Transition

Die fehlende Tradition

Der Übergang in die Erwachsenenmedizin ist für viele Kinder mit chronischen Erkrankungen eine enorme Hürde. Oft fehlen auch einfach adäquate Versorgungsstrukturen.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Wie lässt sich bei chronisch kranken Jugendlichen, etwa Mukoviszidose-Patienten, der Übergang von der Betreuung durch den Kinderarzt in die Erwachsenenmedizin am besten organisieren?

Wie lässt sich bei chronisch kranken Jugendlichen, etwa Mukoviszidose-Patienten, der Übergang von der Betreuung durch den Kinderarzt in die Erwachsenenmedizin am besten organisieren?

© Tatjana Balzer / fotolia.com

WIESBADEN. Chronische Erkrankungen sind bei Kindern nicht so häufig wie bei Erwachsenen. Aber sie sind längst keine Seltenheit. "Etwa 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen haben einen dauerhaften Bedarf an spezialisierter medizinischer Versorgung", betonte Dr. Silvia Müther vom DRK-Klinikum Berlin-Westend.

Alle diese Kinder kommen früher oder später an den Punkt, den Kinderarzt verlassen zu müssen. Je nach Erkrankung wird der Stab dann an den Diabetologen, den Pneumologen, den Neurologen, den Kardiologen oder andere Spezialisten übergeben.

"Mit dieser Transition haben 30 bis 40 Prozent aller Betroffenen Probleme", so Müther. Um die Jugendlichen, aber auch die Ärzte, beim Transitionsprozess zu unterstützen, wurde in Berlin im Jahr 2009 das Berliner TransitionsProgramm ins Leben gerufen.

Es richtete sich zunächst an Jugendliche mit Diabetes oder Epilepsie. Vor kurzem wurde es auch für Jugendliche mit nephrologischen, rheumatologischen und neuromuskulären Erkrankungen sowie für junge Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen geöffnet.

Das Programm dauert bis zu zwei Jahre. Es umfasst zwei Transitionsgespräche, eines beim Kinderarzt, das andere beim Erwachsenenspezialisten.

Im ersten Gespräch werden unter anderem der Entwicklungsstand und der Unterstützungsbedarf der Jugendlichen eingeschätzt und Kenntnisse über das Gesundheitswesen vermittelt. Das ist dann die Basis für weitere Maßnahmen, beispielsweise spezielle Schulungen oder Workshops.

Die eigentliche Patientenübergabe erfolgt mit Hilfe einer strukturierten Epikrise. Eine gemeinsame Sprechstunde beider Ärzte ist möglich, aber nicht obligat. Koordiniert wird das Ganze durch ein Fallmanagement, das nur telefonisch und schriftlich arbeitet.

Es stellt die Kontakte her, organisiert Schulungen und gemeinsame Sprechstunden, unterstützt bei der Suche nach Experten und kümmert sich ums Geld. Die Vergütung läuft über eine Fallpauschale, die unter den Beteiligten aufgeteilt wird.

Zehn Krankenkassen kooperieren mit dem TransitionsProgramm im Rahmen von Einzelfallvergütungen. Mit einigen weiteren, darunter AOK und TK, gibt es eigene Versorgungsverträge.

ModuS II will Schulungen etablieren

Dass derartige Unterstützungsprogramme, die es auch in einigen anderen Regionen gibt, grundsätzlich nutzen, ist unter Experten unstrittig. Daten zum medizinischen Outcome gibt es allerdings nur punktuell.

Professor Martin Reincke vom Klinikum der Universität München berichtete über eine Analyse aus Hannover, die zeigte, dass ein Transitionsprogramm bei Nierentransplantierten die Gefahr der Organabstoßung reduziert.

Schwierig wird es immer dann, wenn in der Erwachsenenmedizin gar keine adäquaten Versorgungsstrukturen existieren. Die Mukoviszidose ist so ein Fall. Lag die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Patienten in den 90er Jahren noch bei 14 Jahren, betrage sie heute 37 Jahre, sagte Privatdozentin Doris Staab vom Christiane Herzog Zentrum Berlin.

Die Innere Medizin sei darauf nicht vorbereitet. Die Folge: 60 Prozent der Patienten werden auch im Erwachsenenalter in pädiatrischen Einrichtungen versorgt. "Das ist katastrophal", so Staab.

Das Problem bei der Mukoviszidose ist, dass komplexe Versorgungsnetzwerke nötig sind: "One-man-shows haben in diesem Bereich keine Zukunft. Wir müssen die strukturellen Voraussetzungen für eine langfristige Betreuung schaffen."

Nachdem nicht überall nach Berliner Vorbild Mukoviszidose-Zentren aufgebaut werden können, wird es ohne eine aktive Beteiligung der Patienten auf Dauer nicht gehen.

Hierauf zielt das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte ModuS II-Projekt: Es will Transitionsschulungen etablieren, die an die unterschiedlichen regionalen Gegebenheiten angepasst sind. "Das eine Model, das überall klappt, wird es nicht geben", betonte Staab.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Seltene, aber schwere Nebenwirkung

NSAR und Metformin: eine gefährliche Kombination

Das könnte Sie auch interessieren
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Frauenärztin und Aufklärerin auf Instagram

Dr. Annika Schauer: Gynfluencerin und Wies’n-Kellnerin

Lesetipps
Eine ältere Frau bekommt eine Impfung in den rechten Oberarm.

© David Pereiras / Stock.adobe.com

RCTs und Real-World-Evidenz

Wie gut die RSV-Impfung bei Erwachsenen wirkt – und ankommt