Ärzte Zeitung, 10.06.2014

Heuschnupfen

Mit Symptomen nicht ans Steuer!

Heuschnupfensymptome können die Fahrtüchtigkeit deutlich herabsetzen. In einer Studie wirkten sich Triefnase und tränende Augen in Belastungssituationen ebenso negativ aus wie ein Alkoholpegel von 0,5 Promille.

Von Elke Oberhofer

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Allergiesymptome wirken sich am Steuer ebenso negativ aus wie ein Alkoholpegel von 0,5 Promille.

© zstock / fotolia.com

MAASTRICHT. Wer sich in Deutschland mit einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille hinters Steuer setzt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Monat Fahrverbot, einem Bußgeld von 500 Euro und zwei Punkten in Flensburg geahndet wird.

Auf die Idee, einen Fahrzeuglenker mit Heuschnupfen ebenso empfindlich zu belangen, nur weil er vergessen hat, seine Medikamente zu nehmen, ist bislang noch niemand gekommen; dabei wäre das niederländischen Autoren zufolge durchaus naheliegend.

"Eine unbehandelte allergische Rhinitis kann die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen und die Patienten gefährden", warnen Dr. Eric Vuurmann, Psychologe an der Universität Maastricht, und sein Team.

Die Forscher hatten 19 Pollenallergiker außerhalb der Allergiesaison zu einem einstündigen Fahrtest antreten lassen (Allergy 2014, online 9. Mai). Alle wurden unter verschiedenen Konditionen getestet: mit oder ohne vorherige nasale Provokation durch eine standardisierte Pollenlösung (10.000 BU/ml Allergen) sowie mit oder ohne lokale oder systemische Behandlung (Fluticasonfuroatspray oder Cetirizin). Nach der Provokation blieben die Patienten zunächst für eine Stunde unter Beobachtung, um sich dann direkt zum Fahrtest zu begeben.

Die Teilnehmer wurden gebeten, bei einer Geschwindigkeit von 95 km/h einen 100-km-Parcours zu absolvieren. Jede Abweichung von der Fahrspur wurde mithilfe einer auf dem Autodach montierten Kamera registriert. Der Test ist nach Angaben der Autoren validiert und hat sich bereits im Zusammenhang mit Alkohol, sedierenden Medikamenten oder Schlafmangel bewährt.

Häufig wird Multitasking abverlangt

Wie die Forscher berichten, zeigt der Test klar, dass sich die allergische Rhinitis per se auf das Fahrverhalten auswirkt. Unbehandelte Patienten kamen nach Allergenprovokation im Schnitt um 2,07 cm stärker von der Fahrbahn ab als ohne Provokation. Schon 15 Minuten nach Instillation der Pollenlösung hatten sich bei den Fahrern deutliche Symptome eingestellt, die sie offenbar daran hinderten, auf Spur zu bleiben.

Verschärfte man die Übung durch einen zusätzlichen mündlichen Gedächtnistest, wurden die Unterschiede noch deutlicher: Die "Schlenker" waren jetzt im Schnitt um 2,35 cm stärker als unter Placebobedingungen; den Forschern zufolge entspricht dies einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille.

Unter Behandlung nahmen die Spurabweichungen deutlich ab, und zwar sowohl unter dem oralen Antihistaminikum als auch nach Einsatz des kortikoidhaltigen Nasensprays. Die "provozierten" Teilnehmer konnten das Fahrzeug nun ebenso gut kontrollieren wie ohne Allergenbelastung.

Allerdings hatte die Cetirizingruppe offenbar deutliche Schwierigkeiten, wenn der Gedächtnistest hinzukam. Vuurmann und Kollegen erklären das mit der leicht sedierenden Wirkung der oral verabreichten Substanz. Mit dem Nasenspray zeigte sich dieser Effekt nicht. Dass neuere Antihistaminika die Fahrtauglichkeit ebenfalls beeinträchtigen, sei damit nicht gesagt.

Nach Vuurmann und seinen Kollegen wird Autofahrern im Straßenverkehr sehr oft ein "Multitasking" abverlangt. Unter diesen Bedingungen müsse man davon ausgehen, dass eine unbehandelte Allergie die Betroffenen ebenso beeinträchtige wie ein Alkoholpegel von 0,5 Promille.

Der Appell der Forscher an die Ärzte: Diese sollten ihre Patienten auf das Risiko hinweisen, das sie eingehen, wenn sie ihre Medikamente nicht nehmen.

[11.06.2014, 13:13:33]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Gewagter Vergleich!
Dass Heuschnupfensymptome die Fahrtüchtigkeit deutlich herabsetzen können, ist allgemein bekannt. Aber dass sich Triefnase und tränende Augen in Belastungssituationen ebenso negativ auswirken wie ein Alkoholpegel von 0,5 Promille, ist schon vom Ansatz her schief. Saisonale Pollinose und allergische Rhinokonjunktivitis sind K r a n k h e i t s s y m p t o m e.

Willentliche Alkoholisierung, die auch bei 0,5 Promille Blutalkoholgehalt schon Vigilanz, kognitive und reaktive Fahr-Kompetenzen alterieren kann, ist dagegen ein völlig anderer "Pathomechanismus". Der HNO-Kollege Dr. med. Martin Wagenmann von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bemühte auf der 47. Fortbildungsveranstaltung für HNO-Ärzte in Mannheim sogar einen Vergleich "mit Autofahren bei 0,8 Promille" http://www.springermedizin.de/allergische-rhinitis-mehr-erstmanifestationen-bei-aelteren/4784250.html -
mit dem Titel: "Wie Autofahren mit 0,8 Promille": Allergische Rhinitis: Mehr Erstmanifestationen bei Älteren?

Beides stößt mir sauer auf. 0,5 bzw. 0,8 Promille werden durch aktiven Vorsatz, aus nicht-medizinischen Zwecken Alkohol zu trinken, erreicht. Mit dieser Alkohol-Konzentration im Blut gefährden Autofahrer grob fahrlässig sich selbst und andere im Straßenverkehr. Schwere allergische Rhinitis mit Begleitsymptomen ist in allen Altersgruppen eine Erkrankung mit Beeinträchtigungen, die von Ärzten therapiert, gelindert oder geheilt werden sollte.

Damit kann man den Alkoholkonsum im Straßenverkehr nicht bagatellisierend vergleichen. Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM
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