Ärzte Zeitung online, 08.12.2017

Nobelpreis-verdächtig

Weg zurück in die Gesundheit für Typ-2-Diabetiker

Britische Forscher haben mit einem intensiven Programm zur Gewichtsreduktion in Hausarztpraxen bei jedem zweiten Behandelten eine Remission des Typ-2-Diabetes erzielt. Betroffenen geben die Daten Hoffnung, dass Diabetes keine Einbahnstraße ist.

Von Professor Stephan Martin

Weg zurück in die Gesundheit für Typ-2-Diabetiker

Einmal Insulin heißt nicht immer Insulin: Lebensstiländerungen werden unterschätzt.

© Smokovski / fotolia.com

Alfred Nobel hat in seinem Testament festgelegt, dass die Zinsen der Stiftung, die mit seinem Vermögen gegründet wurde "als Preis denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben". Wenn man diese Definition zugrunde legt, ist die jetzt im Fachblatt "Lancet" online publizierte Arbeit (2017, online 5. Dezember) sicherlich Nobelpreis-verdächtig.

Prof. Stephan Martin

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© privat

Einer der "Glaubenssätze" der Diabetologie ist: Einmal Diabetes – immer Diabetes. Für Menschen mit Typ-1-Diabetes, bei denen die Insulinproduktion nur noch unzureichend vorhanden ist, wird dieser Spruch leider weiterhin seine Gültigkeit behalten. Hingegen gibt es für übergewichtige Personen mit Typ-2-Diabetes, die 90 Prozent der Diabeteserkrankungen ausmachen, aufgrund der aktuellen Publikation neue Hoffnung.

Weniger als 900 Kcal am Tag

Die englische Arbeitsgruppe um Professor Roy Taylor hat in 49 Hausarzt-Praxen über 300 übergewichtige Personen mit einer mittleren Typ-2-Diabetesdauer von drei Jahren in eine Kontroll- und eine Interventionsgruppe Gruppe randomisiert. Die Intervention bestand über drei bis fünf Monate in einer flüssigen Mahlzeiten-Ersatztherapie (weniger als 900 Kcal am Tag) mit dem Ziel, 15 kg an Gewicht zu verlieren.

Ergebnis: Im Mittel hat die Interventionsgruppe ein Jahr nach Beginn der Intervention 10 kg Gewicht verloren, während es in der Kontrollgruppe nur 1 kg war. In der Interventionsgruppe erreichten in dieser Zeit 46 Prozent der Teilnehmer eine klinische Remission des Typ-2-Diabetes, das heißt der HbA1c lag bei unter 6,5 Prozent, ohne jegliche pharmakologische Diabetesmedikation. Probanden mit mehr als 15 kg Gewichtsverlust hatten sogar eine 89-prozentige Remissionswahrscheinlichkeit. In der Kontrollgruppe gelang eine Remission nur 4 Prozent der Teilnehmer. Diese Daten bestätigen bereits früher publizierte Pilotstudien dieser Arbeitsgruppe (Diabet Med. 2015; 32: 1149).

Was bedeuten diese Daten für unser Gesundheitssystem? Zum einen müssen Ärzte, Diabetesassistenzberufe und Diätassistenten umdenken und sich von ihrer grundsätzlichen Abneigung von Ersatzmahlzeiten verabschieden. Diese waren in der Initialphase der englischen Studie der Schlüssel zum Erfolg! Zum anderen müssen sich die Beteiligten auf ärztlicher Seite, aber auch die Gesundheitspolitik von der 68er Mentalität lösen, dass jeder seinen Körper zugrunde richten darf, denn wenn es irgendwann nicht mehr funktioniert, finanziert das Solidarsystem schon die entsprechenden Medikamente. Die steigende Prävalenz der Adipositas, in deren Folge sich der Typ-2-Diabetes bildet, bringt nicht nur unser Gesundheitssystem an die Grenzen der Finanzierbarkeit, sondern stellt ein weltweites Problem dar. Die englische Studie zeigt, dass es eine Hilfe zu Selbsthilfe gibt, die die Betroffenen in eine Remission des Typ-2-Diabetes führen kann.

