Ärzte Zeitung, 23.06.2004

HINTERGRUND

Mit Magenband und Co. schwinden bei Adipositas die Fettpolster und damit oft auch die Gefäßrisiken

Von Philipp Grätzel von Grätz

So sieht ein Magenband aus: Vom Band (vorne) führt ein Schlauch zu einem flüssigkeitsgefüllten Port. Über den Port wird die Weite des Bandes reguliert. Foto: Berg

In Deutschland sind Operationen am Magen-Darm-Trakt zur Therapie bei Adipositas nach wie vor die Ultima ratio. "Wer fünf solcher Eingriffe pro Jahr macht, gilt hierzulande als Experte", beschreibt Professor Reinhart Grundmann, Ärztlicher Leiter der Kreiskliniken Altötting-Burghausen, die Situation in Deutschland.

Der Herausgeber des "Jahrbuch der Chirurgie" geht von unter 3000 Magen-Darm-Operationen zur Therapie von Adipositas-Patienten pro Jahr in Deutschland aus.

Anders in Übersee: "Allein im Jahr 2003 wurden in den USA 103  000 derartige Eingriffe vorgenommen", so Grundmann beim Hauptstadtkongreß in Berlin, "Adipositas-Operationen sind dort die mit weitem Abstand häufigsten Eingriffe am Magen". Bereits 1991 hat die US-Gesundheitsbehörde NIH als Op-Indikation ein Versagen einer konservativen Therapie bei einem Body-Mass-Index (BMI) über 40 - oder über 35 plus metabolischer Begleiterkrankung - anerkannt.

Magenband und -bypass sind Op-Verfahren bei Adipositas

Zwei dabei häufig angewandte Verfahren - auch in Deutschland - sind das Magenband und der Y-Roux-Magenbypass. Beim Magenband wird der Magen reversibel durch ein von außen angelegtes Kunststoffband unterhalb der Kardia künstlich verkleinert. Beim aufwendigeren Y-Roux-Magenbypass wird ein kleiner Restmagen gebildet und an den Dünndarm angeschlossen. Der übrige Magen wird so von der Nahrungspassage ausgeschlossen. Auch das Duodenum wird umgangen und endet blind. Der Speisebrei gelangt sofort ins Jejunum.

Beide Verfahren ließen sich laparoskopisch vornehmen, so Grundmann. Auch an deutschen Kliniken wird das praktiziert. In den USA werden bereits mehr als die Hälfte aller Adipositas-Operationen am Magen-Darm-Trakt minimal-invasiv vorgenommen. Der aufwendige Magenbypass wird in einigen Zentren sogar schon ambulant angelegt.

Die kurz- und mittelfristige Komplikationsrate sei gering, sagte Grundmann. Beim Magenband komme es bei jedem fünfundzwanzigsten Operierten zur Aufdehnung des Magenanteils, der oberhalb des Bandes liegt (Pouchdilatation) und bei etwa 1,5 Prozent zu einer unerwünschten Verlagerung des Bandes. Beim Bypass kann es zu einer Malabsorption von Nährstoffen kommen. Die postoperativen Beobachtungszeiträume liegen bisher in den meisten Studien bei etwa fünf Jahren.

Das Magenband engt nur den normalen Weg der Nahrung ein und reduziert auf diesem Weg den Appetit. Der Y-Roux-Bypass verändert dagegen die physiologische Nahrungspassage. Die Nahrung wird zum Teil nur leicht verdaut ausgeschieden. "Der langfristige Effekt des Bypasses auf den BMI ist daher größer", so Grundmann. Es gebe ein bei US-Bauchchirurgen beliebtes Schema, das ein Magenband bei Menschen mit BMI-Werten bis 35 vorsehe und empfehle, jenseits davon den Magenbypass zu bevorzugen.

Der Magenbypass hat noch einen Vorteil: Sogenannte "sweet eater", die sehr viel Süßes zu sich nehmen, können das Magenband übertölpeln, indem sie zum Beispiel literweise süße Getränke oder Flüssig-Schokolade in sich hineinschütten. Weil die Nahrungspassage intakt ist, werden die darin enthaltenen Kohlenhydrate komplett resorbiert. Anders beim Bypass: Hier ist die Nahrungspassage beschleunigt und die Verdauung behindert, so daß ein Y-Roux-Bypass auch bei einem "sweet eater" eine erhebliche Gewichtsabnahme bewirkt.

Grundmann hat 64 Studien zum Magenband und 57 zum Y-Roux-Bypass ausfindig gemacht. Die darin genannte Gewichtsreduktion der Patienten liegt nach einigen Monaten und offenbar anhaltend über Jahre zum Teil oberhalb von 50 Prozent des Ausgangsgewichts.

Gegen die von Europäern gerne vertretene These, daß Adipositas-Chirurgie reine Kosmetik sei, wehren sich die Bauchchirurgen mit Studiendaten: So wurde Ende vergangenen Jahres eine Untersuchung veröffentlicht, in die insgesamt 1160 Patienten aufgenommen worden waren, die einen laparoskopisch angelegten Magenbypass erhalten hatten. 240 davon waren Diabetiker, die mit Tabletten oder Insulin behandelt wurden.

Nach Adipositas-Op waren viele Diabetiker euglykämisch

191 davon nahmen nach durchschnittlich 19,7 Monaten an der Nachbeobachtung teil. Vier von fünf dieser Patienten seien zu diesem Zeitpunkt euglykämisch und damit nicht mehr therapiebedürftig gewesen. "Es geht also bei der Adipositas-Chirurgie auch um das Verhindern von Folgeschäden durch Beeinflussung kardiovaskulärer Risikofaktoren", so Grundmann. Eine Wunderwaffe gegen Diabetes sei die Adipositas-Chirurgie nämlich nicht: "Bei älteren Menschen und solchen, die bereits länger mit ihrem Diabetes zu tun haben, scheint das nicht mehr so gut zu klappen".

STICHWORT

Adipositas-Op in Deutschland

Im vergangenen Jahr haben die Deutsche Diabetes-Gesellschaft, die Deutsche Adipositas-Gesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung neue Leitlinien zu Adipositas herausgegeben. Demnach kommt eine chirurgische Intervention wie ein Magenband bei Versagen konservativer Maßnahmen bei folgenden Patienten in Betracht: Zum einen bei Patienten mit Adipositas Grad III, also einem Body-Mass-Index ab 40 kg/m2. Zum anderen bei Adipositas Grad II, also einem BMI ab 35 kg/m2, wenn erhebliche Zusatzerkrankungen vorliegen. Dazu gehören etwa Hypertonie oder Typ-2-Diabetes.Wegen der potentiellen Reversibilität, des kleineren Eingriffes und fehlender Maldigestion und Malabsorption werden restriktive Eingriffe wie das Magenband meist bevorzugt. (eb)

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