Ärzte Zeitung, 22.03.2004
 

HINTERGRUND

Gefahr Nierenarterienstenose: Oft wird gar nicht bemerkt, daß den Nieren der Lebenssaft abgedreht wird

Von Thomas Meissner

Die ischämische Nephropathie scheint eine häufig übersehene Ursache für chronisches Nierenversagen zu sein, meint Professor Tomas Lenz vom KfH (Kuratorium für Heimdialyse und Nierentransplantation)-Zentrum in Ludwigshafen. Lenz und seine Kollegen empfehlen vor allem bei Patienten mit folgenden Merkmalen den Ausschluß einer höhergradigen Nierenarterienstenose (Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, 10, 2003, 10):

  • eine neue diagnostizierte Hypertonie nach dem 60. Lebensjahr,
  • Bluthochdruck bei unklarer Einschränkung der Nierenfunktion,
  • deutlicher Anstieg der Retentionswerte unter Therapie mit ACE-Hemmern oder AT1-Antagonisten,
  • Vorliegen bekannter Hochdruck-bedingter Endorganschäden wie Retinopathie, periphere Verschlußkrankheit, KHK oder zerebrovaskuläre Erkrankung,
  • rezidivierendes Lungenödem,
  • Proteinurie.

Als Begründung für diese Empfehlung führt Lenz verschiedene epidemiologische Studien an. So wiesen ein Drittel der Patienten mit fortgeschrittener Atherosklerose höhergradige Einengungen der Nierenarterien auf. Selbst ältere und scheinbar gesunde Menschen hätten zu knapp sieben Prozent Nierenarterien-Stenosen, wie eine prospektive Duplexsonographie-Studie mit 870 Personen über 65 Jahre ergeben hat. Verdacht schöpfen sollte man auch bei Plasmakreatinin-Werten von mehr als 2 mg/dl oder bei langjährigem, schwer einstellbarem Hypertonus. Möglicherweise sind auch Nikotin-abusus und Stoffwechselerkrankungen ursächlich beteiligt. Allerdings lägen dafür nicht ausreichend gesicherte Daten vor, so Lenz.

Die beidseitige Nierenarterienstenose ist zwar nicht gleichzusetzen mit der Diagnose einer ischämischen Nephropathie. Denn nicht in jedem Fall ist auch die globale Nierenfunktion eingeschränkt. Andererseits können die Folgen drastisch sein: Es drohen chronische oder akute Niereninsuffizienz und auch die kardiale Dekompensation. Die Fünfjahres-Mortalitätsrate werde mit fast 50 Prozent angegeben, warnt Lenz, auch wenn dies zum Teil an dem meist fortgeschrittenen Alter der Patienten liege.

Diagnostiziert wird eine Nierenarterienstenose derzeit am besten mit der selektiven Nierenarteriographie, meist in DSA-Technik (digitale Substraktionsangiographie). Jedoch ist diese invasive Methode mit Risiken und hohen Kosten verbunden. Eine nicht-invasive Alternative kann die Duplexsonographie sein, die auch für Verlaufskontrollen geeignet ist.

Therapeutisch steht die perkutane Nierenangioplastie, meist mit Einsetzen eines Stents im Vordergrund. Es können aber auch verschiedene gefäßchirurgische Verfahren angewendet werden, etwa bei einem Aorten-aneurysma oder bei hochgradigen Ostiumstenosen. Zudem empfiehlt Lenz die Optimierung der Blutdruckeinstellung und die Senkung erhöhter Lipidspiegel. Alle drei Monate erfolgt die Überprüfung der Nierenfunktion und des Kalium-Spiegels, wenn Hemmstoffe des Renin-Angiotensin-Systems verabreicht werden, häufiger. Den Stenosegrad kontrolliert Lenz alle sechs bis zwölf Monate mit Duplexsonographie.

STICHWORT

Ischämische Nephropathie

Unter ischämischer Nephropathie (Synonyme: vaskuläre Nephropathie, renovaskuläre Erkrankung) wird eine Form der chronischen Niereninsuffizienz verstanden, hervorgerufen durch atherosklerotisch bedingte renale Minderperfusion einer oder beider Nieren. Selten kann die Minderperfusion auch durch eine fibromuskuläre Dysplasie entstehen. Außer den Nierenarterien ist fast immer auch die Aorta betroffen. (ner)

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