Ärzte Zeitung, 23.02.2016

Chronische Nierenerkrankung

Viele Betroffene sind ahnungslos

Bundesweit haben zwei Millionen Menschen eine chronische Nierenkrankheit, darunter viele Diabetiker. Nur jeder Dritte weiß davon, warnt die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie.

Viele Betroffene sind ahnungslos

Durch Diabetes wird das Risiko einer Nierenerkrankung mehr als verdoppelt.

© Sebastian Kaulitzki / fotolia.com

HALLE-WITTENBERG. Bislang gab es in Deutschland keine validen Daten zur Prävalenz der chronischen Nierenkrankheit ("chronic kidney disease",CKD). Lediglich die Zahl der Patienten im terminalen Stadium der CKD, die einer Nierenersatztherapie bedürfen, konnte anhand von Krankenkassendaten geschätzt werden und wurde mit circa 100.000 beziffert (etwa 80.000 Dialysepatienten und etwa 20.000 Menschen nach Transplantation oder in der Transplantationsnachsorge).

Für die Zahl der Nierenpatienten in den früheren Stadien der CKD gab es bis dato keinerlei valide Schätzungen, heißt es in einer Mitteilung der Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN).

Epidemiologen um Professor Matthias Girndt von der Uni Halle-Wittenberg haben nun ermittelt, dass mindestens zwei Millionen Menschen in Deutschland eine Nierenkrankheit mit einer bereits deutlich eingeschränkten Nierenfunktion mit einer Glomerulären Filtrationsrate (GFR) unter 60ml/min/1,73m2 haben (Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 85).

Die Zahlen wurden dabei mit der bundesweiten "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland 2008-2011 (DEGS1)" berechnet. Teilnehmer waren Menschen zwischen 18 und 79 Jahren.

"Bezieht man auch die Menschen im Alter von 80 Jahren und darüber mit ein, kommen wir auch bei einer konservativen Hochrechnung auf über zwei Millionen Betroffene", wird Girndt zitiert. "Das ist viel, denn man darf nicht vergessen, dass bei diesen Menschen die Nierenkrankheit bereits manifest ist.

Ihre Nierenfunktion hat sich gegenüber Gesunden beinahe schon halbiert und die Erkrankung schreitet in der Regel weiter voran. Viele dieser Menschen werden über kurz oder lang dialysepflichtig", so der Experte. Wie die Analyse ergab, waren insbesondere Menschen mit Hypertonie und Diabetiker von einer Nierenerkrankung betroffen. Diabetes erhöhte das CKD-Risiko um das 2,25-Fache, Bluthochdruck sogar um das 3,46-Fache.

Fortschreiten der Krankheit lässt sich verlangsamen

Besonders alarmierend sei jedoch die Tatsache, dass nur ein Drittel der Betroffenen von der eigenen Nierenerkrankung wusste, die große Mehrheit demzufolge auch nichts unternimmt, um dem Fortschreiten der Erkrankung entgegenzuwirken.

 "Das ist bedauerlich, denn durch verschiedene Maßnahmen, auch durch den Einsatz von blutdrucksenkenden Medikamenten mit nierenschützendem Potenzial, lässt sich der Progress einer chronischen Nierenkrankheit verlangsamen", erinnert Professor Jan Galle, Pressesprecher der DGfN.

Er verweist auf den Flyer "Geben Sie Acht auf Ihre Nieren. Was Nierenpatienten zur Vorbeugung weiterer Nierenschäden beachten sollten", der anlässlich des Weltnierentags am 10. März 2016 erstellt wurde. "Betroffene, die sich an diese acht Tipps halten, können die Dialysepflichtigkeit oft eine Zeitlang hinausschieben". (eb)

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