Ärzte Zeitung online, 24.08.2018

Globale Alkohol-Studie

So trunksüchtig ist Deutschland

Der Alkohol ist einer der Hauptgründe, warum Menschen vorzeitig sterben, offenbart eine globale Analyse. Immerhin: In Deutschland ist der Konsum seit 1990 deutlich gesunken. Aber ältere Männer trinken im Schnitt recht ordentlich.

Von Thomas Müller

So versoffen ist Deutschland

Männer in Deutschland trinken im Schnitt 40 g Alkohol pro Tag, also umgerechnet zwei Flaschen Bier.

© Syda Productions / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Welche Folgen hat der Alkoholkonsum weltweit?

Antwort: Alkohol ist der siebthäufigste Grund für vorzeitige Todesfälle und verlorene gesunde Lebensjahre.

Bedeutung: Der Alkoholkonsum liegt in vielen Ländern auf einem relevanten gesundheitsschädlichen Niveau.

Einschränkung: Sowohl der Alkoholkonsum als auch die zugeschriebenen Folgen beruhen auf mehr oder weniger genauen Schätzungen.

SEATTLE. Da will einem das kühle Feierabendbier gar nicht mehr so gut schmecken: Nach einer Auswertung der aktuellen Studie "Global Burden of Disease" (GBD) zu den Trinkgewohnheiten in 195 Ländern und den alkoholbedingten Schäden steht der Alkoholkonsum an siebter Stelle sowohl der häufigsten Todesursachen als auch der Faktoren, die zu gesundheitlichen Einschränkungen führen (Lancet Psychiatry 2018, online 23. August).

Und: Ein gesundheitlich unbedenkliches Niveau beim Alkoholkonsum können die Autoren der Mammutanalyse nicht erkennen. Danach werden die Vorteile von mäßigem Alkoholgenuss durch ein erhöhtes Risiko für Unfälle, Krebs und Infektionskrankheiten mehr als ausgeglichen.

Eine gute Nachricht lässt sich aus dem über 2300 Seiten umfassenden Report jedoch herauslesen: In Deutschland ist der Alkoholkonsum in den vergangenen 26 Jahren deutlich zurückgegangen. Zwar nehmen vor allem Menschen im mittleren und höheren Altern auch hierzulande noch immer eine beängstigende Menge alkoholischer Getränke zu sich, weltweit belegen sie aber keine Spitzenplätze mehr, hier dominieren vor allem osteuropäische Länder.

Für die Auswertung haben Wissenschaftler um Professor Emmanuela Gakidou von der Universität in Seattle, USA, knapp 700 Datenquellen ausgewertet.

Den Alkoholkonsum für Personen ab 15 Jahren berechneten sie nicht nur aufgrund wenig glaubwürdiger Umfragen, sondern vor allem anhand der verkauften Alkoholmengen. Dabei berücksichtigten sie die jeweiligen Touristenströme – also wie viel des jeweils verkauften Alkohols potenziell von anderen Nationalitäten konsumiert wurde.

Ebenfalls versuchten sie, den schwarz gebrauten und destillierten Alkohol abzuschätzen. So kamen sie auf einen Alkoholkonsum, der ein Vielfaches dessen beträgt, was üblicherweise in Umfragen zugegeben wird, der aber näher an der Realität liegen dürfte.

Den Alkoholkonsum setzten sie in Bezug zu Resultaten aus rund 600 Studien über die gesundheitlichen Gefahren von Alkohol. Damit versuchten sie, die gesundheitlichen Folgen für die jeweilige Bevölkerung abzuschätzen. Die wichtigsten Resultate:

  • Weltweit lassen sich etwa 2,2 Prozent aller Todesfälle bei Frauen und 6,8 Prozent bei Männern auf den Alkoholkonsum zurückführen.

    In der Altersgruppe der unter 50-Jährigen liegt der Anteil bei 3,8 Prozent (Frauen) und 12,2 Prozent (Männer). Hauptursachen sind vermehrte Tuberkuloseinfekte, Verkehrsunfälle sowie Suizide unter Alkoholeinfluss.

    Bei den über 50-Jährigen dominieren Tumorerkrankungen bei den alkoholbezogenen Todesursachen. Im Alter unter 50 Jahren ist Alkohol der wichtigste Faktor für den Verlust gesunder Lebensjahre.

  • Im Jahr 2016 trank ein Drittel der Weltbevölkerung gelegentlich oder regelmäßig Alkohol, der Anteil bei den Frauen betrug 25 Prozent, bei den Männern 39 Prozent.

    Am weitesten verbreitet ist der Alkoholkonsum in Dänemark mit 97 Prozent bei Männern und 95 Prozent unter Frauen. Deutschland belegt mit einer Prävalenz von 94 Prozent (Männer) und 90 Prozent (Frauen) jeweils den vierten und dritten Platz.

