Ärzte Zeitung, 19.12.2016
 

Amblyopie bei Kindern

Daddeln trainiert das Auge

Zocken gegen die Sehschwäche: Mit einem spannenden binokularen Spiel auf dem iPad lässt sich das schwächere Auge von Kindern mit Amblyopie besser trainieren als mit der herkömmlichen Methode.

Von Christine Starostzik

Daddeln trainiert das Auge

Bei Amblyopie ist meist auf einem Auge das scharfe, kontrastreiche Sehen extrem eingeschränkt.

© Wolfgang F. / panthermedia.net

DALLAS. Amblyopie betrifft meist nur ein Auge. Bei diesem ist das scharfe, kontrastreiche Sehen extrem eingeschränkt, was die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit beeinträchtigt. Zur Behandlung dieser Sehstörung wird bislang das gesunde Auge abgedeckt, um das schwachsichtige zu trainieren.

Aber auch nach längerer Behandlung erreichen 15 bis 50 Prozent der Patienten keine normale Sehkraft, nicht zuletzt deshalb, weil die Amblyopie nach erfolgreicher Therapie erneut auftreten kann. Mehr erhoffte man sich von einem binokularen Computerspiel auf dem iPad.

Eine Stunde "Dig Rush" in der Woche

Krista Kelly und Kollegen vom University of Texas Southwestern Medical Center, Dallas, haben die Methode jetzt mit der bisherigen Standardtherapie in einer Cross-over-Studie verglichen (JAMA Ophthalmology 2016; 134(12): 1402-1408). Aufgenommen wurden 28 Patienten, von denen 14 zu einer binokularen Spieltherapie und 14 zu einer Pflasterbehandlung randomisiert wurden.

Das Computerspiel "Dig Rush" sollte über zwei Wochen fünf Tage pro Woche jeweils eine Stunde täglich gespielt werden. Danach nutzten alle Kinder das Spiel für weitere 14 Tage.

Mithilfe einer speziellen Rot-Grün-Brille wurden dabei kontraststarke rote Elemente mit dem schwachsichtigen Auge und blaue Gegenstände mit niedrigem Kontrast mit dem gesunden Auge gesehen. Der kontrastreiche Hintergrund wurde mit beiden Augen erkannt. Um den Gesamtüberblick über die Spielelemente zu bekommen und das Spiel erfolgreich spielen zu können, müssen beide Augen eingesetzt werden.

iPad-Spiele als Behandlungsoption

Während der Kontrast auf dem amblyoptischen Auge immer bei 100 Prozent lag, wurde dieser am gesunden Auge zunächst auf 20 Prozent eingestellt. Damit musste sich das schwachsichtige Auge mehr anstrengen. Je besser das Kind spielte, desto mehr erhöhte sich der Kontrast. Bei fehlendem Spielerfolg reduzierte sich der Kontrast auf dem gesunden Auge sogar bis auf 10 Prozent. Mindestens 18 Spielstunden waren erforderlich, um auf beiden Seiten 100 Prozent Kontrast zu erhalten.

Bei Kindern, die das Computerspiel nutzten, besserte sich die Sehkraft des schwachen Auges innerhalb von zwei Wochen um 1,5 Linien auf der Sehtafel. Kinder mit Okklusionsbehandlung dagegen kamen nur auf ein Plus von 0,7 Linien. 39 Prozent der Kinder in der Computerspielgruppe erreichten einen Visus von mindestens 20/32, in der Okklusionsgruppe schafften dies nur 7 Prozent.

Den Studienergebnissen zufolge stellen auch binokulare iPad-Spiele eine Option dar, die Amblyopie zu behandeln, so Kelly und Kollegen. Insbesondere gehen sie davon aus, dass mit der neuen Methode schnellere Erfolge zu erreichen sind als mit der Standardmaßnahme. Ob die Methode allerdings auch langfristig überlegen sei, bleibe abzuwarten.

Wissenschaftler sind skeptisch

Noch skeptischer ist John Sloper, London, in einem begleitenden Kommentar. Er weist auch auf eine größere randomisierte Studie von Jonathan Holmes und Kollegen (JAMA Ophthalmol. 2016; 134(12): 1408-1410) mit gegensätzlichen Befunden hin. Hier hatte sich nach 16 Wochen ein Vorteil für die Okklusionsgruppe gegenüber einem Computerspiel gezeigt.

Sloper sieht wegen des insgesamt geringen Behandlungseffekts keinen klaren Vorteil für eine der beiden Methoden und schlägt eine Überprüfung der Ergebnisse mit verblindeten Beobachtern und jüngeren nicht vorbehandelten Kindern vor.

Cross-over-Studie:

Bei Kindern, die ein Computerspiel nutzten, besserte sich die Sehkraft des schwachen Auges innerhalb von zwei Wochen um 1,5 Linien auf der Sehtafel.

Kinder mit Okklusionsbehandlung kamen nur auf ein Plus von 0,7 Linien.

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