Ärzte Zeitung, 17.03.2017

Diabetes

Zehn Punkte zur besseren Versorgung

Was kann die Diabetes-Versorgung in Deutschland verbessern? Während noch immer nicht klar ist, ob der Bundestag sich zu einer nationalen Diabetes-Strategie durchringt, haben Organisationen der Diabetologen, der nichtärztlichen Heil- und Beratungsberufe und der Selbsthilfe unter dem Stichwort "Diabetologie 2025" zehn strategische Handlungsfelder publiziert.

Von Helmut Laschet

Zehn Punkte zur besseren Versorgung

Schafft es der Bundestag, noch in dieser Wahlperiode eine Diabetes-Strategie zu beschließen?

© Deutscher Bundestag

Sechs Millionen erkannte Diabetiker, jährlich rund 300.000 Neuerkrankungen, eine Dunkelziffer von geschätzt zwei Millionen Diabetikern: Wissenschafts-, Forschungs- Präventions- und Versorgungsstrukturen werden gegenwärtig der sich verschärfenden Problemlage nicht gerecht. Auch der Gesetzgeber ringt mit sich selbst, ob er noch in dieser Legislaturperiode eine nationale Diabetes-Strategie beschließen soll.

Nun haben Organisationen unter Federführung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in einem Papier zehn strategische Handlungsfelder identifiziert, mit der die Situation der auch potenziellen Patienten bis 2025 maßgeblich verbessert werden könnte. Die Anforderungen an die Umsetzung sind allerdings komplex – viele Teile innerhalb und außerhalb des Gesundheitssystems müssten zusammenwirken.

1. Versorgungsstruktur

Die Problemstellung: Zertifizierung und Zulassung von Schwerpunktpraxen sowie stationären Einrichtungen tragen seit Jahren zur Verbesserung der Versorgung bei, allerdings fehlen abgestimmte und einheitliche Standards. Eine Harmonisierung ist notwendig. Dabei müssen auch nichtärztliche Professionen einbezogen werden. Um Versorgungsstrukturen und deren Qualität zu verbessern, wird gefordert:

- Die Versorgungsebenen Hausarzt – Schwerpunktpraxis – Klinik müssen erhalten bleiben, ihre Zusammenarbeit aber durch definierte Behandlungsaufträge, Schmittstellen und Kommunikationswege verbessert werden.

- Die Kommunikation muss digitalisiert werden, auch um die sprechende Medizin zu unterstützen.

- Für alle Versorgungsebenen sollen Mitarbeiter diabetesspezifische Fortbildung erhalten. Die dadurch erhöhte Qualität muss angemessen in Fallpauschalen und im EBM abgebildet werden.

2. Patientenschulung

Das Problem: Patientenschulungen existieren zwar seit den 1980er Jahren, aber immer nur als einmalige Initialschulung. Notwendig sind auf Dauer angelegte, individualisierte Lösungen, die die Patienten besser zum Selbst-Management ihrer Krankheiten befähigen. Gefordert wird daher:

- Bundesweites Angebot modularer und therapiebegleitender Schulungskonzepte, die sich an Lebenswelten des Patienten orientieren; dabei auch Berücksichtigung von Multimorbidität, eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten und Migrationshintergrund.

- Dazu gehören persönlichkeitsbezogene Sofort-Beratungen, bedarfsgerechte Nachschulungen, auch Online, Patienten-Coaching über längere Zeiträume.

- Einbeziehung des medizinischen Fortschritts in Schulungsprogramme.

3. Digitalisierung

Auch die medizinische Versorgung wird von der Digitalisierung erfasst, es mangelt aber noch an Instrumenten der Qualitätssicherung. Gefordert wird:

- Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft soll verbindliche Standards für die Umsetzung der Digitalisierung in Klinik und Praxis schaffen. Qualitätsdefinitionen aus der analogen Medizin müssen in die digitale Welt transferiert werden.

- Für E-Health-Angebote, vor allem bei Diagnostik- und Therapieempfehlungen, ist es notwendig, Transparenz der Algorithmen zu schaffen.

- Die Fachgesellschaft sollte eine Kommission Digitalisierung und Datenschutz schaffen.

- Digitale Medizinprodukte sollen nur zugelassen werden, wenn sie für alle Patienten barrierefrei sind.

4. Versorgungsforschung

Das Problem: Prospektive randomisierte Studien bilden selten die gesamte Breite der Versorgungsrealität ab. Diese Forschungslücke sollte durch Diabetes-Registerstudien und systematische Datensammlungen geschlossen werden. Gefordert wird:

- Gesundheitspolitik und Kassen müssen dafür sorgen, dass die DMP-Daten in einem bundesweiten Register zusammengeführt werden.

