Ärzte Zeitung, 29.09.2008

Hintergrund

Wundmanagement nützt Patienten und schont Kassen

Die sektorübergreifende Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden ist medizinisch sinnvoll. Außerdem werden die Ressourcen effizient genutzt.

Von Thomas Meißner

Die Defizite in der Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden werden seit langem beklagt. Doch der einzelne Haus- oder Facharzt kann eine moderne und leitliniengerechte Wundversorgung kaum leisten. Sie ist zeitaufwendig, bedarf großer Erfahrung, die nur mit großen Fallzahlen zu erlangen ist, und die Menge der angebotenen Materialien ist kaum zu überblicken, geschweige denn qualitativ zu bewerten.

Vor allem aber verhindert der Budgetdruck, dass moderne Wundauflagen tatsächlich angewandt werden. Das hatte eine repräsentative Umfrage unter mehr als 800 Ärzten im Jahre 2007 ergeben ("Ärzte Zeitung" vom 29. Januar 2008.

75 Prozent aller Wunden heilen ab

In regionalen Wundzentren dagegen besteht große Erfahrung mit diesen Patienten, und dort sind auch die Heilungsquoten hoch. Und obwohl anfangs mehr Geld für die Patienten ausgegeben wird als in der Standardversorgung, sinken die Gesamtkosten.

Das sind jedenfalls die Erfahrungen am "Behandlungszentrum Chronische Wunde" des Klinikums Marktoberdorf im Allgäu. Patienten mit chronischen Wunden werden dort so behandelt, dass 75 Prozent aller Wunden, die meist seit Monaten, oft sogar schon seit Jahren bestehen, abheilen, berichtete Dr. Michaela Knestele, Leiterin des Zentrums.

Für diese Erfolgsrate gibt es im Wesentlichen vier Gründe. Viel macht dabei die sektorübergreifende Versorgung der chronisch kranken Patienten aus.

  • Als ersten Grund nennt Knestele die Kooperation: Kliniker, Niedergelassene und Pflegedienste arbeiten eng zusammen. "Dafür haben wir eine Organisationsstruktur geschaffen, die vom Klinikum Marktoberdorf koordiniert wird", sagte die Chirurgin. Die Patienten stellen sich im Zentrum vor, dort erfolgt die Diagnostik, es wird ein Therapiekonzept entworfen und ein Rezept für das Behandlungsmaterial ausgestellt. Damit gehen die Patienten zurück zu ihrem Hausarzt, falls es notwendig ist, wird ein Pflegedienst organisiert. Die Wiedervorstellung im Zentrum erfolgt dann in individuell festgelegten Intervallen.
  • Die zweite Basis des Erfolgs sind große Erfahrung und die Versorgungsqualität: Knestele betreut im Quartal durchschnittlich 520 Patienten mit chronischen Wunden. Außer der stadiengerechten Wundversorgung mit systematisch evaluierten Materialien wird im therapeutischen Konzept auch die Ursache der chronischen Wunde berücksichtigt, sei es die chronisch-venöse Insuffizienz (CVI), eine arterielle Verschlusskrankheit oder ein Lymphödem. Das sei bei Patienten, die monate- oder jahrelang offene Wunden haben, oft nicht der Fall, kritisiert Knestele. Im 2005 gegründeten Wundnetz Allgäu e.V. versuchen sie und ihre Kollegen zudem, die Qualifikation der Behandelnden, die Kommunikation und die Arbeitssituation zu verbessern.
  • Ein dritter wesentlicher Punkt ist die Bezahlung: Seit zweieinhalb Jahren besteht mit der AOK Bayern ein Integrationsvertrag. Die Klinik erhält von der Kasse Geld für die Wundambulanz. Pro Quartal gibt es einen Bonus pro Patient. Ansonsten wird wie üblich über die KV abgerechnet.
  • Viertens - die Patienten: Compliance ist ein Riesenproblem, etwa bei Patienten mit CVI, die die Kompressionsbehandlung zu Hause häufig weglassen. Sofern möglich, versuchen die Mitarbeiter der Wundambulanz, Patienten und deren Angehörige zu motivieren und in die Behandlung aktiv einzubeziehen. Mehrmals im Jahr finden öffentliche Vortragsreihen statt, die sich regen Zuspruchs erfreuen.

Die Ergebnisse dieses Konzeptes lassen sich sehen: Die Heilungsquote bei einer mittleren Behandlungsdauer von 121 Tagen ist hoch. Außerdem betragen die Gesamtkosten für Verbandsmittel, Medikamente und Sachleistungen durchschnittlich nur 1443 Euro pro Jahr, in der standardmäßig behandelten Vergleichsgruppe aber 1570 Euro, sagte Stefan Kronthaler von der AOK Bayern. Zudem stehen 1,5 Krankenhauseinweisungen pro Jahr wegen chronischer Wunden der allgemeinen Einweisungsquote von 3,5 jährlich gegenüber. Auch dort zeichnet sich also eine Reduktion der Therapiekosten ab.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

Konsequente Strategie gegen Diabetes

Angesichts der epidemischen Zunahme von Diabetes-Patienten in Deutschland, muss die nächste Bundesregierung unbedingt den Nationalen Diabetesplan umsetzen. mehr »