Wie könnten die Ergebnisse dieser Studie in Deutschland umgesetzt werden? Hier gibt es die positive Nachricht, dass dies bereits begonnen hat. Zusammen mit dem Deutschen Institut für Telemedizin und Gesundheitsförderung (DITG) konnten wir bei Personen mit einer Diabetesdauer von über elf Jahren mit einem telemedizinischen Ansatz, bei dem auch eine flüssige Ersatzmahlzeit zur Einleitung einer Gewichtsreduktion eine wichtige Rolle spielt, eine HbA1c Reduktionen von bis zu 1,1 Prozent erreichen (Diabetes Care. 2017; 40: 863).

Förderung durch den Innovationsfonds

Dieses Programm wird bereits von der BKK-Deutsche Bank und der AXA-Krankenversicherung für ihre Versicherten angeboten. Ganz aktuell hat eine Nachfolgestudie zusammen mit der AOK-Rheinland-Hamburg durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) eine Förderung zuerkannt bekommen.

Zusammenfassend bedeuten diese neuen Studienergebnisse, dass Typ-2-Diabetes keine Einbahnstraße ist: Für Betroffene gibt es einen Weg zurück in die Gesundheit!

Professor Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

Lesen Sie dazu auch:
Ernährungs-Studie: Purzelnde Pfunde lassen Diabetes verschwinden

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[22.12.2017, 18:01:09]
Dr. Martin Andreas Burschka 
Abnehmen UND Bewegung
Abnehmen ist so schwer,
1. weil das Hungergefühl für die meisten Menschen unüberwindlich ist
2. wegen des offensichtlichen psychosozialen Lustgewinns beim Essen.
Wertende Aussagen über Dicke sind deshalb politisch inkorrekt auch wenn die Kosten der Fettleibigkeit für die Solidargemeinschaft offensicht lich sind.
Man darf es denken aber nicht darüber reden.
Welcher Politiker, der Wiedergewählt werden will, würde sich denn trauen,
den individuellen Beitrag zum Gesundheitssystem vom Taillenfang abhängig zu machen - nach Art der Schadensfreiheitsklassen bei der Autohaftpflicht?

Dies ist bei dem anderen "nobelpreiswürdigen" Heilmittel in der Diabetes therapie ganz anders. Bewegung ist dem Willen viel eher zugänglich als das Eßverhalten. Deren Einfluß auf die diabetische Stoffwechsellage ist bekannt aber bisher kaum quantifiziert.

