Typ-2-Diabetes

Mit Kohlenhydrat-Tagen die Insulinresistenz durchbrechen

Typ-2-Diabetiker mit schwerer Insulinresistenz können vom Prinzip einer hundert Jahre alten Haferkur profitieren. Nach den Erfahrungen sprechen 70 Prozent der Betroffenen darauf an.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel Veröffentlicht:
Schwieriger Weg zu einem gesunden Lebensstil. Es lohnt sich aber: Viele Studien sprechen für spezielle Diäten bei Diabetes. freshidea / stock.adobe.com

Schwieriger Weg zu einem gesunden Lebensstil. Es lohnt sich aber: Viele Studien sprechen für spezielle Diäten bei Diabetes. freshidea / stock.adobe.com

© freshidea - stock.adobe.com

MANNHEIM. Die Therapeuten einer adipösen 69-Jährigen mit Typ-2-Diabetes und 30 Jahren Krankheitsgeschichte waren mit ihrem Latein am Ende. Nach 24 Jahren Insulintherapie konnten auch höchste Dosen des Hormons plus ein DPP4-Hemmer ihren Blutzucker nicht mehr ausreichend senken: Ihr HbA1c lag bei 10 Prozent und war seit Jahren stark erhöht.

Gängige Maßnahmen gegen Insulinresistenz wie mehr Bewegung, Gewichtsabnahme oder Metformin (Niereninsuffizienz!) schieden aus, berichtete der Diabetesberater Mario Althaus von den Kliniken Essen-Mitte bei der DDG-Herbsttagung. Eine stationäre Therapie mit Insulin-Perfusor schien die Ultima Ratio. Da stießen die Therapeuten auf die 1902 von Carl von Noorden entwickelte Haferkur. Die mehrtägige Kost nur mit Kohlenhydraten hatte sich bereits 2006 als sicher und wirksam gegen Insulinresistenz erwiesen (Diabetologie und Stoffwechsel 2006; 1: A58).

Allerdings: Drei Tage nur Haferschleim sei heute unzumutbar, praktikabel hingegen eine Diät mit ausschließlich Kohlenhydraten in Brot, Nudeln, Reis, Gemüse und Obst, so Althaus. Dies war bei der Frau überraschend erfolgreich, wie er anhand ihres Diabetestagebuchs belegte: Am Tag vor der Diät lagen die Blutzuckerwerte trotz Therapie mit 30 IE Basalinsulin plus 58 IE, 38 IE und 28 IE Mahlzeiteninsulin morgens nüchtern bei 309 mg/dl, nach dem Mittagessen bei 406 mg/dl, um 16 Uhr bei 303 mg/dl und um 22 Uhr bei 221 mg/dl.

Bereits am ersten Diät-Tag gingen die Werte deutlich zurück von 254 (nüchtern) auf 117 (mittags), 85 (16 Uhr) und 110 mg/dl (22 Uhr). Gleichzeitig wurde Mahlzeiteninsulin auf 52, 18 und 6 IE reduziert. Am zweiten Diät-Tag kam es mit der reduzierten Insulinmenge mittags bereits zu einer Hypoglykämie. Die verbesserte Insulinsensitivität hielt dabei auch Wochen nach den Diättagen an.

Inzwischen wurden viele Typ-2-Diabetiker von Althaus und Kollegen mit "Entlastungstagen" behandelt. Nach seinen Angaben werden bei etwa 70 Prozent der Betroffenen deutliche Erfolge verzeichnet. Und versage die Diät am Anfang, sei eine Wiederholung durchaus erfolgversprechend.

Außer dem Durchbrechen der Insulinresistenz lassen sich mit den Entlastungstagen auch generell die Blutzuckerwerte verbessern sowie Insulin und andere Antidiabetika einsparen und auch Gewicht, Blutdruck und Cholesterin senken. Wichtig sei auch die Motivation von Patienten, deren Zuckerwerte bei ausgeprägter Insulinresistenz sich häufig trotz vieler Mühe seit Jahren nicht verbessert hatten. Mit einem genauen Fahrplan einschließlich Arznei-Dosisanpassungen sei die Diät auch ambulant möglich, so Althaus. Sie sollte jedoch immer ärztlich überwacht werden.

Das Prinzip der Entlastungstage

    • Zu Beginn maximal drei Entlastungstage mit ausschließlich Kohlenhydrat-Kost, Fett und Eiweiß werden gemieden,

    • Zur Erhaltungstherapie regelmäßige Entlastungstage ein- bis zweimal pro Woche.

    • Die Mahlzeiten sollten etwa zwei bis vier Kohlenhydrateinheiten (KE) enthalten.

    • Abwechslung wichtig: zum Beispiel morgens: Obstreis, –mittags: Kartoffeln mit doppelt Gemüse, Stück Obst. –abends: zwei Scheiben Mehrkornbrot, Senf, Tomate, Gurke und klare Brühe. (Quelle: Althaus)
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