Ärzte Zeitung, 28.11.2012

Prävention à la carte

Strategie gegen Diabetes gesucht

Eine Lösung für alle Fälle: Von diesem Konzept entfernt sich die Forschung immer mehr. Auch bei Diabetes setzen die Experten zunehmend auf den einzelnen Menschen - und zwar schon bei der Prävention.

Von Philipp Grätzel von Grätz

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Schlanke Typ-2-Diabetikerin: Eine spezielle Prävention von Folgekrankheiten wird bei ihnen erforscht.

© Gina Sanders / fotolia.com

BERLIN. "One size fits all" - Von diesem Konzept will sich die Diabetologie nicht nur bei der Therapie, sondern auch bei der Prävention verabschieden.

Mehrere Multicenterstudien im Rahmen des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) zielen darauf ab, zu unterschiedlichen Zeitpunkten vor und nach Ausbruch eines Diabetes individuelle Konzepte der Primär- oder Sekundärprävention zu etablieren.

Das DZD ist eines von derzeit sechs "Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung", die nach der Aufbauphase vom Bundesforschungsministerium mit insgesamt mehr als 200 Millionen Euro pro Jahr gefördert werden.

Unter seinem virtuellen Dach vereint das DZD fünf Forschungsinstitute in Deutschland. Dieses Konstrukt ermöglicht unter anderem die Durchführung anspruchsvoller Multicenter-Studien.

Fokus liegt auf Prävention

Dabei wird ganz bewusst ein Fokus auf die Prävention gelegt, wie Professor Hans-Ulrich Häring vom Institut für Diabetesforschung an der Universität Tübingen beim Herbstkongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin betonte.

Die Grundannahme dabei ist, dass sowohl der Typ-1- als auch der Typ-2-Diabetes heterogene Erkrankungen sind, bei denen individualisierte Präventionsstrategien besser greifen als pauschale Empfehlungen für mehr Bewegung oder gesündere Ernährung.

Wie differenziert beispielsweise der Effekt von Lifestyle-Interventionen bei Patienten mit Prädiabetes zu beurteilen ist, hat die US-amerikanische Diabetes-Präventions-Studie DPP gezeigt.

Von 100 Prädiabetes-Patienten haben in dieser Studie innerhalb von drei Jahren ohne Lifestyle-Intervention 29 einen manifesten Diabetes entwickelt.

Mit Intervention waren es immer noch 14, obwohl die Intervention auch bei diesen 14 Patienten im Hinblick auf das Körpergewicht und andere metabolische Parameter durchaus erfolgreich war.

"Das heißt: Sieben Menschen müssen drei Jahre lang gesund leben, um einen Diabetes zu verhindern", betonte Professor Andreas Fritsche, ebenfalls Universitätsklinikum Tübingen.

Die "Prädiabetes Lebensstil-Interventionsstudie" (PLIS) des DZD tritt an, diese Quote zu verbessern. Zu Studienbeginn werden Patienten mit einem Prädiabetes penibel phänotypisiert: Insulinsekretion und orale Glukosetoleranz werden gemessen.

Es gibt ein Ganzkörper-MRT, mit dem unter anderem die Fettverteilung ermittelt wird, außerdem Funktionsmessungen von Leber und Gehirn sowie diverse Fitnesstests.

Nach dieser Eingangsuntersuchung werden die Patienten in Risikogruppen eingeteilt und per Zufall entweder einer intensivierten oder einer konventionellen Lebensstilintervention zugeteilt, um zu sehen, bei welchen Patienten die intensivierten Maßnahmen besonders erfolgversprechend sind.

"So können mittelfristig individualisierte Präventionsmaßnahmen entwickelt werden", betonte Häring. Einen solchen prädiktiven Faktor haben die Tübinger Wissenschaftler in einer Vorstudie bereits dingfest gemacht.

Prädiabetiker, bei denen sich im Gehirn mittels Magnetencephalopathie eine Insulinresistenz nachweisen lässt, reagieren weniger sensibel auf Lebensstilinterventionen. Das wäre demnach eine Gruppe, für die zusätzliche oder gänzlich andere Präventionsansätze erforderlich sind.