- Bestehende dezentrale Diabetesregister müssen vernetzt und harmonisiert werden, um Aussagen zur Prävalenz, Versorgung, Krankheitslast und Komplikationen treffen zu können.

- Die Finanzierung kooperativer Versorgungsforschung durch Universitäten, Diabetologen und Hausärzte muss gewährleistet sein.

5. Nachwuchsgewinnung

Das Problem: Im Medizinstudium ist die Diabetologie nicht mehr ausreichend verankert. Die Zahl der klinischen Lehrstühle für Diabetologie und Stoffwechsel sinkt. Als vermeintlich ambulantes Fach ist die Diabetologie an Kliniken häufig nicht mehr vertreten, sodass sie auch in der Weiterbildung nicht mehr vermittelt werden kann. Gefordert wird:

- Anerkennung als 15. Querschnittsfach im Studium; Weiterentwicklung der Curricula und Verankerung im Lernzielkatalog im Rahmen des Masterplans Medizinstudium 2020.

- Erhöhung der Zahl der Lehrstühle; Erhaltung der Diabetologie an großen Versorgungskrankenhäusern.

- Essenzieller Bestandteil, der Weiterbildung in der Inneren Medizin.

- Attraktive Karrierewege für den Nachwuchs.

6. Weiter- und Fortbildung

Das Problem: Vielfalt, aber auch Intransparenz auf dem Weiter- und Fortbildungsmarkt. Gefordert wird:

- Stärkung der Weiterbildungsangebote der DDG, Refinanzierung durch die Kostenträger. Die Aufnahme in den Weiterbildungskatalog der Ärztekammern ist notwendig.

- Die DDG soll sich zum anerkannten Bildungsanbieter entwickeln. Dazu muss eine professionelle Weiterentwicklung der Curricula und Prüfungsordnungen erfolgen.

- Evaluierung und Zertifizierung der Qualität von Weiterbildungsangeboten durch die DDG.

7. Interdisziplinarität

Patienten mit Diabetes sind häufig multimorbide. Eine optimale patientenzentrierte Versorgung ist nicht ausreichend etabliert. Stationäre und ambulante Diabetologie sind unterfinanziert. Gefordert wird:

- Gesetzliche Rahmenbedingungen für eine flächendeckende, interdisziplinär strukturierte diabetologische Versorgung ambulant und stationär.

- Schaffung von Diabetes-Boards analog zu Tumor-Boards für die interdisziplinäre Versorgung.

- Evaluierung verschiedener Struktur-Zertifikate der DDG unter Einbindung des GBA und des IQTiG.

8. Facharzt für Diabetologie

Das Problem: Die Diabetes-Versorgung wird derzeit von Allgemeinärzten, Internisten und Pädiatern übernommen. Die ambulante Versorgung in Schwerpunktpraxen ist nicht flächendeckend gewährleistet. Gefordert wird:

- Etablierung des "Facharztes für Diabetologie" als eigenständiges Gebiet. Der Erwerb soll möglich sein über die internistische oder allgemeinmedizinische Weiterbildung.

- Die DDG entwickelt dazu mit den Fachgesellschaften der Inneren Medizin, der Allgemeinmedizin, der Pädiater und der Endokrinologen eine Musterweiterbildung.

9. Grundlagenforschung

Das Problem: Der Output der Grundlagenforschung hängt von Rahmen- und Karrierebedingungen der Wissenschaftler ab. Die Finanzierung erfolgt ohne Koordinierung aus verschiedenen Quellen. Notwendig sind:

- Mehr Interaktion zwischen Grundlagen- und klinischer Forschung.

- Ausbau erfolgreicher Forschungsstrukturen durch die Bundesministerien für Gesundheit und Forschung.

- Bessere Transparenz der Forschungsstrukturen.

- Karriereoptionen für den Nachwuchs.

10. Primärprävention

Das Problem: Appelle an die Vernunft des Einzelnen sind bislang gescheitert. Maßnahmen zur Verhaltensprävention müssen durch wirksame Verhältnisprävention ergänzt werden, auch um bildungsferne Schichten zu erreichen. Notwendig sind:

- Mindestens eine Stunde Sport täglich in Schule und Kita.

- Besteuerung adipogener Lebensmittel.

- Qualitätsstandards für Kita- und Schulverpflegung.

- Werbeverbote.

- Erfassung des Diabetesrisikos im Check up; Screening für Menschen mit erhöhtem Diabetesrisiko.

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