Ärzte Zeitung online, 15.11.2017
 

Ungetrübte Lust

Herztod beim Sex: Wohl eher eine Rarität

Auch wenn gerade Männer sich diesbezüglich manchmal Sorgen machen mögen: Die Wahrscheinlichkeit, beim Sex einen tödlichen Herzstillstand zu erleiden, ist äußerst gering, bestätigt eine neue Studie.

Herztod beim Sex: Wohl eher eine Rarität

Eine neue Studie von Kardiologen beruhigt: Weniger als ein Prozent der Herzstillstände ist demnach in zeitlichem Zusammenhang mit sexueller Aktivität aufgetreten.

© olly / stock.adobe.com

ANAHEIM. Die mit sexueller Aktivität verbundene Aufregung kann auch das Herz ziemlich unter Stress setzen. Gleichwohl herrscht in der Medizin weitgehend Konsens darüber, dass es selbst Patienten mit Herzinfarkt, die sich nach dem Ereignis wieder erholen, nicht verwehrt sein sollte, auch weiterhin sexuell aktiv zu sein. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die sexuelle Lust dem Herzen so zusetzt, dass es zum Herzstillstand kommt, ist sehr gering.

Wenn es aber in seltenen Fällen zu einem solchen Ereignis kommt, dann haben Männer klar die schlechteren Karten. Das zeigt die Studie Oregon SUDS (Sudden Unexpected Death Study), die jetzt beim Kongress der American Heart Association (AHA) 2017 in Anaheim vorgestellt und simultan als "Research Letter" im Fachblatt "Journal of the American College of Cardiology" (2017, 70, 20: 2599–2600) publiziert worden ist.

Forscher des Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles um Dr. Sumeet Chugh haben in dieser Studie insgesamt 4557 in der Zeit zwischen 2002 und 2015 registrierte Fälle von plötzlichem Herzstillstand analysiert. Darunter waren nur 34 Herzstillstände (0,7%), die in zeitlichem Zusammenhang mit sexueller Aktivität aufgetreten waren. Das absolute Risiko war demnach extrem niedrig.

Von den 34 Herzstillständen waren 18 während der sexuellen Aktivität und 15 in den ersten Minuten nach dem Sex aufgetreten; in einem Fall war die zeitliche Zuordnung unklar. In 32 der 34 Fälle (94%) waren Männer betroffen. Von allen 34 Betroffenen hatten 29 Prozent eine KHK und 26 Prozent eine symptomatische Herzinsuffizienz in ihrer Vorgeschichte, die Mehrzahl nahm kardiovaskulär wirksame Arzneien ein.

Die Forscher um Chugh verweisen noch auf einen weiteren Aspekt ihrer Studie. Darin zeigte sich nämlich, dass Wiederbelebungsmaßnahmen nur in einem Drittel aller Fälle vorgenommen worden waren – selbst dann, wenn andere Personen zum Zeitpunkt des Herzstillstandes anwesend waren. Die Studienautoren erinnern angesichts dieses Ergebnisses daran, dass es wichtig sei, in den Bemühungen fortzufahren, die Öffentlichkeit über die Wichtigkeit der kardiopulmonalen Reanimation bei plötzlichem Herzstillstand aufzuklären, egal unter welchen Umständen er auftrete. (ob)

Weitere Informationen zur Kardiologie unter www.kardiologie.org

[17.11.2017, 15:04:27]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil!
Wenn die Forscher des Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles um Dr. Sumeet Chugh ["corresponding author"] doch nur richtig rechnen würden?

"Sexual Activity as a Trigger for Sudden Cardiac Arrest" von Aapo L. Aro et al.
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0735109717397607
beschreibt, wie von verschiedenen Autorenteams auch zuvor veröffentlicht, ein nur scheinbar sehr seltenes klinisches Ereignis, das hier zu 94% bei Männern und nur zu 6% bei Frauen aufgetreten war.

4.557 Fälle von plötzlichem Herzstillstand wurden in den 14 Beobachtungs-Jahren zwischen 2002 und 2015 von Forschern des Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles um Dr. Sumeet Chugh analysiert. Davon waren 34 Herzstillstände (0,75 Prozent) in zeitlichem Zusammenhang mit sexueller Aktivität aufgetreten.  
 
Die Schlussfolgerung im ÄZ-Titel: "Herztod beim Sex: Wohl eher eine Rarität" gibt zwar den Grundtenor der "Oregon SUDS"-Studie (Sudden Unexpected Death Study) korrekt wieder, welche jetzt beim Kongress der American Heart Association (AHA) 2017 in Anaheim vorgestellt wurde: Aber die Publikation arbeitet mit irrigen Vorstellungen und systematischen Fehlannahmen der menschlichen sexuellen Lebensgewohnheiten.

Gestatten Sie mir folgende Simulationsberechnung:
1. Herzstillstand-Risiko bei KHK-ACS-Risiko-Populationen etwa 0,5% pro Jahr
2. 7% Herzstillstand-Risiko (2002-2015) in 14 mal 365 Tagen = 5.110 Tagen
3. Der Tag mit 24 Stunden hat 1.440 Minuten bzw. 86.400 Sekunden
4. Interaktiver Koitus 2x/Woche mit Partner/-in (ohne Masturbationsangaben)
5. Kardio-vulnerabler exzitativer Erregungszustand über 15 Minuten 2x/Woche
6. Sexuell kardio-vulnerable Koitusaktivität in 14 Jahren 21.840 Minuten
7. Algemeines Herzstillstand-Risiko in 14 Jahren/7.358.400 Minuten (4.557)
8. Minus 21.840 Minuten mit kardio-vulnerabler Exzitation (34 Fälle)
9. Ergibt 7.336.560 Minuten für 4.523 Herzstillstand-Fälle ohne Sex.

Denn es ereigneten sich 34 Herzstillstände, das sind 0,75% und nicht 0,7% von 4.557 (!), im zeitlichen Zusammenhang mit sexueller Aktivität während eines Zeitraum von nur 21.840 Minuten.

Das inzidente Risiko für einen Herzstillstand o h n e begleitende sexuelle Aktivitäten beträgt demnach 0,06165 Prozent.

Dagegen liegt das inzidente Risiko für einen Herzstillstand m i t  begleitenden sexuellen Aktivitäten bei 0,15568 Prozent, also um den Faktor 2,5 h ö h e r als Herzstillstand-Risiken ohne zeitlichen Zusammenhang mit sexueller Aktivität.

"Sexual Activity as a Trigger for Sudden Cardiac Arrest" kann nach meinen Berechnungen als ganz besonders gefährlicher Auslöser des plötzlichen Herzstillstandes gelten.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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