    Dagegen sind erwartungsgemäß in islamischen Ländern die allermeisten Menschen abstinent. Auffallend ist zudem, dass in Ländern mit geringem Einkommen Frauen im Gegensatz zu Männern kaum Alkohol trinken, in Ländern mit hohem Einkommen aber fast ähnlich häufig wie Männer.

  • In Ländern mit hohem Einkommen nehmen Männer im Schnitt täglich 29 Gramm Alkohol zu sich, was der Menge von eineinhalb Flaschen Bier entspricht, Frauen konsumieren im Schnitt 19 g Alkohol pro Tag.

    Am höchsten ist der Konsum unter Männern in Rumänien mit 82 Gramm am Tag gefolgt von Portugal (72 g/d), Luxemburg, Litauen, Ukraine, Bosnien, Weißrussland, Estland, Spanien und Ungarn (siehe nachfolgende Grafik).

    Frauen trinken am meisten in der Ukraine mit 42 g pro Tag, auf den weiteren Plätzen folgen Andorra, Luxemburg, Weißrussland, Schweden, Dänemark, Irland und Großbritannien.

  • In Deutschland trinken Männer im Schnitt 40 g Alkohol pro Tag, also umgerechnet zwei Flaschen Bier. Damit schaffen sie es nicht mehr unter die Top-Ten beim weltweiten Konsum. Frauen hierzulande belegen mit einer durchschnittlichen Menge von 29 g weltweit Platz 9.

    Zum Vergleich: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt einen Richtwert von 20 Gramm am Tag für Männer und 10 Gramm für Frauen vor (maximal tolerierbare Dosis).

  • Der Alkoholkonsum in Deutschland ist seit 1990 deutlich gesunken. Damals wurden von Männern noch täglich 50 g, von Frauen 36 g konsumiert.

    Die Zahl der jährlichen Todesfälle, die dem Alkoholgenuss zugeschrieben werden, sank in einem Vierteljahrhundert bei Männern in Deutschland von 67.000 auf 43.000, bei Frauen von 40.000 auf 19.000.

  • Am meisten Alkohol trinken in Deutschland noch immer Menschen im mittleren Lebensalter. Männer zwischen 50 und 64 Jahren konsumierten im Jahr 2016 im Mittel täglich 70 Gramm reinen Alkohol, Frauen 43 Gramm und damit im Durchschnitt das Dreieinhalb- bis Vierfache des DGE-Richtwerts.

  • Interessant ist auch eine Auflistung der durch Alkoholschäden verlorenen gesunden Lebensjahre (DALYs, disability-adjusted life-years). Im Jahr 2016 ließen sich rund 4 Prozent der DALYS von Frauen und 10 Prozent von Männern in Deutschland auf den Alkoholkonsum zurückführen.

    Bei dieser Rechnung berücksichtigen die Studienautoren auch die angenommenen günstigen Effekte von Alkohol auf ischämische Herzerkrankungen. Diese schlagen bei Frauen etwas mehr zu Buche als bei Männern.

    Auf der Verlustseite stehen bei Frauen mit zunehmendem Alter eine erhöhte Zahl von DALYS aufgrund alkoholbedingter hypertensiver Herzerkrankungen, Hirnblutungen und Brustkrebs.

    Unter Männern in Deutschland führen in jüngeren Jahren vor allem Sucht und Leberschäden zum Verlust gesunder Lebensjahre, später überwiegend alkoholbedingte kardiovaskuläre Leiden.

In einem Kommentar zur Studie nannte Dr. Robyn Burton vom King's College London die Studie als die bislang umfassendste Schätzung zu den globalen Folgen des Alkoholkonsums.

"Die Schlussfolgerungen sind deutlich: Alkohol ist ein kolossales globales Gesundheitsproblem. Ein geringer Nutzen von moderatem Alkoholkonsum kann die alkoholbezogenen Gesundheitsrisiken bei weitem nicht ausgleichen."

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[01.09.2018, 14:26:45]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Globale Alkohol-Studie" belegt keineswegs: "So trunksüchtig ist Deutschland"!
Wer so naiv ist, auf der Basis verkaufter Alkoholmengen mit gesundheitlichen Risiken und Mortalitäts-Basiszahlen in verschiedenen Ländern dieser Welt argumentieren zu wollen, könnte genauso gut den Gebrauch von Plastiktüten in hochindustrialisierten Ländern in Beziehung zur allgemeinen Sterblichkeit setzen.

Der herzprotektive Effekt von moderatem Alkoholgenuss, z. B. durch Erniedrigung des LDL-C und Erhöhung der HDL-Werte bzw. Resveratrol- und andere Anioxydantien-Einwirkungen, ist bekannt und als "french-paradoxon" in der medizinischen Literatur verankert.

