Ärzte Zeitung, 16.12.2016
 

Diabetes

Ratlos und tatenlos gegen Adipositas

Adipositas ist einer der Risikofaktoren für Diabetes. Für beides gilt: Prävalenz steigend. Eine Bestandsaufnahme bietet das Weißbuch Adipositas. Diskutiert werden auch Präventionsmaßnahmen, beispielsweise die Option einer Steuer insbesondere auf zuckerhaltige Lebensmittel und internationale Erfahrungen damit. Deutschland übt sich hier in vornehmer Zurückhaltung.

Von Helmut Laschet

BERLIN. Es ist der gleiche Trend in allen Wohlstandsgesellschaften der Welt: Der Anteil von Menschen mit Übergewicht und insbesondere mit Adipositas wächst. In relevanter Zahl sind davon bereits Kinder betroffen. In besonderer Weise ist starkes Übergewicht ein sozioökonomischen Phänomen: Angehörige der Unterschichten sind überhäufig betroffen – und gerade diese Problemgruppe wird mit weichen Mitteln der Prävention – sprich Aufklärung – kaum erreicht. Zugleich ist Adipositas einer der wichtigsten Risikofaktoren für Diabetes, das sich inzwischen zur Volksseuche entwickelt hat.

Das geht aus dem Weißbuch Adipositas hervor, das jüngst vom Berliner IGES-Institut erarbeitet worden ist.

Das sind die Fakten:

Nach Daten der DEGS-Studie 2013 haben 17 Prozent der Deutschen einen Body-Mass-Index (BMI) zwischen 30 und 34,9, 4,6 Prozent kommen auf einen BMI von bis zu 39,9 und zwei Prozent sind mit einem BMI von über 40 extrem adipös.

Das Phänomen Adipositas nimmt zu: Aus Daten des Mikrozensus weiß man, dass sich der Anteil der Männer mit einem BMI von über 35 an allen Adipösen von zwölf Prozent Ende der 1990er Jahre auf 22 Prozent im Jahr 2009 erhöht hat. Bei den Frauen ist der Anteil der schwer Adipösen von 20 auf 30 Prozent nicht ganz so stark gestiegen.

Adipositas hängt vom Alter ab: Bei den Frauen steigt der Anteil stark Übergewichtiger von zehn Prozent bei den 18- bis 29-jährigen nahezu kontinuierlich auf 42 Prozent bei den über 70-jährigen. Bei den Männern wird im sechsten Lebensjahrzehnt eine Art Plateau erreicht mit einem Anteil von um die 30 Prozent.

Schon Jugendliche sind von erheblichem Übergewicht betroffen; laut KIGGS fühlen sich 4,7 Prozent der Jungen zwischen 13 und 17 Jahren als "viel zu dick", bei den Mädchen sind es sogar zehn Prozent.

Übergewicht verursacht schwere Krankheiten – neben Herzkreislaufproblemen und Krebs vor allem auch Diabetes. Aufgrund verschiedener Studienauswertungen der Autoren des Weißbuchs nimmt das Risiko für Typ-2-Diabetes je einem BMI-Punkt um 20 Prozent zu. Bei einem BMI oberhalb von 29,4 ist es schon um 300 Prozent erhöht. Eine deutsche Untersuchung lege nahe, dass auch eine starke Assoziation zwischen Taillenumfang und Diabetes-Risiko besteht. Nach einer internationalen Metaanalyse liegt das Risiko für Typ-2-Diabetes bei Männern mit Adipositas sogar beim Sechsfachen im Vergleich zu normalgewichtigen Männern. Für Frauen ist das Risiko sogar um das Zwölffache erhöht.

