Ärzte Zeitung, 24.01.2019

E-Health

App für Patienten aus Kardiologen-Hand

Wie mache ich für alle an der Behandlung beteiligten Ärzte und für Patienten alle relevanten Daten verfügbar? Eine Antwort auf diese Frage haben die Kardiologen gefunden – mit einer eigenen App fürs Smartphone aus Ärztehand.

Von Hauke Gerlof

App für Patienten aus Kardiologen-Hand

Der CardioCoach ist via AppStore und Google Playstore kostenlos herunterzuladen. Zuletzt ist die Terminverwaltung der Arzttermine als neue Funktionalität dazugekommen.

© wichayada suwanachun / Getty images

NEU-ISENBURG. Elektronische Patienten- und Gesundheitsakten werden derzeit an vielen Stellen entwickelt: von Krankenkassen, IT-Unternehmen, Forschungsinstituten und von speziellen Dienstleistern. Wie wäre es zur Abwechslung mit einer von Ärzten aus der täglichen Versorgungsrealität heraus entwickelten Lösung, die speziell auf die Bedürfnisse einer Fachgruppe ausgerichtet ist und gleichzeitig Patienten wie andere Arztgruppen mit einbezieht?

Genau diesen Ansatz verfolgt der Bundesverband Niedergelassener Kardiologen (BNK) schon seit einigen Jahren. Ziel war es von Anfang an, die Patienten durch das Einpflegen der Vitalparameter stärker in die Versorgung einzubinden und sie so „auf Augenhöhe“ mit dem betreuenden Kardiologen zu bringen, erinnert sich Kardiologe Dr. Franz Goss, im BNK-Vorstand für neue Versorgungsformen und für die BNK Service GmbH zuständig. Das Ergebnis der Überlegungen ist eine App, die von Patienten kostenlos in den einschlägigen Stores herunterzuladen ist: der CardioCoach .

Die Grundidee dabei sei es, die Kommunikation zwischen Patient und Arzt zu optimieren, die wichtigen medizinischen Informationen für Ärzte wie auch für Patienten im Zugriff zu dokumentieren und auf diese Weise die Eigenverantwortlichkeit der Patienten zu stärken.

Defizite in der täglichen Arbeit

„Die Idee zur App ist schon drei oder vier Jahre alt“, erläutert Goss, „aber die technischen Möglichkeiten, die App nach unseren Vorstellungen zu entwickeln, waren zunächst noch nicht gegeben.“ Die Motivation, in den vergangenen zwei Jahren aktiv zu werden, sei dann aus den Defiziten in der täglichen Arbeit erwachsen, berichtet der Kardiologe:

» Der Patient habe weiterhin sehr häufig keine aktuellen Informationen wie zum Beispiel Arztbriefe dabei.

» Laborwerte und andere Befunde lägen entweder beim Hausarzt oder zu Hause.

» Er kenne nicht alle Medikamente, die er einnimmt – „aber nur etwa 15 Prozent haben den Bundeseinheitlichen Medikationsplan dabei, obwohl der eigentlich gesetzlich vorgegeben ist“, so Goss.

Genau an diesen Stellen setzt die App der Kardiologen an

  • Der Patient dokumentiert alle wichtigen Befunde, Laborwerte, Arztbriefe per Foto seines Smartphones und macht die Informationen über die App für seine behandelnden Ärzte zugänglich.
  • Alle Gesundheitsausweise, etwa zu Gelenkprothesen, Stents, Schrittmachern, ICD etc. werden über die App erfasst.
  • Die Medikation wird per Barcode-Scan über die Pillenverpackung dokumentiert. Zudem ist ein Pillenwecker integriert, um die Medikamenteneinnahme zu sichern. Eine Rezeptbestellung online für Wiederholungsrezepte ist ebenfalls über die App möglich.
  • Seit November verfügbar ist ein Terminmodul. Arzttermine können in den Kalender des Smartphones übernommen werden.
  • Auch die Einhaltung einer Trainingsempfehlung durch den Kardiologen und ein Feedback dazu ist über die App abbildbar. Mit dieser Funktion hatte der CardioCoach im Wettbewerb „Erfolgs-Rezept Praxis-Preis 2017“ einen der Top-Plätze belegt.
  • Über den „Visiten-Button“ werden alle Informationen auf einen Blick für die Arztvisite sichtbar gemacht. Und da die Informationen auf dem Handy gespeichert sind, sind sie auch für den Notfall und auf Reisen zur Hand.

Patient entscheidet über Zugriff

„Wichtig ist vor allem, dass nur der Patient entscheidet, wer seine Daten sehen darf“, betont Kardiologe Goss. Beim Download der App wählt der Patient seinen behandelnden Kardiologen aus, aber auch der kann die Daten nur dann einsehen, wenn der Patient ihm für eine Visite einen individuellen Code gibt, den die App generiert. Auch der Hausarzt kann über einen Code Zugriff auf die Daten erhalten.

Im Vergleich mit anderen E-Akten sieht sich der BNK gut aufgestellt: „Der Patient wird am Ende selbst entscheiden, was er nutzt. Wichtig ist, dass die Daten einfach erfasst und verwertet werden können – und dass die App Lösungen für Probleme aus dem Behandlungsalltag bietet“, sagt Goss. Die Fotodokumentation beispielsweise biete viele Möglichkeiten. „Wenn etwa ein Patient unter ACE-Hemmern bemerkt, dass seine Lippen dick werden, kann er schnell über die App ein Foto an den Arzt schicken. Der kann dann direkt entscheiden, ob es sich um ein Quincke-Ödem handelt, und bei Bedarf Akutmaßnahmen ergreifen.“

Dass die Kardiologen mit der App auf dem richtigen Weg sind, zeigte sich auch beim ESC 2018 in München. Unter sieben dort vorgestellten Apps zur Unterstützung der kardiologischen Versorgung aus unterschiedlichen Ländern wurde der CardioCoach des BNK von Kongressbesuchern nach einer kurzen Vorstellung am besten bewertet.

Die App lasse sich zusätzlich auch sehr gut für die Versorgungsforschung und für Selektivverträge nutzen, glaubt Goss. Darüber könnten zum Beispiel auch über die Studiendauer hinaus neue Therapien langfristig besser eingeschätzt werden – über ein Patient Reported Outcome-Monitoring. Beispiel TAVI: Patienten könnten regelmäßig Feedback geben, wie sich der Zustand zwei, drei, vier oder fünf Jahre nach Einsetzen entwickelt. Die Möglichkeiten der Telemedizin via E-Patientenakte sind für Goss noch lange nicht ausgeschöpft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Chronische Hepatitis B auf dem Vormarsch

Mehr als jeder zweite Hepatitis-B-Fall in Europa 2017 war eine chronische Infektion, berichtet die ECDC. Bei den akuten Fällen stechen drei Länder heraus. mehr »

26 priorisierte Empfehlungen für Hausärzte

Für Hausärzte gibt es seit dieser Woche eine neue Leitlinie: Sie soll vor „Über- und Unterversorgung“ schützen. Die Empfehlungen sind jedoch nicht neu. mehr »

Was bei erhöhtem TSH-Wert zu tun ist

Nicht jeder isoliert erhöhte TSH-Wert alleine sollte Anlass für eine L-Thyroxin-Behandlung bei Kindern sein. Zu oft könnte dies zur Übertherapie führen, obwohl nur eine passagere Störung vorliegt. mehr »