Wenn es heutzutage möglich ist, jungen Mädchen ein Schlankheitsideal einzuimpfen, die Mülltrennung durchzusetzen und den Anspruch auf blitzschnelle Erreichbarkeit rund um die Uhr ... warum wird gesunde Bewegung nicht ähnlich sozial anerkannt? Bewegung ist messbar und in der Gruppe möglich.
 zum Beitrag »
[10.12.2017, 02:42:13]
Michael Odinius 
"Barsbütteler Modell" ist älter und praxiserprobt
Ein mindestens so erfolgreiches Konzept zur Behandlung adipöser Patienten, wie von den britischen Forschern vorgestellt,existiert hier in Deutschland bereits seit 2012 als „Barsbütteler Modell“.
Mit einem Artikel in dieser Ärztezeitung unter der Überschrift: „Die Sorgen eines Ernährungsmediziners“ „Was Odinius´ Kampf gegen das Übergewicht bremst“ nahm das Barsbütteler Modell seinen Anfang.
Im Praxisring Südstormarn hat es sich als sektoren- und fachübergreifendes Versorgungskonzept für adipöse Patienten auch mit Diabetes Typ II und Typ 1 Diabetes etabliert. Es wurde kontinuierlich weiterentwickelt.
Beispiele für die Leistungsfähigkeit konservativer Adipositastherapie aus der Praxis:
- 44 kg in 18 Mo
© Michael Odinius
110 kg in 18 Mo
© Michael Odinius
Das „Barsbütteler Modell“ wurde 2016 in der Septemberausgabe des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes mit dem Schwerpunktthema Adipositas ausführlich vorgestellt (S. 11),
https://www.aeksh.de/aerzteblatt/2016/09 ,
Ebenfalls im Hamburger Abendblatt. https://www.abendblatt.de/service/experten/gesundheit-und-aerzte/ernaehrungsmedizin/article205286397/Odinius-Schwerpunktpraxis-Ernaehrungsmedizin.html
Das „Barsbütteler Modell“ erschließt allen Praxen die leitliniengemäße Behandlung ihrer adipösen Patienten nach medizinischem Standard als Kassenleistung, was durch die Kostenübernahme der individuellen Ernährungstherapie und der Patientenschulungen durch die Kassen belegt ist.
Hier dokumentierte Fälle zeigen die Effektivität einer Adipositastherapie lege artis hinsichtlich cardiometabolischer Parameter, z.B. Besserung und Normalisierung von Zucker- und Fettstoffwechselparametern trotz Reduktion, respektive Absetzen von Medikamenten, aber auch hinsichtlich Schlafapnoe, chronischer Schmerzen, Infertilität u.a.m..
Obwohl es mit dem Barsbütteler Modell gelungen ist, gemäß Sicherstellungsauftrag die Therapie adipöser Patienten in der vertragsärztlichen Versorgung zu verankern und jene nicht nur lege artis sondern auch wirtschaftlich zu therapieren, befindet es die KVSH, im Gegensatz zur Ärztekammer, trotz Kenntnis dieser außergewöhnlichen Versorgungsoption bis heute leider für wert, hierüber zu berichten.
Dies ist bedauerlich für Patienten und Praxen, nicht nur medizinisch sondern auch wirtschaftlich.
Beispielsweise lagen für 2015 die Verordnungskosten für Arznei- und Verbandmittel in meiner Praxis 69% unter dem Fachgruppendurchschnitt der Hausärzte.
Aber die Vorstellung, dass der Patient nicht mehr ins DMP passen könnte, nicht mehr chronisch krank ist, weniger Medikamente oder kein Insulin mehr braucht, nicht regelmäßig in die Praxis kommen muss, ist vielen auch ein Dorn im Auge.

Solange also der adipöse Patient nicht das Problem ist sondern vielmehr die Lösung, dürfen Zweifel bestehen, ob die Lösung des Adipositasproblems ernsthaft gewollt ist.
Immerhin liegt derzeit (nach 6 Jahren) eine Anfrage vom Vorstand der deutschen Adipositasgesellschaft (DAG) Prof. Blüher vor, das Barsbütteler Modell auf dem Jahreskongress der Deutschen Adipositas Gesellschaft 2018 vorzustellen.

Ob das ernst gemeint ist, wird sich zeigen.
Denn wir ahnen ja, wie es wie es mit dem Prophet (und den Sponsoren) im eigenen Land bestellt ist…

Weiterer Literaturhinweis für Interessierte:
„Der adipöse Patient in der vertragsärztlichen Versorgung – unter den Bedingungen aktueller Rechtsnormen Pat RG § 630 BGB und SGB V © Schattauer Verlag „Adipositas“ Heft 3/2013

Michael Odinius FA f Allgemeinmedizin
Ernährungsmedizin Naturheilverfahren
Akupunktur Chirotherapie


…. Prävention und Adipositastherapie
BDEM – DAG – QUETHEB

Hauptstr. 38 I
22885 Barsbüttel
Tel.: 040 69 458 996
Fax: 040 69 458 997
E-Mail: info@praxis-odinius.de
www.praxis-odinius.de
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[09.12.2017, 22:53:23]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer!
Am Diabetes Remission Clinical Trial (DiRECT) nahmen 298 übergewichtige Zuckerkranke (BMI 27-45) aus 49 Praxen der Primärversorgung in Großbritannien teil. Und hatten nach organisierter Gewichtsreduktion innerhalb von nur 12 Monaten signifikant weniger klinisch relevante Diabetes-Manifestationen bzw. metabolische Syndrome?

