Kongress, 15.04.2012

Multimorbidität: Hürde und Anreiz im Alltag

WIESBADEN (mal). Eine 79-Jährige mit fünf chronischen Krankheiten nimmt - theoretisch - pro Tag zwölf verschiedene Substanzen in 18 Einzeldosen ein. Ist das im Alltag von Internisten eine Ausnahme-Patientin? Sicher nicht!

Multimorbidität: Hürde und Anreiz im Alltag

Für Kongresspräsident Professor Joachim Mössner – hier beim „Get together“ – ist das Thema „Multimorbidität im Alter“ wichtig.

© Sven Bratulic

Multimorbidität und Polypharmazie gehören für Internisten mittlerweile zum Alltag - mit ein Grund für Internistenchef Professor Joachim Mössner, die "Multimorbidität im Alter" zu einem Hauptthema des Internistenkongresses 2012 zu machen.

"Ist exzellente Forschung in der Inneren Medizin, wenn sie als Ganzes betrachtet wird, überhaupt noch möglich?", stellte Mössner gestern Abend bei seiner Festrede zur Diskussion.

"Ich will nicht zynisch sein, der ,klassische‘ Patient in der Inneren Medizin ist älter als 70, übergewichtig, leidet unter Typ 2-Diabetes, Hypertonie und Gon- oder Coxarthrose. Zu seiner Medikation zählen orale Antidiabetika, ACE-Hemmer und/oder AT1-Blocker, ß-Blocker, Diuretika, Acetylsalicylsäure, ein Statin, vielleicht noch gegen die Arthrosebeschwerden ein NSAR entweder vom Arzt verordnet oder vom Arzt unbemerkt als OTC-Medikament eingenommen. Damit er die Medikation verträgt, erhält er noch einen Protonenpumpenblocker", schreibt Mössner in seinem Manuskript zur Rede.

Goldstandard im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin sei ja die randomisierte, prospektive, doppelblinde Multicenter-Studie. Gibt es keine etablierte Therapie, dann muss die Studie placebokontrolliert sein. Je besser die Studie, desto vergleichbarer die Gruppen, desto geringer die Zahl der Faktoren, die zur Fehlinterpretation der Studienergebnisse führen könnten.

"Wenn Sie sich der Mühe unterziehen würden, ob das neunte oder zehnte zusätzliche Medikament, das Sie verordnen, in einer Studie untersucht wurde, in der die Patienten auch eine vergleichbare Begleitmedikation erhielten, würden Sie überrascht sein", so Mössner. Das Thema der medikamentösen Polypragmasie mit den Zielkriterien Lebensverlängerung und Verbesserung der Lebensqualität bei Multimorbidität erfordere eine Studie mit sehr großer Fallzahl und langer Laufzeit. Eine solche Studie läge im ureigensten Interesse der Inneren Medizin.

Lebensqualität ist kontrollierten Studien nicht ausreichend berücksichtigt

Der Gesichtspunkt Lebensqualität wird in kontrollierten Untersuchungen derzeit nicht hinreichend abgebildet. "Wir müssen individuell priorisieren. Und dazu muss man sich fragen: Welches ist die primäre Zielgröße für diesen hochbetagten Menschen?", so der Nürnberger Geriater Professor Cornel Sieber im Vorfeld des Kongresses zur "Ärzte Zeitung".

Die klassischen Studienendpunkte wie Mortalitätsraten und Überlebenszeiten seien bei der Beantwortung dieser Frage für alte Menschen selten relevant. "Für sie ist wichtig, Funktionalität und Selbstständigkeit zu erhalten oder wiederzubekommen, möglichst im häuslichen Umfeld", betonte Sieber.

Der Nürnberger Geriater ist überzeugt davon, dass es methodisch möglich ist, auch mit alten, multimorbiden Menschen aussagekräftige Studien zu entwerfen. Er nannte als Beispiele Untersuchungen zu den Themen Hypertonie, Schlaganfall, Osteoporose und Demenz.

Lesen Sie auch die Eröffnungsrede des Kongresspräsidenten:
Power-Forscher brauchen fördernde Politik!

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