Ärzte Zeitung, 19.07.2016
 

Rauf aufs Laufband!

Fitte überleben eher einen Herzinfarkt

Die Fitness beeinflusst die Sterberate nach Infarkt mehr als Rauchen, Hypertonie, Diabetes oder Adipositas.

Von Peter Leiner

Fitte überleben eher einen Herzinfarkt

Anhand eines Laufbandtests bewerteten Forscher die Fitness der Probanden.

© Paha_L / iStockphoto.com

BALTIMORE. Wer in den Jahren vor einem Herzinfarkt gut körperlich trainiert war, hat danach ein deutlich verringertes Risiko, innerhalb eines Jahres an den Folgen des Infarkts zu sterben. Das lassen die Ergebnisse des FIT-Projekts, einer retrospektiven US-Kohortenstudie vermuten.

An der Studie hatten mehr als 2000 Patienten mit Myokardinfarkt teilgenommen, die in den sechs Jahren vor dem Ereignis einen Belastungstest unterschiedlicher Intensität auf dem Laufband absolviert hatten. Ihre Fitness war auf Basis der maximal erreichten "metabolic equivalents" (MET) beurteilt worden.

Ein MET entspricht dem Ruhe-Umsatz: Bei Männern werden dafür 3,5 ml Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht pro Minute veranschlagt (Frauen: 3,15). Moderate körperliche Aktivität hat etwa einen Energieverbrauch von 3 bis 6 MET, intensive Anstrengungen beginnen bei Werten über 6 MET.

Patienten in vier Gruppen eingeordnet

Für die Studie waren die Patienten entsprechend ihrem Leistungsvermögen vier Gruppen zugeordnet worden: mit weniger als sechs MET, zwischen sechs und neun MET, mit zehn bis elf MET sowie mit zwölf und mehr MET (Mayo Clin Proc 2016; 91: 129-139).

Die Kardiologen um Dr. Gabriel E. Shaya vom Johns Hopkins Ciccarone Center for the Prevention of Heart Disease in Baltimore richteten ihr Augenmerk auf die Mortalität 28 und 90 Tage sowie ein Jahr nach dem Ereignis. Mithilfe der multivariaten Regressionsanalyse wurde der Effekt der körperlichen Fitness auf das Sterberisiko nach dem ersten Myokardinfarkt bestimmt.

Die Hypothese der Kardiologen war, dass Patienten, die bei einem solchen Laufbandtest besser abschneiden, ein geringeres Sterberisiko haben. Gründe für den Belastungstest waren unter anderem Arrhythmien, ST-Veränderungen, Thoraxschmerzen oder Kurzatmigkeit.

Der Laufbandtest begann mit einer Geschwindigkeit von 2,7 km / h und wurde bis zur 15. Minute auf 8,8 km / h gesteigert. In jeder Stufe musste der Patienten drei Minuten lang laufen. Um etwa die Balance zu halten, durfte ein Handlauf benutzt werden.

Wie die Ärzte berichten, waren 28, 90 und 365 Tage nach dem Infarkt 10,6 Prozent, 15,7 Prozent und 24,5 Prozent der Studienteilnehmer gestorben.

Je fitter die Patienten innerhalb der sechs Jahre vor dem Ereignis waren, umso niedriger war die Sterberate 28 Tage nach dem Herzinfarkt. Sie betrug 13,9 Prozent bei weniger als 6 MET und 6,0 Prozent bei mindestens 12 MET.

Jedes zusätzliche MET reduziert Sterberisiko

Aus der Analyse der Daten ging zudem hervor, dass Patienten, die starben, eher schon älter und weniger fit sowie nicht adipös waren und wegen einer Hypertonie behandelt wurden. Bei Berücksichtigung verzerrender Faktoren geht Shaya und Kollegen zufolge bei allen drei Zeitpunkten nach dem Infarkt jedes zusätzliche MET mit einer relativen Reduktion des Sterberisikos um 8 bis 10 Prozent einher.

Der Studie zufolge beeinflusst die Fitness die Sterberate nach einem Infarkt mehr als die traditionellen Parameter Alter, Rauchen, Hypertonie, Hyperlipidämie, Diabetes und Adipositas, was auch in früheren Studien beobachtet worden ist.

Einschränkend weisen die Kardiologen darauf hin, dass die körperliche Fitness der Patienten möglicherweise zu hoch eingeschätzt worden ist und keine Angaben zur Medikamentendosierung und -einnahmedauer berücksichtigt worden sind.

[19.07.2016, 12:51:21]
Thomas Georg Schätzler 
Kausaler Zusammenhang ist damit nicht bewiesen!
Was ich mir schon gedacht habe: Das ist keine prospektiv randomisierte, kontrollierte Studie im RCT-Design, bei der sonst vergleichbare Kohorten trainierter und untrainierter Patienten im Ergebnis nach stattgehabtem Myokardinfarkt prospektiv untersucht und verglichen wurden ["Patients and Methods - This retrospective cohort study included 2061 patients without a history of MI (mean age, 62±12 years; 38% [n=790] women; 56% [n=1153] white) who underwent clinical treadmill stress testing in the Henry Ford Health System from January 1, 1991, through May 31, 2009, and suffered MI during follow-up (MI event proportion, 3.4%; mean time from the exercise test to MI, 6.1±4.3 years)"].

Sondern in einer rein retrospektiven Register-Analyse überlebten Patienten mit einem Körperlichen Training in der Anamnese bei Myokardinfarkt besser als völlig Untrainierte. Das ist allerdings nun wirklich nicht viel mehr als eine Binsenweisheit. Beim Marathonlauf brechen auch die Untrainierten eher zusammen als die Profis.

Der unzulässige "Birnen-Äpfel-Vergleich" wird deutlich, wenn die Studienautoren eingestehen müssen, dass die höhere Myokardinfarkt-Mortalität eher mit höherem Lebensalter (!), geringerer Fitness (!) , seltenerem Übergewicht (cave: Konsumierende Begleiterkrankungen!), Hypertonie(!) und längerem Zeitintervall bis zum Herzinfarkt zusammenhing. ["Patients who died were more likely to be older, be less fit, be nonobese, have treated hypertension, and have a longer duration from baseline to incident MI (P<.05)"].

Nur auf Grund einer einzigen retrospektiven Analyse behaupten zu wollen, die Fitness beeinflusse die Sterberate nach einem Infarkt mehr als traditionelle Parameter wie Alter, Rauchen, Hypertonie, Hyperlipidämie, Diabetes und Adipositas zusammen, stellt alle hypertensiologischen, kardiologischen und epidemiologischen RCT-Studien-Erkenntnisse auf den Kopf und nicht auf die Füße!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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