Fazit: Die Adipositas-bedingte Krankheitslast ist beträchtlich. Sie resultiert einerseits aus der Adipositas selbst – Bewegungseinschränkungen, geringere Leistungsfähigkeit in der Ausbildung und im Beruf, Minderwertigkeitsgefühle und soziale Stigmatisierung –, andererseits aus Folgekrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Prävention auf niedrigstem Niveau

Notwendig wäre wirksame Prävention. Empfohlen wird für Erwachsene eine Kombination aus verhaltens- und verhältnispräventiven Mitteln. Allerdings, so die Autoren des Weißbuchs: "Aufgrund mangelnder Evidenz können bezüglich der Wirksamkeit und Eignung spezifischer Präventionsmaßnahmen keine bestimmten Leitlinien-Empfehlungen abgeleitet werden. Im Allgemeinen wird für Erwachsene ein Lebensstil bestehend aus regelmäßiger körperlicher Bewegung und bedarfsorientierter Ernährung als sinnvoll erachtet." Das hat heuristisches Niveau – und leuchtet jedem ein. Das tatsächliche Verhalten sieht – trotz weitverbreiteter besserer Erkenntnis – anders aus. Hinzu kommt: Mögliche Präventivansätze erreichen die eigentlich vulnerable Kernzielgruppe nicht – Prävention wirkt meist dort, wo sie kaum benötigt wird, weil sie ein Selbstläufer ist. Verhaltenspräventive Maßnahmen sind daher in der Realität weitestgehend unwirksam geblieben.

Anders als in anderen Ländern ist Deutschland bislang mit verhältnispräventiven Instrumenten äußerst zurückhaltend. Das liegt nicht zuletzt an der Ignoranz der Politik. Nach einer von der European Association for the Study of Obesity durchgeführten Studie zur Wahrnehmung der Adipositas-Thematik durch Politiker kennen weniger als die Hälfte der 30 Befragten die Prävalenz von Adipositas in Deutschland. Ein Fünftel der Politiker war der Ansicht, dass die Regierung keine Verantwortung für die Reduktion der Adipositas-Prävalenz trägt. Nur 13 Prozent schrieben der Regierung große Verantwortung zu.

In Großbritannien ist die Bewusstseinsbildung deutlich weiter, die Instrumente eindeutig schärfer – bis hin zur geplanten Besteuerung von zuckerhaltigen Lebensmitteln und Getränken, wie dies auch dies Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.

In einigen Ländern ist die Besteuerung kalorienintensiver Lebensmittel und zuckergesüßten Getränken bereits Realität oder war es zumindest: Ungarn, Dänemark, Frankreich und Irland.

Option Verbrauchssteuer

In Ungarn wurde die Public Health Food Tax von 2011 evaluiert. Die Ergebnisse zeigen einen Rückgang des Absatzes der besteuerten Produkte um bis zu 27 Prozehnt im Vergleich zum Verbrauch vor der Zusatzbesteuerung. Der Preisanstieg aufgrund der Steuer lag bei 29 Prozent – das heißt: Die Preiselastizität der Nachfrage lag bei nahezu 1, die Verbraucher reagierten wie erwünscht. Weiterer Effekt: Die Hersteller passten ihre Produkte an und reduzierten Zucker und Kaloriengehalt. In Dänemark wurde die Besteuerung aus wahltaktischen Erwägungen wieder abgeschafft. In Frankreich und Irland existieren keine belastbaren Evaluationen.

In Deutschland existiert erkennbar keine Bereitschaft zu einer zusätzlichen speziellen Verbrauchssteuer auf ungesunde Nahrungsmittel, wozu auch die ganze Palette von Süßigkeiten und gesüßten Fertigprodukten zählen müsste.

Dabei gibt es ein Erfolgsbeispiel: die Tabaksteuer. Sie ist vor allem in den 2000er Jahren in mehreren spürbaren Schritten drastisch erhöht worden. Das hat vor allem – in Kombination mit Aufklärung – einen beachtlichen Effekt bei Jugendlichen gehabt. Die Zahl der jungen Menschen, die mit dem Rauchen begonnen haben, ist stark gesunken.

Das Argument, dass eine spürbare Verbrauchssteuer Bezieher unterer Einkommen überproportional belaste, ist in Wirklichkeit schwach. Gerade in diesen Gruppen, die ein überdurchschnittliches Adipositas-Risiko aufweisen und die gegen weiche Instrumente wie Aufklärung resistent sind, wäre ein scharf wirkendes Instrument wünschenswert.

ADIPOSITAS Jeder vierte Deutsche leidet unter Adipositas mit einem BMI von über 30.

Betroffen sind auch Jugendliche, vor allem Mädchen; jedes zehnte fühlt sich "viel zu dick".

Trotz hohen Krankheitsrisikos und gesellschaftlicher Folgekosten verhält sich die Politik weitestgehend ignorant.

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