Ärzte Zeitung online, 20.11.2017
 

Typ-2-Diabetes

Mit Kohlenhydrat-Tagen die Insulinresistenz durchbrechen

Typ-2-Diabetiker mit schwerer Insulinresistenz können vom Prinzip einer hundert Jahre alten Haferkur profitieren. Nach den Erfahrungen sprechen 70 Prozent der Betroffenen darauf an.

Von Wolfgang Geissel

Mit Kohlenhydrat-Tagen die Insulinresistenz durchbrechen

Schwieriger Weg zu einem gesunden Lebensstil. Es lohnt sich aber: Viele Studien sprechen für spezielle Diäten bei Diabetes. freshidea / stock.adobe.com

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MANNHEIM. Die Therapeuten einer adipösen 69-Jährigen mit Typ-2-Diabetes und 30 Jahren Krankheitsgeschichte waren mit ihrem Latein am Ende. Nach 24 Jahren Insulintherapie konnten auch höchste Dosen des Hormons plus ein DPP4-Hemmer ihren Blutzucker nicht mehr ausreichend senken: Ihr HbA1c lag bei 10 Prozent und war seit Jahren stark erhöht.

Gängige Maßnahmen gegen Insulinresistenz wie mehr Bewegung, Gewichtsabnahme oder Metformin (Niereninsuffizienz!) schieden aus, berichtete der Diabetesberater Mario Althaus von den Kliniken Essen-Mitte bei der DDG-Herbsttagung. Eine stationäre Therapie mit Insulin-Perfusor schien die Ultima Ratio. Da stießen die Therapeuten auf die 1902 von Carl von Noorden entwickelte Haferkur. Die mehrtägige Kost nur mit Kohlenhydraten hatte sich bereits 2006 als sicher und wirksam gegen Insulinresistenz erwiesen (Diabetologie und Stoffwechsel 2006; 1: A58).

Allerdings: Drei Tage nur Haferschleim sei heute unzumutbar, praktikabel hingegen eine Diät mit ausschließlich Kohlenhydraten in Brot, Nudeln, Reis, Gemüse und Obst, so Althaus. Dies war bei der Frau überraschend erfolgreich, wie er anhand ihres Diabetestagebuchs belegte: Am Tag vor der Diät lagen die Blutzuckerwerte trotz Therapie mit 30 IE Basalinsulin plus 58 IE, 38 IE und 28 IE Mahlzeiteninsulin morgens nüchtern bei 309 mg/dl, nach dem Mittagessen bei 406 mg/dl, um 16 Uhr bei 303 mg/dl und um 22 Uhr bei 221 mg/dl.

Bereits am ersten Diät-Tag gingen die Werte deutlich zurück von 254 (nüchtern) auf 117 (mittags), 85 (16 Uhr) und 110 mg/dl (22 Uhr). Gleichzeitig wurde Mahlzeiteninsulin auf 52, 18 und 6 IE reduziert. Am zweiten Diät-Tag kam es mit der reduzierten Insulinmenge mittags bereits zu einer Hypoglykämie. Die verbesserte Insulinsensitivität hielt dabei auch Wochen nach den Diättagen an.

Inzwischen wurden viele Typ-2-Diabetiker von Althaus und Kollegen mit "Entlastungstagen" behandelt. Nach seinen Angaben werden bei etwa 70 Prozent der Betroffenen deutliche Erfolge verzeichnet. Und versage die Diät am Anfang, sei eine Wiederholung durchaus erfolgversprechend.

Außer dem Durchbrechen der Insulinresistenz lassen sich mit den Entlastungstagen auch generell die Blutzuckerwerte verbessern sowie Insulin und andere Antidiabetika einsparen und auch Gewicht, Blutdruck und Cholesterin senken. Wichtig sei auch die Motivation von Patienten, deren Zuckerwerte bei ausgeprägter Insulinresistenz sich häufig trotz vieler Mühe seit Jahren nicht verbessert hatten. Mit einem genauen Fahrplan einschließlich Arznei-Dosisanpassungen sei die Diät auch ambulant möglich, so Althaus. Sie sollte jedoch immer ärztlich überwacht werden.

Das Prinzip der Entlastungstage

  • Zu Beginn maximal drei Entlastungstage mit ausschließlich Kohlenhydrat-Kost, Fett und Eiweiß werden gemieden,

  • Zur Erhaltungstherapie regelmäßige Entlastungstage ein- bis zweimal pro Woche.

  • Die Mahlzeiten sollten etwa zwei bis vier Kohlenhydrateinheiten (KE) enthalten.

