Ärzte Zeitung, 12.10.2007

"Kunst? Das kann kein Demenzkranker"

Ein Vorurteil inspirierte zur Ausstellung "demenz art" / 100 Malereien, Collagen und Skulpturen werden präsentiert

STUTTGART (dpa). Die Kunst von psychisch Kranken hat einen festen Platz in der Kunstwelt und -geschichte. Dass aber auch Menschen mit Demenz in der Lage sind, eindrucksvolle Kunstwerke zu schaffen, ist bisher wenig bekannt. Die Ausstellung "demenz art" in Stuttgart will das nun zeigen.

"Das kann kein Demenzkranker gemalt haben!", ereiferte sich einmal ein renommierter Altersforscher über eines der Bilder in seiner Ausstellung. Das ärgert Peter Wißmann noch heute. Der Geschäftsführer der Stuttgarter Gesellschaft Demenz Support warnt davor, Alzheimer-Patienten wie hilflose Geistesschwache zu behandeln. "Demenz ist nicht nur Verfall. Demente Menschen haben sehr große emotionale und sinnliche Fähigkeiten", sagt Wißmann.

Rund 100 Malereien, Collagen und Skulpturen von Demenzpatienten, die derzeit im Theaterhaus in Stuttgart zu sehen sind, geben ein Eindruck von diesen Fähigkeiten. Für die Ausstellung wurden Arbeiten aus ganz Deutschland und Italien eingesandt. "Voraussetzung war, dass die Werke in einem freien künstlerischen Prozess entstanden sind", sagt Wißmann. "Wir wollten keine Produkte klassischer Beschäftigungstherapien, bei denen mit Heimgästen Osterschmuck gebastelt wird." Die meisten der ausgesuchten Künstler hatten vorher nie etwas mit Kunst zu tun.

Inspiriert zu der Ausstellung wurden Wißmann und der befreundete Kunsttherapeut Michael Ganß von einem Vorurteil: Ein Katalog zu einer Ausstellung über den an Alzheimer erkrankten Werbegrafiker Carolus Horn betitelte eine kurz vor dessen Tod entstandene Zeichnung als "orientierungsloses Bleistiftgekritzel". Wißmann machte sich einen Spaß und zeigte das Bild ohne Kommentar befreundeten Künstlern. "Sie waren alle beeindruckt." Im Mai 2006 stellten Wißmann und Ganß dann erstmals in Berlin Bilder von Alzheimer-Patienten aus.

In der "demenz art" sind kindliche Figuren und primitive Landschaften kaum zu sehen, vielmehr Grafiken, Buntstiftzeichnungen, schlichte Schriftzüge oder Farbimpressionen sowie Plastiken aus ganz unterschiedlichen Materialien. Die Arbeiten der Menschen mit Demenz demonstrieren damit die ganz spezifische Ausdrucksqualität ihrer Schöpfer und verblüffen nicht selten durch eine Analogie zu den Werken anderer zeitgenössischer Kunst.

"Klar baut ein Demenzkranker kognitive Fähigkeiten ab. Aber das ist doch nicht alles, was uns ausmacht", sagt Wißmann. Der Altersforscher hält heute noch gerne kleine Power-Point-Vorträge, in denen er Bilder weltberühmter Künstler denen aus seiner Ausstellung kommentarlos gegenüberstellt. "Die meisten merken den Unterschied nicht."

Die Ausstellung findet noch bis zum 27. November im Theaterhaus Stuttgart statt. Weitere Infos unter www.demenz-support.de

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