Ärzte Zeitung online, 27.06.2017

Notfälle

Ersthelfer-App verkürzt die Zeit bis zur Herzdruckmassage

Kann die kardiopulmonale Reanimation außerhalb des Krankenhauses mit einer Ersthelfer-App optimiert werden? In einem Pilotprojekt der European Heart Rhythm Association (EHRA) an der Uniklinik Lübeck sind die Erfahrungen gut. Jetzt sollen andere Regionen folgen.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Ersthelfer-App verkürzt die Zeit bis zur Herzdruckmassage

Je früher die Reanimation, desto besser die Prognose: Eine App lotst Ersthelfer zum Unfallort.

© pixelaway / adobe.adobe.com

LÜBECK. Neun Minuten dauert es in Europa im Durchschnitt, bis nach einem Notruf bei einem kollabierten Patienten der Rettungsdienst vor Ort ist. Im Falle des plötzlichen Herztods ist das eine lange Zeit. Jede Minute früherer Beginn einer Reanimation beim plötzlichen Herztod erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit um relativ 10 Prozent.

Braucht der Rettungsdienst länger als wenige Minuten, dann ist der Patient ohne effektive Laienreanimation zur Überbrückung in vielen Fällen nicht mehr zu retten. Eine Laienreanimation findet aber nur in maximal 30 bis 60 Prozent der Fälle statt, berichtet die European Society of Cardiology (ESC) in einer Mitteilung. Oft sind Zeugen eines solchen Notfalls nicht in effektiver Reanimation geschult. Und umgekehrt bekommen Menschen, die wissen, wie reanimiert wird, derartige Ereignisse nicht zwangsläufig mit, auch wenn sie in unmittelbarer Nachbarschaft passieren.

Hier setzt die EHRA First Responder App an, in ihrer deutschen Version auch "Ersthelfer-App" genannt. Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der EHRA mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der Universität Lübeck und weiteren Partnern. Die Idee ist, dass professionelle Ersthelfer oder gut trainierte Laien, die sich freiwillig dafür registrieren, mit einer solchen App ausgestattet werden. Geht ein Notruf bei der Leitstelle ein, wird nicht nur der Rettungswagen in Marsch gesetzt, sondern es werden über die App auch Ersthelfer kontaktiert, die sich gerade zufällig in der Nähe befinden. Das passiert automatisch, und die Lokalisation läuft über GPS. Der Ersthelfer, der sich zuerst meldet, wird von der App dann zum Ort des Notfalls dirigiert und kann dort die Reanimation beginnen, bis der Notarzt oder Rettungsdienst eintrifft. Andere Ersthelfer werden gefragt, ob sie von einem Defibrillator in der Nähe wissen, der eventuell zum Notfallort gebracht werden könnte.

In einem Pilotprojekt im Raum Lübeck wurden in den letzten Monaten über 650 Ersthelfer mit einer solchen App ausgestattet. "Teilnehmer zu rekrutieren war überhaupt kein Problem, denn die Menschen wollen helfen", so Dr. Christian Elsner, Geschäftsführer des UKSH, Campus Lübeck und auch Mitglied im EHRA-Vorstand, in der Mitteilung. Sieben von zehn Ersthelfern haben eine medizinische Ausbildung. Der Rest verpflichtet sich, alle zwei Jahre ein Reanimationstraining zu absolvieren.

Mittlerweile gibt es Erfahrungen mit rund zehn "Echteinsätzen". Dabei zeigte sich, dass es in jedem dritten Fall gelang, einen Ersthelfer mehr als drei Minuten vor dem Rettungsdienst am Ort zu haben. Im nächsten Schritt sollen jetzt weitere Rettungsdienste in Deutschland und anderen europäischen Ländern beteiligt werden, um größere Patientenzahlen zu erreichen.

Ziel ist es, die Rate der Laienreanimationen um 70 bis 90 Prozent zu steigern. "Die Software hat eine Standardschnittstelle, die eine Anbindung der meisten in Europa üblichen Rettungsdienst-Systeme erlaubt", so Elsner. Zum "Paket" für die teilnehmenden Ersthelfer zählt auch eine Versicherung.

Mehr Informationen zur Kardiologie unter www.kardiologie.org

Mehr Informationen zur App und dem aktuellen Projekt unter www.meine-stadt-rettet.de

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[27.06.2017, 09:43:05]
Heike Drolshagen 
Ersthelfer-App verkürzt die Zeit bis zur Herzdruckmassage
Diese App ist eine super Sache für Menschen mit einem plötzlichen cardialen Ereignis. Seit einiger Zeit wird mittels dierer App auch im Landkreis Grafschaft Bentheim und Lingen (Kreis Emsland) erfolgreich versucht, die Zeit bis zum Eintreffen des NAW zu überbrücken. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Fehldiagnose lässt "Thrombophilie"-Patientin zittern

Bei einer Frau mit Venenthrombose wurde eine Thrombophilie-Diagnostik vorgenommen. Der Verdacht erhärtete sich und bescherte ihr angstvolle Wochen. mehr »

Schärfe und Säure kurbeln das Immunsystem an

Was wir essen, beeinflusst maßgeblich, wie gut die Immunabwehr im Speichel funktioniert. Das haben Münchener Forscher untersucht. mehr »

Was tun gegen sexuelle Belästigung?

Anzügliche Bemerkungen, obszöne Witze, schlüpfrige Mails bis hin zu Berührungen: Sexuelle Aufdringlichkeit gehört auch in Praxen und Kliniken manchmal zum Alltag. Statt die Belästigungen zu ignorieren, sollten sich Betroffene wehren - dazu gibt es mehrere Möglichkeiten. mehr »