  • Abwechslung wichtig: zum Beispiel morgens: Obstreis, –mittags: Kartoffeln mit doppelt Gemüse, Stück Obst. –abends: zwei Scheiben Mehrkornbrot, Senf, Tomate, Gurke und klare Brühe. (Quelle: Althaus)
    [06.12.2017, 17:59:00]
    Stephan Schlampp 
    Biochemische Erklärung! Taschenspieler Trick!
    Der HbA1c lag bei 10! trotz Unmengen von Insulineinnahme -das geht biochemisch nur, wenn die Patientin regelmäßig große Mengen an Kohlenhydraten verspeist.
    Wenn Sie nun 3 Tage lang moderate Mengen von Hafer isst, nimmt sie im Verhältnis zu den sonstigen Mahlzeiten jetzt RELATIV gesehen WENIGER Kohelnhydrate zu sich. Hafer ist zudem auch noch ein Lebensmittel mit niedrigem glykämischen Index, hat also eine relativ geringere Neigung den Blutzuckerspiegel schnell steigen zu lassen. Es leigt auch die Vermutung nahe, dass -wenn man 3 Tage nur Hafer essen darf, dass der Appetit auch nicht so groß ist. Daher ist es logisch, dass der Organismus jetzt nicht so viel Insulin benötigt um den Zucker aus dem Blut zu bekommen, da ja gar nicht mehr so viel anfällt !
    Insofern ist der Vorschlag des Kollegen, Hafer durch Obst oder andere Kohlenhydrate zu ersetzen auch nicht ratsam, da diese ggf. eine ganz andere (und vermutlich höhere glykämische Last besitzen) als Hafer. Es ist sicher auch ein Unterschied WIE der Hafer zubereitet wird. Hierfür sollte ganzer Hafer verwendet werden, der nur aufgekocht und als ganzes Korn gedünstet wird, anstatt Haferflocken, da letztere schneller und besser resorbiert werden als das ganze Korn, und damit der Zuckeranstieg im Blut beschleunigt/erhöht wird.
    Wenn man statt Hafer Lebenmittel verwenden würde, die keine oder kaum Kohlenhydrate enthalten, würde das Ganze NOCH besser funktionieren! (siehe ketogene Ernährung) und die Frau dass 3 Monate durchziehen würde, dann wäre der Diabetis Typ 2 sogar geheilt und es wäre gar kein Insulin mehr erforderlich!
    Soweit gelten immer noch die Gesetze der Pathophysiologie/Biochemie!
    Doch - wie der Kollege schon sagte - so etwas ist heute ja keinem Patienten mehr zumutbar..... stattdessen lieber weiteressen wie bisher mit Unmengen von Kohlenhydraten und Insulin mit allen Langzeitfolgen und ab und zu mal eine Haferkur ... Das ist die Medizin des 21. Jahrhundert!  zum Beitrag »
    [27.11.2017, 09:49:03]
    Dipl.-Psych. Wolfgang Trosbach 
    Hafer & Beta-Glucan
    Hier die (biochemische) Hypothese:

    Der niedrige glykämische Index von Hafer sowie der Hafer-Ballaststoff Beta-Glucan führt beim Typ-2-Diabetiker zu geringeren Blutzucker-Spitzen, was wiederum ein verbesserte Insulinsensitivität nach sich zieht.

    Beta-Glucans erhöht die Viskosität des Nahrungsbreis in Magen und Darm. Der Verdauungsbrei wird somit wohl schlechter mit Verdauungsenzymen durchmischt. Es kommt zu einer Verlangsamung der Magenentleerung, somit zu einem langsameren Abbau der Kohlenhydrate sowie infolge davon zu einem geringeren postprandialen Blutzucker-Anstieg. Bei geringeren Blutzucker-Spitzen wird weniger Insulin ausgeschüttet. Ausgeglichene Insulinspiegel verbessern die Insulinsensitivität, so dass Insulin wieder an den Körperzellen wirksam wird.

    Wolfgang Trosbach zum Beitrag »
    [20.11.2017, 15:43:48]
    Jörg Möller 
    Rezeptor-Up-Regulation?
    Mir will auch nicht einleuchten, warum Kohlenhydrate zu einer Verringerung der Resistenzlage führen sollten. Beim Fasten hingegen ist das logisch, weil die dadurch verringerte Hyperinsulinämie ja zu einer Rezeptor-Up-Regulation führt. (Weniger Insulin = weniger Rezeptoren, die intrazellulär in der Latenzphase sind, bevor sie wieder in die Zellmembran translozieren)

    Viele Grüße,
    Jörg Möller zum Beitrag »
    [20.11.2017, 15:40:36]
    Doris Wroblewski 
    Es gibt Erfolge bei Diabetes, siehe go.ithriveseries.com
    Seit Tagen läuft eine amerikanische Serie, die versucht über Diabetes aufzuklären:
    https://go.ithriveseries.com/ttac?oprid=880

    Mittlerweile ist die Episode 6 angesagt://go.ithriveseries.com/episode-6-live-1lcoyz4p?utm_campaign=Episode6+E1&utm_source=Email-Episodes&utm_medium=Email


    Amerika ist uns in Europa bei gesundheitlichen Problemen häufig um einige Jahre voraus. Wenn die dortige Entwicklung anhält, stehen uns auch hier noch harte Zeiten bevor. Die Ansätze, Kohlenhydrate zu reduzieren, bzw. zu differenzieren bei der Aufnahme, zeigen doch Erfolge. Zeigen sie zu viel Erfolge?