Die zweite große Multicenter-Studie des DZD ist die Deutsche Diabetes-Studie (DDS) zur Sekundärprävention. Es handelt sich um die Ausweitung einer ursprünglich auf die Universität Düsseldorf beschränkten Studie, in die in den letzten Jahren bereits über 600 Patienten mit manifestem Typ-1- oder Typ-2-Diabetes eingeschrieben wurden.

Untersucht wird die Abhängigkeit des Auftretens von Folgeerkrankungen des Diabetes von Faktoren wie Ernährung und körperlicher Fitness. Auch Entzündungsstatus und Energiestoffwechsel werden detailliert analysiert.

Studie zu Gestationsdiabetes

Erste Studienergebnisse liegen vor: "Bei einigen Typ-2-Diabetikern sehen wir im 2-Jahres-Follow up eine Verbesserung der Insulinsensitivität, obwohl BMI, Fettmasse und HbA1c konstant sind", sagte Dr. Bettina Nowotny vom Diabeteszentrum der Uni Düsseldorf.

Welche Faktoren es sind, die diese scheinbar widersprüchliche Verbesserung bedingen, wollen die Forscher jetzt genauer eingrenzen.

Die dritte präventiv ausgerichtete Studie des DZD ist eine neue Studie zum Gestationsdiabetes, an der Frauen teilnehmen sollen, die innerhalb der letzten zehn Jahre an Schwangerschaftsdiabetes erkrankt waren.

Diese Frauen haben bekanntermaßen ein erhöhtes Diabetesrisiko. Wovon es abhängt, ob eine Frau mit Schwangerschaftsdiabetes später tatsächlich an Diabetes erkrankt oder nicht, ist noch weitgehend unklar.

Auch hier geht es demnach um die Identifikation von Risikopatientinnen, für die dann gezieltere Präventionsstrategien entwickelt werden können.

[29.11.2012, 09:04:56]
Dr. Karlheinz Bayer 
ist gegen Diabetes kein Kraut gewachsen ...

oder irren wir uns bisher nur in unseren Therapievorstellungen?
Die Ergebnisse von ein paar Jahren DMP Diabetes haben zwei Dinge gezeigt:

1. die Patienten werden zwar nachhaltiger angebunden an Laborkontrollen und es erfolgen mehr Besuche beim Augenarzt oder Podologen, aber
2. die Krankheit ist keineswegs besser geworden, sprich, die Lebenserwartung hätte sich verlängert, oder die Zahl der Amputationen und ulcera sei geringer geworden.

Es gibt aber noch ein 3.

3. Wie dieser Beitrag und einige in jüngster Vergangenheit zeigen, scheinen die eher etwas nachlässig eingestellten Diabetiker von dieser erhöhten therapeutischen Toleranz zu profitieren. Inzwischen gibt es z.B.Antidiabetika, die die Glukoseausscheidung fördern, statt den Gluskoseblutspiegel zu senken.
Ist es nicht ein lange gepflegtes Dogma, erhöhte Glukoseharnwerte würden die Nierenschäden begünstigen? Bewiesen war das nie. Und es mag sein, daß die Natur mit der Aussscheidung von Glukose genau das Richtige tut, während der Versuch, Glukose in Glukagon zu speichern in die falsche Richting geht.

Meine erfahrung ist, daß toleranter eingestellte Diabetiker weniger Heißhunger entwickeln und längere Zeiten der Nahrungskaranz ohne die Gefahr der Hypoglykämie durchstehen. Mittelfristig nehmen sie eher ab als zu und der Glukosespiegel sinkt.

Eine weitere Erkenntnis, der man nachgehen sollte, deutlich schlecht eingestellte ältere (Typ 2 !) Diabetiker scheinen geistig fitter zu sein, was ja plausibel ist wegen der besseren Hirnversorgung mit Glukose.

Ich glaube, es wäre Zeit, eine Evaluation durchzuführen, in der verschiedene Strategien und insbesondere auch verschieden scharf eingestellte Therapien prospektiv beobachtet werden auf die Endzustände Gewichtszunahme, Angiopathien, Neuropathien und sogar Lebenserwartung.

Es wäre Zeit, die Dogmatiker in den Diabetesgesellschaften mit den Praktikern zu konfrontieren.

Ein sehr interessanter und wichtiger Artikel, Herr Grätzel von Grätz!

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal
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