Ärzte Zeitung online, 22.03.2017
 

Pneumologen

Beim Thema Luftschadstoffe scheiden sich die Geister

Gesundheitliche Gefahren von Luftverschmutzung sehen Pneumologen vorrangig als ihr Thema an. Doch die Meinung der Fachärzte darüber ist nicht einhellig. Das zeigt sich auch im Vorfeld ihrer Fachtagung.

Von Thomas Meissner

Beim Thema Luftschadstoffe scheiden sich die Geister

Stuttgart: Luftreinhaltungs-Anzeigen sollen Belastungen mit Schadstoffen senken helfen.

© Marijan Murat/dpa

Luftverschmutzung hat für Erkrankungen in der Bevölkerung vermutlich eine größere Bedeutung als das Rauchen. Denn atmen muss jeder Mensch. Nach Schätzungen leben 340.000 Menschen in Deutschland in der Nähe von Straßen, die mit Stickoxiden und Feinstaub stark belastet sind. Mit etwa 73.000 vorzeitigen Todesfällen durch Luftverschmutzungen sei jährlich zu rechnen, hat kürzlich Professor Christian Witt aus Berlin erklärt. Und weil immer mehr Menschen in die Städte ziehen und diese Menschen immer älter werden, steige auch der Anteil derer, denen die Luftverschmutzung schade, sagte der Pneumologe von der Charité Berlin .

Wenn diesmal der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) in Stuttgart stattfindet, in einer Stadt also, deren dicke Luft regelmäßig bundesweit zu Diskussionen führt, dann darf man auch fundierte Informationen zum Thema erwarten: Wie schlimm steht es denn tatsächlich um die Luftqualität in deutschen Ballungsräumen und in Europa?

Interessanterweise sehen selbst Lungenspezialisten dieses Thema verschieden. Das kann man etwa aus der Haltung der beiden Tagungspräsidenten ablesen – beides in Stuttgart tätige Pneumologen: So unterstützt Professor Martin Kohlhäufl, bis vor kurzem Chefarzt an der Klinik Schillerhöhe, die Feinstaub-Kampagne der Stadt, wofür sich der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn in einem Grußwort ausdrücklich bedankt. Professor Martin Hetzel, Chefarzt am Krankenhaus vom Roten Kreuz, hält hingegen den "Antifeinstaub-Alarmismus" für unangemessen. Denn eine akute Gesundheitsgefährdung liege während dieser Tage gar nicht vor.

"Die Schadstoffbelastung der Luft ist heute in Deutschland so gering wie in den zurückliegenden 15 Jahren nicht", sagte Hetzel der "Ärzte Zeitung". Er habe noch nie ein "akutes Feinstaubsyndrom" diagnostiziert. Vermehrt Asthma- und COPD-Patienten sehe er in Tagen des Feinstaubalarms ebenfalls nicht in der Klinik.

Kritik an ideologischen Vorbehalten

In der Tat sind laut Umweltbundesamt die Schadstoffbelastungen in Ballungsräumen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Andererseits hat gerade die Europäische Kommission Deutschland und vier weitere EU-Staaten aufgefordert, endlich "Maßnahmen zu treffen, um die Reinhaltung der Luft sicherzustellen und die Gesundheit der Menschen zu schützen." So gebe es anhaltende Verstöße gegen die Stickoxid-Grenzwerte. EU-weit werden in 130 Städten die definierten Normen für gute Luftqualität nicht eingehalten. Deshalb sollen in der EU 400.000 Menschen pro Jahr vorzeitig zu Tode kommen.

Die Anstrengungen zur weiteren Reduktion der Luftschadstoffbelastung müssten weitergehen, betont auch Hetzel. "Dies sollte aber entideologisiert erfolgen." Kohlhäufl kündigt für den Pneumologenkongress in Stuttgart eine Zusammenschau wesentlicher Ergebnisse des europäischen Forschungsprojekts ESCAPE (European Study of Cohorts for Air Pollution Effects) an . Diese sind teilweise überraschend: So ergab eine Analyse über 300.000 Probanden aus 17 europäischen Kohorten einen Zusammenhang zwischen der Belastung mit Feinstaubpartikeln der Größe bis 10 μm (PM10) und Lungenkrebs, aber keine Risikoerhöhung für Stickstoffdioxid (NO2).

Ein systematisches Review zur NO2-Exposition und Lungenkrebs hatte dagegen ein konsistent erhöhtes Risiko ergeben. In vier Kohorten mit mehr als 6500 Probanden war zwischen Prävalenz und Inzidenz der COPD und Schadstoffexpositionen kein statistisch signifikanter Zusammenhang festzustellen. Niedrige Lungenfunktionswerte fanden sich in Abhängigkeit von PM10 und NO2, aber nicht für andere Schadstoffe. Die Langzeitexposition mit Luftschadstoffen war nicht mit Symptomen der chronischen Bronchitis assoziiert. Und das Risiko für Asthma bei exponierten Kindern ist nicht erhöht.

Welcher Schaden bei niedriger Belastung?

Nur die sachgerechte Interpretation solcher Daten wird politischen Entscheidern helfen, die richtigen Dinge anzustoßen. In einer kürzlich veröffentlichten gemeinsamen Stellungnahme der europäischen und der US-Fachgesellschaften für Pneumologie, ERS (European Respiratory Society) und ATS (American Thoracic Society), wird ausdrücklich daran erinnert, dass man nicht nur das respiratorische, sondern eine ganze Reihe weiterer Organsysteme in die Analysen einbeziehen müsse (Europ Resp J 2016; DOI: 10.1183/13993003.00419-2016 ).

Festzulegen sei, was als unerwünschter Effekt betrachtet werden müsse und was nicht, und anhand welcher Biomarker sich diese Effekte feststellen ließen. Die Aufgabe ist weniger einfach zu lösen, als sie sich anhört. Und weiter heißt es in dem Papier: "In entwickelten Ländern muss die Frage beantwortet werden, inwiefern Schadwirkungen bei vergleichsweise niedrigen Schadstoffbelastungen der Luft noch auftreten und ob Bedarf an weiteren Regulierungen besteht, die über die gegenwärtigen nationalen Standards und die Leitlinien der WHO hinausgehen."

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