    Absolut nicht verstehen kann ich die Aussage von Mario ALthaus: "Drei Tage nur Haferschleim sei heute unzumutbar". Wenn ich so viele Jahre unter einer Krankheit leide und jemand reicht mir einen Strohhalm, zeigt einen möglichen Weg der Besserung, darf es dann nicht auch mal weniger gut schmecken, weniger abwechlungsreich sein? Warum ist so etwas heutzutage unzumutbar? Haben wir jede Selbstdisziplin verlernt? Müssen es schon wieder die Verführungen aus hochgezüchteten unverträglichen Getreidesorten sein?

    Ich wünsche allen, die sich abmühen, Patienten zu begleiten auf dem Weg einer selbstverantworteten Ernährungsumstellung, weiterhin viel Erfolg. Wenn es uns nicht gelingt, diese Menschen bei der Eigenverantwortung zu packen und dazu gehört eben bei machen auch ein Tag in der Woche, an dem weniger gegessen wird oder nur Hafersuppe, dann werden die amerikanischen Verhältnisse hier früher auf den Straßen und in den Praxen zu finden sein, als uns lieb ist.
    Doris Wroblewski, www.azidosetherapie.com zum Beitrag »
    [20.11.2017, 13:47:27]
    Dr. Christoph Luyken 
    Irreführender Beitrag!
    Dank der Erläuterungen von Frau Preysing und Dr.Worm wird offenbar, daß der Artikel der ÄZ, zumindest im Titel, ziemlich irreführend ist.
    Statt von "Hafertagen" sollte man von "Fastentagen" sprechen, und ich hielte es für besser, die Diät an solchen Tagen eher in der Art zu gestalten, wie Frau Preysing es beschreibt. Denn:

    Grundsätzlich ist die theoretisch beste Art, mit einem Diabetes Typ 2 fertig zu werden, der völlige Verzicht auf Kohlehydrate. Wir wissen alles, daß das in der Praxis kaum für alles durchführbar ist; trotzdem sollte man nicht in dem Bemühen nachlassen, diesem Ideal nachzustreben. Den betroffenen Patienten plötzlich ohne Not einzureden und sogar zu demonstrieren, daß "Kohlehydrat-Tage" hilfreich sind, ist demnach völlig kontraproduktiv, was die Gesamtstrategie (nämlich die lebenslange Umstellung de Ernährungskonzeptes) angeht! zum Beitrag »
    [20.11.2017, 12:20:27]
    Dr. Nicolai Worm 
    Das funktioniert - weil Very Low Calorie Diet - hat nichts mit "Kohlenhydraten" zu tun!
    Dass das funktioniert hat einen einzigen Grund: VLCD! Bei den Hafertagen wird die Kost auf ca. 800 kcal/Tag abgesenkt! Die Leber entfettet und wird wieder insulinsensitiv und reguliert den Zuckerhaushalt wieder normal!

    Der Wirkmechanismus wurde gerade von der Arbeitsgruppe um Gerald Shulman geklärt: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1550413117306162?via%3Dihub

    Siehe auch mein Leberfasten-Konzept (www.leberfasten.de)

    Grüße,
    Nicolai Worm zum Beitrag »
    [20.11.2017, 12:08:45]
    Regina Preysing 
    Nicht was, sondern wieviel ist das Entscheidende
    Als Fastenleiterin weiß ich aus Theorie und Praxis, dass eine starke Kalorienreduktion unter den Grundumsatz innerhalb von Tagen dazu führt, dass eine Insulinresistenz verschwindet. Dieser Effekt hält auch noch lange an, wenn man wieder "normal" ißt.
    Das jetzt als "Kohlehydrat-Diät" zu betreiben, kann man tun, führt aber in die Irre.
    Dass man im beginnenden 20. Jahrhundert Hafer passend fand, hat sicher mit mehreren Eigenschaften von Hafer zu tun. Keine davon ist jedoch ursächlich für den beobachteten Effekt. Wenn man eine solche Diät komplett unter Verzicht auf Kohlehydrate durchführen würde, z.B. den Hafer durch Leinölquark ersetzen würde, und statt Obst Gemüse reicht, funktioniert es auch - Hauptsache, ich bleibe unter 800-1000 kcal.
    Wir sind hier an dem gleichen Phänomen wie beim "Almased-Wunder". Aber bitte, Kohlehydrate mögen hier verwendet werden, aber der Effekt liegt nicht an dieser Wahl, sondern an der Menge Kalorien! zum Beitrag »
    [20.11.2017, 09:39:45]
    Mag. Mona Ziegler 
    Biochemische Erklärung?
    Der Artikel hat mich recht stutzig gemacht: 3 Tage lang Zucker (Kohlenhydrate) essen bei Diabetes? Ich wäre dankbar, wenn mir jemand biochemisch erklären würde, wieso das eine Insulinresistenz durchbricht.


    Mit einem herzlichen Dank,

    Mona Ziegler zum Beitrag »

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