Ärzte Zeitung online, 01.08.2017

Forschung über 30 Jahre

Asbest – einmal in der Lunge, immer in der Lunge

Asbestfasern sind in der menschlichen Lunge über fast 40 Jahre in derselben Menge nachweisbar. Das hat die Auswertung eines nach eigenen Angaben weltweit einzigartigen Datensatzes des Deutschen Mesotheliomregisters am Institut für Pathologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) gezeigt.

Asbest – einmal in der Lunge, immer in der Lunge

Dachdecker bei einer Sanierung: Forscher haben herausgefunden, dass Asbest jahrzehntelang in fast gleicher Konzentration im Körper bleibt.

© Wolfgang Jargstorff / stock.adobe.com

BOCHUM. Asbest, ein in natürlichem Gestein vorkommendes faseriges Mineral, wird in der Industrie wegen seiner Biobeständigkeit hoch geschätzt. Die über 30 Jahre durchgeführten Lungenstaubanalysen und nun erstmals im Längsschnitt ausgewerteten Daten bestätigen diese Biobeständigkeit auch für die menschliche Lunge, wie die Universität Bochum berichtet.

Die Forscher schlossen zwölf Fälle in ihre Untersuchung ein. Ihr Datensatz enthält Messergebnisse der Asbestkonzentration in der Lunge ein- und derselben Menschen, die mehrfach im Abstand von 4 bis 21 Jahren gewonnen worden waren.

"Die Asbestkonzentration in der Lunge blieb über den langen Zeitraum von fast 40 Jahren stabil und somit nachweisbar", so Studienautorin Inke Feder in einer Pressemitteilung der Universität. Dieses Ergebnis gelte sowohl für den als gesundheitsgefährlicher geltenden Blauasbest als auch für den Weißasbest. Für letzteren – der in der Industrie am meisten verwendet wurde – sei in der Fachwelt bislang umstritten gewesen, ob die Fasern in der Lunge überdauern oder nicht.

Nicht zuletzt sei die Frage der Nachweisbarkeit von Asbestfasern in der Lunge entscheidend dafür, wie man das Risiko durch Asbest am Arbeitsplatz bewertet, betonen die Forscher. Daraus folgt die Entscheidung, ob eine Lungenerkrankung als Berufskrankheit anerkannt werden kann, sodass die Betroffenen Anspruch auf eine Entschädigung haben.

Das Forscherteam um Inke Feder und Prof. Dr. Andrea Tannapfel hat nun die Ergebnisse der Studie gemeinsam mit Kollegen vom Institut für Prävention und Arbeitsmedizin (IPA) der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung im European Respiratory Journal veröffentlicht (DOI: 10.1183/13993003.02534-2016).

Warum Asbest in der Lunge überdauert

Als Erklärung für ihre Befunde erinnern die Forscher daran, dass feine Fasern wie Asbest bis tief in die Lungenbläschen vordringen und nicht durch Flimmerhärchen abgefangen und ausgehustet werden. Als Reaktion der Lunge könnten sich geflechtartig-netzähnliche diffuse Vernarbungen mit den darin eingelagerten Stäuben bilden, die Asbestose. Da die Asbestfasern nun so biobeständig seien, können die Fresszellen des Immunsystems sie auch nicht abbauen. Diese Fresszellen sterben ab und bilden die typischen Asbestkörper. Dabei würden wiederum Inhaltsstoffe frei, die eine chronische Entzündung verursachen, woraus Krebs, etwa ein Mesotheliom entstehen könne – und zwar auch noch bis zu 60 Jahre nach Asbestkontakt. (run)

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