Todesfälle bei Kindern verhindert werden könnten – durch mehr Sicherheit im Straßenverkehr, durch pränatale Präventionsmaßnahmen wie die Folsäuresupplementierung, durch Impfungen sowie über eine rasche und adäquate Behandlung bei schweren Infektionen, Krebserkrankungen und psychischen Problemen.

Die Ergebnisse der WHO-Studie

» Von 1990 bis 2016 ging die Sterberate von Kindern zwischen 5 und 9 Jahren in Europa um 58 Prozent zurück, bei Kindern zwischen 10 und 14 Jahren um 47 Prozent.

» Unfälle bleiben die Haupttodesursache und waren Grund für 39 Prozent der Todesfälle bei den jüngeren und 43 Prozent der Todesfälle bei den älteren Kindern.

» Unter den einzelnen Todesursachen belegten Verkehrsunfälle sowohl 1990 als auch 2016 den ersten Platz – trotz eines Rückgangs um drei Viertel bei den jüngeren und zwei Drittel bei den älteren Kindern.

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