US-Epidemiologen und Ernährungswissenschaftler um Professor Eric B. Rimm von der Harvard Medical School hatten zu der Frage, ob auch Patienten nach einem ersten Herzinfarkt davon profitieren, "Daten der prospektiven Kohortenstudie HPSS (Health Professionals Follow-up Study) ausgewertet (Eur Heart J 2012; online 27. März). An der Studie nahmen mehr als 51.500 Männer teil. 1.818 davon hatten schon einen ersten Herzinfarkt gehabt. Binnen 20 Jahren wurden bei den Infarktpatienten alle vier Jahre der durchschnittliche tägliche Alkoholkonsum sowie die kardiovaskuläre und die Gesamt-Sterberate analysiert.
Nicht alle profitieren
In dieser Zeit starben 468 Männer. Je nach Alkoholmenge wurden die Männer drei Gruppen zugeordnet: täglich ein Drink (bis 9,9 g), zwei Drinks (10 bis 30 g) und mehr als zwei Drinks (über 30 g). Ein Drink konnte ein Glas oder auch eine Flasche oder Dose Bier (12,8 g Alkohol) sein, ebenso 120 ml Wein (11 g) oder ein Gläschen Schnaps (14 g). Die Probanden hatten schon vor dem Herzinfarkt regelmäßig Alkohol getrunken und den Konsum nach der Diagnose des Infarkts fortgesetzt. Die kardiovaskuläre Sterberate lag bei Männern mit zwei Drinks pro Tag im Vergleich zu abstinenten Männern signifikant um 42 Prozent niedriger, und zwar unabhängig von der Art der Getränke. Die Gesamtsterberate war bei moderatem Alkoholgenuss um 34 Prozent verringert.
Nicht alle Herzinfarktpatienten profitieren jedoch von moderatem Alkoholkonsum. Nur bei solchen Männern ergab sich eine verringerte Sterberate, bei denen der Infarkt nicht die Vorderwand betraf und das Herz nur eine leicht eingeschränkte linksventrikuläre Funktion hatte." https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/herzinfarkt/article/812172/herzinfarkt-zwei-drinks-geringere-sterberate.html

Der alte Merksatz "two drinks a day - keeps the doctor away" erfuhr durch diese Untersuchung (Eur Heart J 2012; online 27. März) eine erneute Bekräftigung.

Bedeutung hat die Tatsache, dass diese prospektive Kohortenstudie ("Health Professionals Follow-up Study [HPFS]") bei im Gesundheitswesen arbeitenden amerikanischen Männern ("51.529 US male health professionals") durchgeführt wurde. Bei Frauen gibt es seit 1991 die "Womens Health Initiative" (WHI) mit Daten von insgesamt 93.000 Frauen, zum Thema moderater Alkoholkonsum jedoch keine Publikation.

Aber Vorsicht, auch wer Alkohol in begrenzten Mengen trinkt, neigt zu Bagatellisierung seiner Gewohnheiten: In 0,5 Liter Bier mit Europa-durchschnittlich 4,5 Vol. % stecken 18 Gramm.

Nach der Formel zur Berechnung des Alkoholgehalts in Gramm: Menge in ml x Angabe Volumenprozent dividiert durch 100 x 0,8 (Alkohol leichter als Wasser).

Die in den USA handelsüblichen kleineren Flaschen/Dosen (beer "can") mit niedrigerem Alkoholgehalt führen zu 12,8 g Alkohol pro Drink. Deutsches Dosenbier heißt dann übrigens "kraut can". 120 ml USA-Wein mit 11 g Alkohol pro Drink ist realistisch. Aber ein einziges "badisches Viertele" mit 250 ml Wein entspricht schon 26 g bei 13 Vol. % und darf nicht etwa verdoppelt werden.

Entlarvend für voreingenommene, vorhersagbare Tendenzforschung ist die Vorgehensweise von Gakidou und ihrem Team. "Die Wissenschaftler analysierten für ihre Studie – die die bislang größte ihrer Art sein dürfte – 694 Publikationen zum Alkoholkonsum und 592 Arbeiten, die sich mit den gesundheitlichen Risiken des Alkohols auseinandersetzen. Alle Untersuchungen wurden im Zeitraum zwischen 1990 und 2016 durchgeführt. In ihrer eigenen Arbeit konzentrierten sich die Forscher auf 23 Krankheitsbilder, die mit dem Konsum von Alkohol einhergehen können.

Diesen ermittelten Gakidou und ihre Kollegen nicht nur, wie in den meisten Studien zum Thema Alkohol üblich, anhand von Befragungen, sondern vor allem auf der Basis der verkauften Alkoholmengen. Dabei berücksichtigten sie auch den Tourismus eines jeden Landes, um herauszufinden, welche Mengen des verkauften Alkohols von Menschen anderer Nationalitäten getrunken wurden. Zudem versuchten die Forscher, die Alkoholmengen zu bestimmen, die schwarz gehandelt oder zu Hause hergestellt wurden." (Zitat nach MedscapeDeutschland)

Damit entlarvt sich diese scheinbar neuartige Großstudie mit einer angeblich bereits beim Nullpunkt der Alkoholkonsum-Stufe beginnenden Erhöhung der Mortalität als reines, ideologisiertes Kaffeesatzlesen!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler  zum Beitrag »

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