Das ist keineswegs eine bahnbrechende Meilenstein-Forschungs-Erkenntnis in der ambulanten und klinischen Diabetologie und schon gar nicht Nobelpreis verdächtig.

"Die Erfolgsquoten:
Bei bis zu 7 kg Reduktion hatten 7 Prozent eine Remission,
bei 7 bis 10 kg waren es 34 Prozent,
bei 10 bis 15 kg 57 Prozent und
bei 15 kg und mehr 86 Prozent";
 
bedeuten im Umkehrschluss nach ganzen 12 Monaten Therapie- bzw. Interventionsdauer:

Bei bis zu 7 kg Körpergewichts-Reduktionen blieben 93% therapiepflichtige Typ-2-Diabetiker,
bei 7 bis 10 kg blieben 66% therapiepflichtige Typ-2-Diabetiker,
bei 10 bis 15 kg blieben 43% therapiepflichtige Typ-2-Diabetiker und
bei 15 kg und mehr blieben 14% therapiepflichtige Typ-2-Diabetiker.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. St. Moritz/CH)  zum Beitrag »
[09.12.2017, 07:39:29]
Cordula Molz 
vielleicht zu kurz gedacht
Gewichtsverlust hat bei Diabetes mit Sicherheit den beschriebenen Effekt. Allerdings sind die Betrachtungen zu kurz angelegt. Es lohnt sich, die Erkenntnisse von Kevin Hall einzubeziehen, der Teilnehmer von Biggest Loser in den Jahren nach ihrem dramatischen Gewichtsverlust beobachtet hat.
Extrem niedrigkalorische Ernährung führte dazu, dass der Grundumsatz sehr deutlich sank und Leptin, was den Hunger steuert, quasi nicht mehr vorhanden war. Nach Ende der Sendung nahmen nahezu alle wieder zu im Laufe der Jahre, teilweise über das ursprüngliche Gewicht hinaus.
Stoffwechsel verkorkst, rasender Hunger, weil die Leptinspiegel das Normalniveau nicht mehr erreichten. Das sieht man halt nicht, wenn man die Betroffenen nicht lange genug begleitet. zum Beitrag »
[08.12.2017, 13:58:19]
Dr. Christoph Luyken 
Nobelpreis für Binsenweisheit?
Die geschilderte Erkenntnis ist nicht neu! Ein großes Problem ist allerdings die Ignoranz und auch Beratungsresistenz nicht nur innerhalb der Gesellschaft sondern auch auf Seiten von Therapeuten. Es ist ein Unding, daß immer noch Diabetiker Diätpläne bekommen, welche Sollzahlen für BE enthalten! Schließlich heißt die Diagnose "Diabetes m." für die betroffenen nichts anderes, als daß ihr Organismus die Fähigkeit verloren hat, Kohlehydrate zu verarbeiten. Also muß Kohlehydratvermeidung die Devise sein. - Leider erlebt die Adipositas zunehmend Akzeptanz in der Gesellschaft. "Dick ist chic", "Plus-Size" etc. sind neue Slogans. Unter dem Deckmantel unterschiedlicher Bezeichnungen dringt Zucker mit Macht in fast jedes industriell gefertigte Nahrungsmittel. Einen Nobelpreis hätte verdient, der die Bevölkerung zum Umdenken und zur Umstellung der Ernährungsgewohnheiten bringen würde...! zum Beitrag »
[08.12.2017, 06:18:19]
Michael Wirtz 
Bahnbrechend ...
.... ist diese Erkenntnis doch nicht, oder?
Adipositas ist nunmal einer der Hauptauslöser von Diabetes mellitus.

Nicht dass auch seit Jahren bekannt ist, dass ein ordentlicher Gewichtsverlust einer Linderung zu Gute kommt.

Aber wir warten ja bis die Adipösen richtig krank sind, bevor wir mit der Behandlung beginnen. Vorher sind diese ja nur undiszipliniert  zum Beitrag »

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