Ärzte Zeitung, 17.11.2015

Risiko E-Zigarette

Lungenschaden durch Aroma im Dampf

Ob Nougat, Cappucchino der Eierlikör - E-Zigaretten gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Dass diese Aromastoffe gefährlich für die Lunge sein können, zeigt ein Fall aus den USA.

Von Thomas Müller

Lungenschaden durch Aroma im Dampf

E-Zigarette: Wie gefährlich ist ihr Dampf?

© Marcus Brandt/dpa

WHITE RIVER JUNCTION. Nicht immer sind es Nikotin und Teer, die der Lunge beim Tabakkonsum am stärksten zusetzen: Manche Menschen reagieren besonders empfindlich auf Zusatzstoffe, und davon finden sich auch reichlich in der Flüssigkeit für die mittlerweile recht populären E-Zigaretten.

Solche E-Liquids oder E-Juices gibt es in einer großen Vielfalt an Geschmacksrichtungen - von braunem Nougat über Cappuccino bis zu Pistazien und Eierlikör. Gerade in süßlich schmeckenden E-Liquids wird häufig die nach Butter riechende Ketonverbindung Diacetyl verwendet - eine Substanz, die für Überempfindlichkeitsreaktionen durchaus bekannt ist.

Hypoxie und Rasselatmung

Möglicherweise wurde eine solche Diacetyl-haltige E-Zigarette einem 60-jährigen Mann zum Verhängnis, der sich mit Atembeschwerden im VA Medical Center in White River Junction vorstellte. Der Mann fühlte sich sehr schwach und klagte über starken Husten sowie Schüttelfrost.

Kollegen um Dr. Graham Atkins und Dr. Frank Drescher fanden jedoch keinerlei radiologische Auffälligkeiten. Sie behandelten den Mann mit Ceftriaxon plus Azithromycin und konnten ihn drei Tage später in gutem Allgemeinzustand entlassen (Chest 2015; 148 (4_MeetingAbstracts): 83A).

Geringer Sauerstoffpartialdruck

Etwa einen Monat später tauchte der Mann mit ganz ähnlichen Symptomen erneut auf. Dieses Mal hatte er zudem 38,6 °C Fieber und war deutlich hypoxisch: Sein Sauerstoffpartialdruck lag bei nur 48 mmHg.

Die Ärzte vernahmen zudem Rasselgeräusche und veranlassten erneut ein Lungen-CT. Dabei fanden sie beidseitig im oberen Lungenflügel milchglastrübe Infiltrate. Die Anamnese ergab, dass der Patient vor beiden Klinikaufenthalten stark aromatisierte E-Zigaretten geraucht hatte.

Die Ärzte um Atkins und Drescher behandelten den Patienten vorsichtshalber erneut mit Antibiotika. Innerhalb eines Tages gingen Dyspnoe und Fieber zurück, nach drei Tagen waren auch die Infiltrate verschwunden.

Selbst wenn der definitive Beweis fehlt, so halten die behandelnden Ärzte eine exogen-allergische Alveolitis (Hypersensitivitätspneumonitis) verursacht durch Substanzen in dem E-Liquid für den wahrscheinlichen Auslöser der Beschwerden.

Sie empfahlen dem Patienten, künftig auf E-Zigaretten zu verzichten. In der Folgezeit entwickelte er keine weiteren Lungenbeschwerden; eine CT drei Monate später zeigte keine Auffälligkeiten.

"Popcorn-Lunge" durch Diacetyl

Die Ärzte um Atkins gehen davon aus, dass etwa 70 Prozent der süßlich aromatisierten E-Liquids Diacetyl enthalten. Die Chemikalie hat in der Vergangenheit bereits als mutmaßlicher Auslöser einer anderen, weit schwereren Erkrankung, der "Popcorn-Lunge" für Aufsehen gesorgt. Dabei handelt es sich um eine Bronchiolitis obliterans bei Popcorn-Konsumenten und Arbeitern in Popcornfabriken (Popcorn Worker's Lung).

Diacetyldämpfe aus Mikrowelle

Einem Popcorn-Junkie gelang es in den USA, erfolgreich einen Hersteller zu verklagen, nachdem Diacetyldämpfe aus Mikrowellenpopcorn als wahrscheinliche Ursache seiner Bronchiolitis angenommen wurden, hatte kürzlich der "Spiegel" berichtet.

Die Substanz ist jedoch sowohl in den USA als auch in der EU weiterhin als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen. Sie steckt in einer ganzen Reihe von Nahrungsmitteln, etwa Ölen und Fetten, Snacks, Backwaren oder Fertiggerichten, meist wird sie als "Butteraroma" deklariert.

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